Corona und der Haustierboom: Nicht jedes Tier passt zu jeder Familie

Früher oder später sehen sich fast alle Eltern mit dieser einen Frage konfrontiert: die nach einem zumeist felligen Vierbeiner. Einem eigenen Haustier. Es dürfte sich bereits herumgesprochen haben, dass Tiere nicht als Geschenk an die eigenen Kinder, sondern als Aufgabe und zusätzliches Familienmitglied verstanden werden sollten. Dass sie Zeit und auch nicht wenig Geld kosten. Und dass nichts schlimmer für ein Tier ist, als wieder abgegeben zu werden, nachdem es ein Zuhause gefunden hatte. Doch genau das ist nach dem Abebben der Pandemie geschehen. Während noch vor einigen Monaten die Haustier- Nachfrage boomte, die Tierheime nahezu leergefegt waren und Züchter Wartelisten für den Welpenkauf führten – haben die Tierheime inzwischen Aufnahmestopp.

Doch vorbeugen lässt sich, indem sich Familien vor diesem Schritt umfassend darüber Gedanken machen, welches Tier wirklich in die Familie passt. Welche  Erwartungen haben die einzelnen Familienmitglieder? Was können sie zur Versorgung oder Beschäftigung beitragen? Und wer kümmert sich um das Tier, wenn Reisen oder alle anderen Hobbys wieder in den Vordergrund treten?

Wir stellen fünf Familien und ihr jeweiliges Lebenskonzept mit tierischem Mitbewohner vor:

Familie Kapper mit ihrem Hund Marley
Auf den Hund gekommen

Ein Wort – und Marley wandert auf seinen Platz im Wohnzimmer. Da kann es klingeln oder vom Esstisch verführerisch duften – er bleibt, wo er ist. Und zwar genau so lange, bis seine Rudelführerin Annabell mit einem kurzen „Marley, okay“ die Freigabe erteilt. Für Familie Kapper ist das selbstverständlich: „Niemand, der bei uns zur Tür hereinkommt, soll von unserem Hund überrumpelt werden“, betont Annabell. Marley hat als 18 Monate alter Golden-Retriever-Rüde bereits eine beachtliche Größe und wirkt durchaus respekteinflößend. Unbedingter Gehorsam ist daher unerlässlich – auch bei Spaziergängen. Zwei bis drei Stunden pro Tag ist Marley mit seinen Menschen an der frischen Luft unterwegs. Immer mit dabei ist eine Hundepfeife, die für Marley das unmissverständliche Signal gibt: zurück zu Frauchen und  war jetzt sofort. „Das funktioniert aber nur, weil wir Marley schon als Welpen an diese Pfeife gewöhnt haben“, sagt Annabell. Konsequenz ist das Stichwort, das  Familie Kapper mit großer Hingabe lebt. Zumindest Chefin Annabell leistet sich keine Nachlässigkeit. Bei Ehemann Johannes und den beiden Söhnen Mats und Benedikt wird auch mal gebalgt und gealbert – der Respekt bleibt jedoch auch hier in jedem Moment.

Klar ist: Marley will gefordert werden. Seine erste Prüfung für das Mantrailen, das Suchen von Menschen, hat er trotz seines jungen Alters mit Bravour bestanden. Bei so viel Anstrengung muss auch die Verpflegung stimmen. Aufgrund eines sehr empfindlichen Magens, der gerade anfangs die eine oder andere Sorge (und Tierarztrechnung) beschert hat, bekommt der Golden Retriever frisches Fleisch, sogenanntes Barf. Alle zwei Wochen portioniert Annabell das Fleisch vor, das aufgetaut um weitere Zutaten wie körnigen Frischkäse, Kürbiskerne oder Eierschalen ergänzt wird. Als Leckerli gibt es Käse, frisches Hähnchenfleisch oder auch mal ein Kaninchenohr. Die Belohnung für diesen Aufwand? Ein rundum glücklicher und ausgeglichener Hund, der das Kapper’sche Familienleben als „Seelenhund“ bereichert.

