Das Beste kommt noch

Noch nie waren Großeltern so jung, so fit wie heute. Noch nie hatten sie so viel Zeit und Interesse, am Leben der Kinder und Enkel teilzunehmen, am Ball zu bleiben, die Ferien gemeinsam zu verbringen und Teil „ihrer“ Welt sein. Paradoxerweise sind Großeltern gleichzeitig die gesellschaftlich am meisten unterschätzte Gruppe in Deutschland. Wir haben uns umgehört und sind auf bloggende Omas gestoßen und ebenso spannende und berührende Familiengeschichten kennenlernen dürfen.

Großeltern heißen überall anders: „La Nonna“, so wird die Oma in Italien gerufen. „Babuschka“ heißt sie in Russland und „Abuela“ in Spanien. „Büyükbaba“ heißt der Großvater in der Türkei und „grand-père“ in Frankreich. So unterschiedlich wie ihre Kosenamen, so unterschiedlich verstehen und leben Großeltern auch ihre Rollen weltweit. Was wir klassischerweise in Westeuropa bisher mit ihrer Rolle verbinden: trösten, Bücher vorlesen, Taschengeld schicken, babysitten, von früher erzählen – stimmt nur noch in seltenen Fällen. Die Beziehung von Enkeln und Großeltern ist heute so vielfältig wie nie zuvor. Das liegt natürlich auch an der langen Lebenszeit, die Großeltern noch vor sich haben, wenn sie Enkel bekommen. Viele sind noch berufstätig, machen Sport, nehmen am politischen und kulturellen Leben teil und so fällt es leicht, eine Verbindung zur Welt der Enkel herzustellen. Omas und Opas bloggen erfolgreich. Fragen sich gegenseitig online um Rat, posten lustige Zitate und glückliche Momente mit den Enkeln. Gründen „Think Tanks“ für die Frauen der heutigen Oma-Generation, zum Beispiel mit der Schweizer Plattform „Großmütter-Revolution“.

Deutsche Paare werden im Durchschnitt mit 52 Jahren zum ersten Mal Großeltern. Und im Gegenteil zu den ländlich geprägten Arbeitsbedingungen früherer Generationen, gehen die meisten Großeltern heute klassischen Bürojobs nach. Um 17 Uhr ist Feierabend und dann wird sich um die Enkel gekümmert.

Viele junge Eltern verlassen sich auch als Erwachsene voll und ganz auf ihre Eltern. Organisatorisch – und auch finanziell. Denn ohne die Hilfe der Großeltern bekämen viele Paare Kinder und Job nicht unter einen Hut und ihr  Leben nicht finanziert. Eine gute Kita? Ein familienfreundlicher Arbeitgeber? Nützt nichts, wenn das Kind schon wieder Läuse oder Scharlach oder Magen-Darm-Grippe hat. Wenn beide Eltern voll arbeiten und eventuell sogar ab und zu auf Geschäftsreise gehen – wie soll das ohne einen doppelten Boden, ohne eine zweite und dritte Absicherung gehen? Gar nicht! Und deshalb ist es ein unbezahlbares und beneidetes Gut, wenn die Eltern oder Schwiegereltern in der Nähe wohnen. Wenn das Verhältnis entspannt ist, und, ja, auch wenn sich die Großeltern aus der Erziehung weitestgehend raushalten. Das fällt schwer. Speziell in den ersten Wochen und auch Monaten, wenn das Baby durchgehend im Tragetuch bei Mama oder Papa schläft oder an der Brust trinkt.

„Meine Enkelin sei ein ‚Tragling‘. Das fand ich sehr merkwürdig. ich wollte sie lieber im Kinderwagen schieben“

„Ist das nicht etwas übertrieben?“,  wunderte sich Anja S., die seit ihrer Scheidung vor zehn Jahren in einem Dorf in der Nähe von Heidelberg lebt. „Ich wollte das Baby auch halten und wickeln und noch lieber stolz im Kinderwagen durch das Dorf schieben. Aber das kam gar nicht in Frage. Kurz auf den Arm nehmen durfte ich es erst, als es sechs Wochen alt war. Einen Kinderwagen hatten mein Sohn und seine Frau gar nicht gekauft, aus Prinzip, Leah, so heißt meine Enkelin, sei ein ‚Tragling‘. Das fand ich merkwürdig, und meine Freundinnen haben mir zugestimmt. Als ich irgendwann – ich gebe es zu – einfach einen Kinderwagen gekauft habe, gab es richtig Streit.“

