Die Sehnsucht bleibt

Viele Frauen erfahren eine Fehlgeburt in den ersten Schwangerschaftswochen. Die Sehnsucht nach einem Kind geht aber nicht einfach so weg. Die Angst vor einem erneuten Verlust auch nicht. Wenn Frauen ihr Kind im Mutterleib verlieren, spricht man von „Missed Abortion“ oder von einer Fehlgeburt oder von Schwangerschaftsverlust.

Franzi* erinnert sich, als wäre es gestern gewesen. An den Tag, als sie zum ersten Mal einen Schwangerschaftsverlust* erleben musste. Eigentlich war morgens alles ganz normal. Sie und ihr Freund Jan hatten gefrühstückt, sich verabschiedet, dann fuhr sie ins Büro. Nach der Arbeit hatte sie einen Termin beim Frauenarzt,
da wollten sich die beiden wieder treffen. Ein Routine-Termin. Franzi war in der 12. Woche schwanger und überglücklich. Erzählt hatten sie und ihr Freund es noch niemandem, abgesehen von den beiden Großelternpaaren in spe, „aber eigentlich wollte ich es täglich in die Welt jubeln. Endlich, endlich bekommen wir unser Wunschbaby!“ Franzi war zu dem Zeitpunkt 30 Jahre und kerngesund. „Wir achten sehr auf gesunde Ernährung und gehen regelmäßig segeln,“ erzählt die schmale heute 35-Jährige. „An diesem Tag habe ich mich im Büro plötzlich ganz schwach gefühlt, kurz habe ich überlegt, ob ich eine Grippe bekomme, so hat es sich angefühlt“, erzählt Franzi weiter. „Und dann war es so, als würde ein Damm brechen. Ich konnte nicht aufhören zu bluten. Es war schrecklich.“ Eine Kollegin rief den Notarzt und im Krankenhaus konnte  nur noch der Tod des Fötus festgestellt werden.

Seitdem war Franzi noch zweimal schwanger. Und zweimal kam es zu einem Verlust der Schwangerschaft. Nicht so dramatisch, wie das erste Mal und auch viel früher. 9. Woche, 6. Woche. Der Schmerz aber war jedes Mal gleich. Und der Wunsch nach einem Kind wurde von Mal zu Mal stärker. Bis er zu dem einzigen, allumfassenden Thema wurde. Zuerst, nach jeder Fehlgeburt, waren sie und ihr Partner jedes Mal „sprachlos vor Trauer“ und auch irgendwie wütend. Auf sich, auf alle anderen, die scheinbar problemlos schwanger wurden und es auch blieben. Darüber zu sprechen wollten sie immer noch nicht. Denn die wenige Versuche endeten mit Unverständnis. „Es hat doch noch nicht gelebt“, wollte Franzis Mutter „trösten“. Und von ihren Freundinnen erfuhr Franzi, dass es jeder zweiten Frau ähnlich ergehe. „Fehlgeburten sind doch normal“, so die oft gehörte Aussage.

„Für mich hat dieses Kind gelebt“

„Für mich hat das Kind schon gelebt“, erzählt Franzi und auch nach vielen Jahren spürt man im Gespräch noch immer ihre Erschütterung beim Erzählen und auch den Schmerz. „Gerade das erste Kind war absolut real. Ich habe von ihm geträumt – in meiner Vorstellung war es ein kleiner Junge mit Locken. Wir sind im Traum durch den Wald gelaufen und er hat so unglaublich süß mit mir geredet und gelacht. Ich sehe noch die Bäume, die Sonne und den Weg vor mir. Für mich war es absolut real.“

„Einen starken Kinderwunsch zu haben und nicht darüber reden zu können, ist ein großer Druck“, erzählt Franzi. Aber darüber reden habe auch nicht geholfen, zu schmerzhaft und schambesetzt sei das Thema. Und vor allem: die Trauer um ein so früh verlorenes Kind habe keinen Platz in der Gesellschaft. Aber Trauer lässt sich nicht verleugnen und seit einigen Wochen arbeitet Franzi den Verlust mit einer Therapeutin auf. „Ohne diese Erfahrung, hätte ich mit niemandem über die Zeit sprechen können. Aber jetzt weiß ich: ich Viele Frauen erfahren eine Fehlgeburt in den ersten Schwangerschaftswochen. Und ich möchte andere Frauen, die ebenfalls Fehlgeburten erfahren mussten, ermutigen und stärken.“ Zweimal musste Franzi ausgeschabt werden, beim ersten Mal wurde die Geburt eingeleitet, damit der Körper die Möglichkeit hatte, den Fötus zu gebären. Sehen wollten es die beiden nicht. „Das finde ich heute sehr schade“, sagt Franzi,„aber ich konnte es damals einfach nicht. Ich hatte zu große Angst davor, wie es aussehen würde.“

Experten schätzen, dass zwischen 30 und 40 Prozent aller Schwangerschaften in den ersten zwölf Wochen im Verlust enden. Die moderne Medizin bietet heute zahlreiche Behandlungsformen zur Möglichmachung einer Schwangerschaft. Von Hormontherapie bis zur künstlichen Befruchtung. Es gibt Inseminationen und Intrazytoplasmatische Spermieninjektionen. In manchen Ländern sind die Bedingungen deutlich lockerer als in Deutschland. Schätzungen zufolge entscheiden sich jährlich mehrere tausend Paare für ihren Kinderwunsch ins europäische Ausland zu gehen. Inzwischen hat sich daraus ein eigener lukrativer Geschäftszweig entwickelt. Kliniken, Zentren, oder Reiseagenturen nach Dänemark, Polen, Tschechien, Spanien haben sich auf die Betreuung von solventen (oder verzweifelten) Kinderwunsch-Paaren spezialisiert. Kritiker bezeichnen es als „Kinderwunschtourismus“. Auf der Reproduktionsmedizin-Messe „Kindertage“ in Berlin werden  regelmäßig die neusten Therapien und Methoden präsentiert. Deutlich wird dort: Die internationale Reproduktionsmedizin setzt immer mehr auf genetische Tests, bei 10 Prozent der Frauen und 20 Prozent der Männer hat Infertilität genetische Ursachen. Ebenso kommt das „Social Freezing“, also das vorsorgliche Einfrieren von Eizellen, immer mehr in der Mitte der Gesellschaft an. Heute werden bereits etwa drei Prozent der Babys nach einer künstlichen Befruchtung geboren.

All diese Möglichkeiten kamen für Franzi und ihren Mann bisher nicht in Frage. Nach drei erfolglosen Versuchen haben sich die beiden aber jetzt doch an eine Kinderwunschklinik gewendet. Erst einmal bekommt Franzi „nur“ eine Behandlung mit Hormonspritzen; dann wollen sie weitersehen. Die Ärztin immerhin konnte ihnen Hoffnung machen. Und mehr will Franzi zurzeit nicht. Nur hoffen können, dass es nicht zu spät ist und dann es irgendwann doch klappt.

bw // Foto: Adobe Stock

*Die Namen der Beteiligten wurden auf Wunsch geändert. Die Namen sind der Redaktion bekannt.

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