„Tagsüber Zirkus, abends Theater“

„Tagsüber Zirkus, abends Theater“ … so würden viele Eltern ihren Alltag beschreiben. Die Hamburger Autorin und Bloggerin Claudia Haessy hat ein kluges, witziges und extrem unterhaltsames Buch über genau diesen Alltag geschrieben. Zwischendurch müssen die Leserinnen und Leser auch mal kräftig schlucken, denn obwohl alles perfekt scheint, ist es eben doch nicht so einfach, Arbeit, Kleinkind und Ehe unter einen Hut zu bringen und dabei nicht komplett die Nerven zu verlieren.

Was uns an diesem im April 2021 im Rowohlt Verlag erschienenen Nachfolger von Claudia Haessys Erstling ( „Wenn ich die Wahl habe zwischen Kind und Karriere, nehme ich das Sofa“) so besonders gut gefallen hat, ist der mühelose Wechsel zwischen Sarkasmus, schnellem Scharfsinn und exakten Alltagsbeschreibungen, die witziger nicht sein könnten. Die Protagonistin heißt übrigens auch Claudia, komischer Zufall. Aber so ist es wahrscheinlich: wir alle könnten Claudia sein.

Und worum geht es?

Eine Wohnung in Hamburg-Eppendorf, Mann und Kind – die perfekten Zutaten für eine Kleinfamilie? Nicht für Claudia. In Eppendorf herrschen merkwürdige Regeln. Bei Kindergeburtstagen kommen immer Mama und Papa (aus Angst, das Kind könnte beim Topfschlagen zu Tode kommen). Schnell lernt sie schnell die beruhigende Einsamkeit von Badezimmern schätzen (man kann die Tür abschließen). Claudia Haessy erzählt wunderbar und unheimlich witzig von den ersten Jahren als Mutter, in denen sie vor allem feststellt, dass das Glück im Unperfekten liegt: man kann getrennt leben, aber trotzdem zusammen sein; und vielleicht ist sie nicht Hamburg-Eppendorf, sondern einfach Barmbek-Süd.

Wir haben uns mit der Autorin über das Selbstwertgefühl von Müttern unterhalten, über Schulgefühle und Nutella und wissen jetzt, was wir auf keinen Fall machen sollten (Spoiler: zu viele Baustellen bearbeiten).

Liebe Frau Haessy, erst einmal herzlichen Glückwunsch zu Ihrem unterhaltsamen, witzigen, klugen, voll aus dem Leben-Buch über das Muttersein in Hamburg-Eppendorf! „Tagsüber Zirkus, abends Theater …“ der Titel hat uns erst einmal in die Irre geführt. Eigentlich haben wir ein weiteres Buch darüber erwartet, wie anstrengend das Leben mit kleinen Kindern ist. Dabei strengt die Protagonistin Claudia etwas anderes sehr an: die anderen Mütter. Genauer: Die Porsche-Cayenne-Mütter. Ist das eine Spezies aus Ihrem persönlichen Umfeld?

Früher tatsächlich. Ich habe in einem Bezirk gewohnt, in dem allein die Wickeltasche der meisten anderen Mütter mehr kostet, als ich während der ersten drei Jahre insgesamt  für Windeln ausgegeben habe. Ich glaube, solche Mütter bzw. solche Bezirke gibt es in jeder Großstadt – und ich passte da so gut hin wie ein Warzenschwein unter Flamingos. Das kann am Selbstwertgefühl nagen.

Wir haben das Buch in einem Rutsch durchgelesen, es ist perfekt für den Urlaub oder den coronabedingten stay@home-Abend auf dem Sofa. Haben Sie es ebenso leicht und schnell geschrieben?

Oh Gott, ich wünschte, es wäre so! Aber es hat viel zu lange gedauert. Das lag aber nicht daran, dass mir das Schreiben an sich so schwer fiel, sondern vielmehr an extrem vielen privaten Baustellen. Als berufstätige Mutter ist es schon schwierig sowas in Einklang zu bringen, als alleinerziehend berufstätige Mutter noch ein wenig mehr und wenn man dann noch zwischendurch mit Karacho in eine depressive Phase schlittert, nun, dann dauert so ein Buch einfach länger.