Die 60-Jährige geschiedene Arzthelferin zog sich gekränkt zurück. „Aber dann war mir die Beziehung zu den Kindern und zu meinem Enkelkind doch wichtiger. Heute akzeptiere sie es kommentarlos, wenn ihre Schwiegertochter exakte Anweisungen gibt, wie was und wann zu erledigen ist. Was Leah anziehen soll und was sie essen darf. „Und jetzt merke ich, wie schön es trotzdem ist und wie sich alle freuen, wenn ich komme. Ich hole Leah an einem festen Tag in der Woche von der Kita ab, dann laufen wir nach Hause und sehen uns ganz in Ruhe jedes Blatt an, das von den Bäumen fällt oder jede Ameisenstraße. Wir spielen und kochen zusammen, bis ihre Eltern von der Arbeit kommen. Gekocht wird bei ihnen übrigens nur vegetarisch, auch daran musste ich mich gewöhnen. Auch daran, dass Leah keine Kleidung mit Schriftzügen oder Glitzer tragen soll. Verstehen muss ich das wohl nicht. Aber ich akzeptiere es.“

Hyon-Phon Kim fällt es ebenfalls sehr schwer, die Vorstellungen ihres deutschen Schwiegersohns zu akzeptieren. Zu einem Generationenkonflikt kommen hier noch kulturelle Unterschiede. Dass ihre Tochter zum Studium nach Berlin zog, machte Hyon-Phon Kim stolz und traurig zugleich. Und dann das. Das erste Enkelkind kam und sollte von Anfang an alleine schlafen? „Wer hat sich denn das ausgedacht?“, noch heute, nach zehn Jahren, hört man ihrer Stimme die Empörung an. Ein kleines Kind allein im dunklen Zimmer? „Ich war ratlos. Ich wollte Noah tragen, ihn verwöhnen, er durfte bei mir im Bett schlafen.“ Stattdessen gab es klare Regeln, an die sich alle halten sollten.“ Aber das wollte die gekränkte Großmutter nicht. Heute sieht sie ihren Enkel nur selten, wenn die Eltern mit ihm zu Besuch kommen. „Es ist ein großer Schmerz“, sagt die 55-Jährige.

Wenn Kinder Eltern werden, dann wollen sie meistens zwei Dinge: das Beste für ihr Baby und nicht dieselben Fehler machen, wie ihre Eltern. Wer unter der Erziehung der eigenen Eltern gelitten hat, wird auf entsprechende Erziehungsversuche allergisch reagieren. Für alle Seiten ist es in der Regel sehr schmerzhaft, wenn die Beziehung zu den eigenen Kindern so konflikthaft ist, dass diese den Umgang mit den Enkeln unterbinden. Immerhin verlieren rund 150.000 Kinder jährlich den Kontakt zu ihren Großeltern. Diese können zwar versuchen, vor Gericht ein Umgangsrecht* zu erstreiten, sie sind aber in den seltensten Fällen erfolgreich. Wenn Großeltern versuchen, Konflikte mit Macht zu lösen, können sie eigentlich nur verlieren.

Und wenn es zu Konflikten kommt? Ein Bruch in der Enkel-Oma/Opa-Beziehung erfolgt oft, wenn sich die Eltern trennen. Vor allem zwischen geschiedenen Müttern und ihren Schwiegereltern gibt es Spannungen, das belegt die Familienforschung. Nur knapp 50 Prozent der Eltern eines getrennten Vaters sind zufrieden mit dem Kontakt, den sie zu ihren Enkeln haben; unter den Eltern getrennter Mütter sind es 90 Prozent. Dabei brauchen nicht nur Enkel den Kontakt zu ihren Großeltern, auch Großeltern brauchen Enkel. Es ist erwiesen, dass die Lebensqualität im Alter eng damit zusammenhängt, wie intensiv und harmonisch sich der Kontakt zur übernächsten Generation gestaltet.

bw // Foto: Istock

* Seit 1998 ist ein Umgangsrecht zwischen
Enkeln und Großeltern im Familienrecht
verankert (Paragraf 1685, BGB)

Zum Weiterlesen …
Erhard Chvojka: Geschichte der Großelternrollen vom 16. bis zum 20. Jahrhundert, Böhlau.
Christiane von Grone: Das Großeltern-Handbuch, G+J

29. November 2018

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