StadtLandKind. | Ausgabe 3/2019

Was genau ist eigentlich „Hochsensibilität“? Sehr geehrte Frau Weinmann, was ist Hochsensibilität? Ist es eine Krankheit? Oder ein Zustand? Oder einfach ein neues Modewort? Marlene Weinmann: Das ist Definitionssache. In der psycho- logischen Fachwelt wird der Krankheitsbegriff in den letzten Jahren heftig diskutiert. Würde man etwa sagen, eine psychi- sche Krankheit ist dadurch definiert, dass eine Abweichung von der Norm besteht, die für betroffene Personen häufig mit einem gewissen Maß an Leiden einhergeht und die Leistungs- fähigkeit einschränken kann, könnte man sagen: Ja, es ist eine Art Störung. Offiziell als Erkrankung definiert ist Hochsensibilität nicht, da sie nicht als eines der Störungsbilder im ICD-10, dem in Deutschland gängigen Klassifikationssystem für „Störungen von Krankheitswert“ aufgeführt ist. Das war ADHS aber bis vor ein paar Jahren auch nicht und nun ist es die häufigste Diagnose für Kinder im Grundschulalter. Dass Hochsensibilität momentan ein Modewort ist, würde ich auf jeden Fall so sehen. Der Begriff „Zustand“ trifft es vielleicht am ehesten. Was sind die Kennzeichen hochsensibler Kinder? Hochsensibilität zeigt sich bei Kindern etwa darin, dass sie besonders aufmerksam gegenüber ihrer Umgebung sind. Sie hören, sehen, riechen, fühlen oder verstehen auch teil- weise mehr als ihre Altersgenossen. Gleichzeitig erleben sie Wahrgenommenes intensiver. Auch verfügen sie über ein ausgeprägteres Langzeitgedächtnis: Was – auch emotional – intensiv erlebt wird, bleibt länger im Gedächtnis, wie man aus der Hirnforschung weiß. Dazu passt die Beobachtung, dass hochsensible Kinder ein vergleichsweise reicheres, regeres Innenleben zu haben scheinen. Ein Nachteil vom „Elefanten- gedächtnis“ kann sein, dass auch Verletzungen länger und deutlicher präsent bleiben, wodurch verzeihen erschwert wird und seelische Wunden langsamer heilen und größere Narben hinterlassen. Oft merken hochsensible Kinder außerdem, wenn es anderen nicht gut geht und fühlen sich dadurch in ihrer eigenen Stimmung beeinträchtigt. Wie kann man helfen? Welche Möglichkeiten gibt es? Diese Kinder sollten – wie alle anderen Kinder auch – das Gefühl vermittelt bekommen, dass sie in Ordnung und angenommen sind, so wie sie sind. Das mag banal klingen, ist aber für Kinder, die irgendwie „anders“ sind, niemals selbstverständlich. Sie merken, dass sie sich von ihren Alters- genossen unterscheiden und fragen sich, ob mit ihnen etwas „nicht stimmt“. Die hier entstehenden Selbstzweifel können sich bis zum Selbsthass steigern. Hochsensible Kinder brauchen von ihrem Umfeld unbedingt eine akzeptierende Grundhaltung. Förderlich sind außerdem Räume und Tätigkeitsbereiche, in denen sie sich wohl fühlen und ihre Kompetenzen ausleben können, um ein gesundes Selbstbewusstsein entwickeln zu können. Die Möglichkeit, sich bei erlebter Überreizung zurückzuziehen, ist ebenfalls ein wichtiger Punkt. Worauf sollten Eltern achten, wenn sie die „Befürchtung“ haben, dass ihr Kind „zu sensibel“ ist? Mindestens genauso wichtig wie das, was sie tun können, finde ich, was Eltern gerade NICHT für ihre Kinder tun sollten, nämlich zu versuchen, ihnen jeden Wunsch von den Augen abzulesen, jegliche Frustration zu ersparen, sie vor jedem Schmerz zu bewahren und ihnen jede Last von den Schultern zu nehmen. Wichtig ist auch, dass Kinder lernen, sich abzu- grenzen. Haben Eltern hier selbst Schwierigkeiten, sollten sie in erster Linie an sich arbeiten. Sind hochsensible Kinder schutzloser als andere? Können sie leichter verletzt werden? Und was kann man dagegen machen? Ja, ich würde sagen, sie sind schutzloser und können in den selben Situationen schneller und auch tiefer verletzt werden als andere Kinder, eben weil sie nach außen hin schlecht abgegrenzt sind. Daher: Grenzen stärken von allen Seiten ist das zentrale Thema. bw // Foto: privat Das Interview in voller Länge auf: www.stadtlandkind.info/hochsensibel/interview Kotakt zu Marlene Weinmann unter: www.systemische-praxis-hd.de Ist es eine Krankheit? Oder einfach ein neues Modewort? Interview mit Marlene Weinmann von der Systemischen Praxis für Therapie, Beratung, Coaching & Supervision in Heidelberg.

RkJQdWJsaXNoZXIy NDY3NDc=