HAPPYLAND

Das Junge Nationaltheater Mannheim wird 40 Jahre alt und das muss gefeiert werden. Doch es gibt nicht nur Torten und Party, sondern auch eine Stadtteil Performance zum Thema Rassismus. Statt dem „Blick zurück“ feiert das Traditionshaus den „Blick nach vorn“ und die Überlegung: „Wer spricht?“ Und: Ist es wirklich angemessen, dass in einer so multikulturellen und vielfältigen Stadt wie Mannheim überwiegend weiße, deutsche Menschen ohne Migrationshintergrund im Theater arbeiten? Mit dem Projekt „HAPPYLAND“geht das Junge Nationaltheater raus aus dem Theater – und rein in die Stadt und überlegt an vier verschiedenen Standorten, gemeinsam mit Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen, wo überall in unserem Alltag, in unserer Sprache und in unseren Überzeugungen offener oder auch unbewusster Rassismus sichtbar wird.

Ausgangspunkt für HAPPYLAND ist das Buch „exit Racism“ der Autorin und Anti-Rassismus-Trainerin Tupoka Ogette, eine Art Anleitung, rassismuskritisch denken zu lernen. „Wir wollten das Buch und seine Inhalte haptisch werden lassen“, erklärt Sebastian Reich, Schauspieler am Jungen NTM und künstlerischer Leiter von HAPPYLAND, das anspruchsvolle Projekt. „Wir wollen die Menschen zum Diskurs einladen, zum Gespräch über Fragen des alltäglichen Rassismus.“ Damit das auf Augenhöhe und unterhaltsam möglich ist, kreierte Sebastian Reich einen bunten Wohnwagen, der, samt Lichterketten, Vorgarten und Planschbecken, HAPPYLAND darstellen wird. Die „mobile Stadtteilrecherche“ ist an jeweils drei Tagen im September in vier Mannheimer Stadtteilen unterwegs und lädt ein, den eigenen Vorurteilen näher zu kommen. Die abstrakten Themen Critical Whiteness, Mikroaggression, struktureller Rassismus oder Racial Profiling sollen so spielerisch erfahrbar werden. Beispielsweise können – versteckt in Ü-Eiern – einzelne Sätze und Begriffe aus dem Planschbecken geangelt werden. Die ständige Frage, mit der HAPPYLAND sich „People of color“ konfrontiert sehen, nämlich: „Woher kommst du?“, nervt nicht nur, sondern beinhaltet eine spezielle Form des Rassismus. Einen, der uns schon so geläufig ist, dass wir ihn selbst – die wir uns als erklärte Nicht-Rassisten bezeichnen – gar nicht mehr auffällt. Was an HAPPYLAND erst einmal abgehoben klingt, abstrakt oder spaßbefreit bekommt zurzeit tagtäglich seine Berechtigung und Aktualität. Ob man auf die Straßen Deutschlands schaut, wo Menschen mit Migrationshintergrund beschimpft, verfolgt, geschlagen werden, ob man in die Kommentarspalten in den sozialen Medien schaut, in denen sich offener Rassismus, Hass und Hetze täglich Bahn bricht … das Projekt kommt zur rechten Zeit!

Die Theaterarbeit mit und für Kinder und Jugendliche öffnet diesen traditionell die Zugänge zur Welt. Und den Erwachsenen öffnet sie nicht selten die Augen darüber, was Kinder wirklich interessiert. Was sie bewegt und was sie sich für die Zukunft wünschen. „Hier sind wir ganz schnell an das Thema gestoßen: Wird wirklich jedes Kind unserer Stadt repräsentiert? Fühlt sich jedes Kind wahrgenommen – oder gibt es viele Kinder, die Theater als einen Ort sehen, der NICHT für sie bestimmt ist?“, erklärt Intendantin Ulrike Stöck. „Man kann das sehr schön an unserem Publikum sehen: Unter der Woche liegt der Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund bei über 80 Prozent. Wenn die Kinder mit ihren Schulen und Kitas kommen, bilden wir die Stadt total ab. Am Wochenende ist unser Theaterpublikum nach wie vor traditionell weiß, gutbürgerlich, klassisch. Diese Beobachtungen weitergedacht, da sind wir ganz schnell am Thema Rassismus angekommen.“

„Auch unser Haus, unser Ensemble ist nicht so divers, wie es in einer so vielfältigen Stadt wie Mannheim sein sollte.“ Woran liegt es, dass ich, wenn ich eine Stelle ausschreibe, 45 Bewerbungen von deutschen, weißen, blonden Mädchen bekomme?“ Sebastian Reich ergänzt: „Wir müssen uns Gedanken darüber machen, welche Strukturen dazu beitragen, dass unser Theater kein Spiegel der uns umgebenden, vielfältigen Gesellschaft ist, denn der sollte es eigentlich sein.“

Damit HAPPYLAND der vorstellbare Ort wird, der durch weiße Privilegien gekennzeichnet und abgeriegelt ist und der darauf baut, dass sich die Bewohner ihrer Privilegien nicht bewusst sein müssen, sie aber zu einem Zustand des „kritischen Weißseins“ kommen, wird das Projekt HAPPYLAND weitergeführt. Und zwar in einem Jahresclub für 14- bis 17-Jährige, der logischerweise „(EXIT)HAPPYLAND“ heißt. Ab dem 23. September treffen sich die interessierten Jugendlichen immer
montags mit Sebastian Reich und werden so Teil der Stadtteilrecherche zum Thema Rassismus.

Jetzt sagen wir erst einmal: Happy Birthday, liebes Junges Nationaltheater Mannheim . Danke, dass es euch gibt. Als magischen Raum, der Träume und Utopien wahr werden lässt. Der viele Fragen stellt und Diskussionen anstößt und auch mal unbequem ist und uns zum Nachdenken anregt. Ein Ort, der unterschiedslos für alle Menschen da ist.

INFO:

HAPPYLAND
Eine mobile Stadtteilrecherche rund um das Thema „Wer spricht?“ Das Junge NTM ist mit dem HAPPYLAND-Wohnwagen an folgenden Terminen in Mannheim unterwegs und bietet Gespräche über Diversität, „Stadtteilgolfen“, Open-Air-Kino, Auftakt des Clubs der Jungen Bürgerbühne „(EXIT)HAPPYLAND“ und vieles mehr!

Jugendhaus Hochstätt:
10. bis 12. September, 12 – 22 Uhr
Goetheplatz:
14. bis 16. September, 12 – 22 Uhr
Waldhof Taunusplatz:
18. bis 20. September, 12 – 22 Uhr
Projekt ALTER am Alten Messplatz:
23. bis 28. September, 12 – 22 Uhr
Freitag, 27. September, 19.30 Uhr:
HAPPYLAND lädt ein zu Abendessen und
„Democratic Disco“
Samstag, 28. September, 18.30 Uhr:
HAPPYLAND lädt zur Geburtstagsparty mit Live-Musik

Das vollständige Programm des Geburtstagsfests unter:
www.40jntm.de

bw // Fotos: Nationaltheater Mannheim

1. September 2019
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