Wie lange haben Sie denn konkret an dem Buch gearbeitet?

Von Vertragsunterzeichnung bis Abgabe waren es 3,5 Jahre. Das erste Buch habe ich in weniger als die Hälfte geschrieben.

So wie sich Ihre Hauptfigur an den anderen Müttern stört, stört sie sich auch an sich selbst. Sie scheint unter großem Druck zu stehen, was ihre Figur, ihre Ehe, ihren Job betrifft. Eigentlich schade, weil sie doch so witzig und klug scheint … Neigen Mütter dazu, sich permanent zu vergleichen?

Ich bin keine Freundin von Pauschalisierung. Es gibt sicherlich welche, die vor Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein nur so strotzen, aber leider eben noch sehr viele, die mich sich hadern. Mit ihrem Post-Baby-Body, der immer wieder nicht funktionierenden Vereinbarkeit von Job und Kind, und, und, und. Wenn man dann auf Instagram & Co. immer noch und ständig so viele Mütter sieht, bei denen das so leicht ist bzw. leicht aussieht, kann das schwierig sein. Deswegen ist es wichtig, darüber zu sprechen. Damit klar ist: Man ist nicht allein mit seinem Struggle und diese Gefühle und Selbstzweifel sind normal.

Schuldgefühle sind, so sagt Claudia, neben Feuchttüchern ihr permanenter Begleiter. Woher kommen diese mütterlichen Schuldgefühle? (Und gibt es vielleicht ein Rezept dagegen?)

Zu viele Baustellen. Wir versuchen, die perfekte Mutter zu sein, die perfekte Hausfrau, die perfekte Partnerin und perfekt im Job. Das kann nicht funktionieren. Irgendwas bleibt immer auf der Strecke. In der Regel jedoch man selbst. Weil man ausbrennt, wenn man ohne Hilfe versucht, all das zu meistern. Viele haben keine Hilfe. Keine Familie, die unterstützt, kein Geld für Babysitter oder Haushaltshilfe, keinen Arbeitgeber, der das Dilemma versteht. Das ist ein Teufelskreis. Und aus dem kann man nur ausbrechen, wenn man sich selbst gestattet, nicht perfekt sein müssen. Und wenn man Menschen in seiner Umgebung hat, egal, ob analog oder digital, die einem etwas anderes einreden, sollte man auf Abstand gehen. Niemand braucht so einen toxischen Schmonsens. Das Leben ist zu kurz für sowas.

Rosinen, so haben wir gelernt, sind der Crack der Kleinkindzeit und unbedingt zu vermeiden. Müssen wir uns noch vor weiteren angeblich gesunden und harmlosen Dingen und Situationen in Acht nehmen?

Obst in jeder Form ist zu vermeiden. Da ist Fruchtzucker drin. Dann doch lieber direkt Nutella. Da ist zwar auch Zucker drin, aber auch super viele Haselnüssen – und die sind super gesund! Spaß beiseite: Hört auf niemanden. Nicht auf eure Tante, wenn sie euch erzählt, wie sie damals kurz nach dem Krieg als Kind nur Staub und Möhren zu essen bekam, nicht auf eure Freundin, die euch ständig Artikel wie “10 Fehlern, die jede Mutter beim Brei kochen macht” schickt und nicht auf die Mutter, die einem auf dem Schulfest unaufgefordert einen Vortrag darüber hält, warum vegane Ernährung bei Kindern Misshandlung sei. Hört auf niemanden. Vor allem nicht auf mich.

Interview: Bettina Wolf // Foto: privat

BUCHVERLOSUNG!

Jippieh! Wir verlosen vier (4!!!) Exemplare von Claudia Haessys neuem Buch. Wer sich angesprochen fühlt, oder ganz dringend eine Auszeit auf dem Sofra braucht, schreibt bis zum 15. Juli und ist mit etwas Glück im Lostopf! Betreff: Zirkus. 

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