Familie Steffen mit ihren Katzen Emmi und Ninja
Katzen haben keine Besitzer – Katzen haben Personal

Katzen sind Diven: wählerisch beim Futter, streicheln bitte nur in guter Stimmung und frische Luft am liebsten bei dauerhaft geöffneter Tür. Familie Steffen kann ein Lied davon singen. Längere Abwesenheiten werden schon mal mit einer Pipi-Lache in der Puppenkiste quittiert, und einige Möbel haben die beiden Samtpfoten Emmi und Ninja bereits als Kitten zerstört, weil sie als noch nicht kastrierte Energiebündel das Haus nicht verlassen durften. „Unsere Katzen haben in wenigen Monaten mehr kaputt gemacht als unsere Kinder in acht Jahren“, stellt Sebastian Steffen fest. Auch gesundheitlich war das erste Jahr turbulent: Emmi brachte aus dem Tierheim einen Virus mit, Ninja litt aufgrund eines frühen Beckenbruchs unter akuter Verstopfung – mehrere Tierarztbesuche waren die Folge und sorgten dafür, dass die ohnehin schon sehr scheue Katze bis heute zurückhaltend geblieben ist. „Wir vermuten, dass Ninja misshandelt wurde, bevor sie ins Tierheim kam“, sagt Barbara Steffen. „Und auch wenn sie schon zutraulicher geworden ist – eine Kuschelkatze wird sie wohl nie werden.“ Das ist insbesondere für die beiden Kinder, Nola und Levi, schwer auszuhalten. Sie stellen fest, dass viele Katzen auf der Straße zutraulicher sind als die eigenen. Gleichzeitig wachsen sie an der Erfahrung, die Tiere als eigene Persönlichkeiten zu akzeptieren, geduldig zu bleiben und sich auch über kleine Signale der Zuneigung zu freuen – sei es ein Buckeln um die Beine beim Füttern, gemeinsames Spielen oder eine Streicheleinheit. Hat es sich „gelohnt“, Katzen ins Haus zu holen? „Auf jeden Fall“, bekräftigt die Familie. Allein das Katzenkino, das regelmäßig im Garten stattfindet, wenn die beiden Miezen über die Wiese jagen, ist unbezahlbar. Hinzu kommt die große Unabhängigkeit der Tiere: Tagesausflüge sind jederzeit möglich, und im Urlaub kommen die Nachbarn zwei Mal am Tag zum Füttern vorbei. Mehr Betreuung braucht es nicht.

Mein Name ist Hase
Familie Tondo mit ihren Kaninchen Charly und Frieda

Die sind aber ganz schön groß! Und nein, hier geht es ausnahmsweise nicht um Kinder, sondern um die beiden Zwergkaninchen Charly und Frieda. Im August 2020 zogen sie bei Familie Tondo ein und erfreuen sich dank guter Pflege eines ordentlichen Wachstums. „Zum Glück haben wir einen großen Stall und im Garten einen Auslauf“, lacht Meli Tondo. Der Kauf der beiden Tiere fiel eher zufällig in die Pandemiezeit. Die Kinder, Valentina und Matteo, hatten sich schon länger Kaninchen gewünscht – mit zehn und acht Jahren sind sie alt genug, einen Teil der Verantwortung zu übernehmen. Mit Putz- und Fütterungsplan, der meistens gut eingehalten, aber auch vernachlässigt wird, wie Meli mit einem Augenzwinkern berichtet. Und sie betont: „Als Eltern tragen wir die Hauptlast.“ Charly und Frieda hatten zu Beginn mit Kokzidien zu kämpfen. Die Durchfall verursachenden Parasiten konnten mit strenger Stallhygiene und Medikamentengabe bekämpft werden – eine Aufgabe, die im Alltag natürlich an den Erwachsenen hängenblieb. Gleiches gilt für die Kosten: „Wir haben tatsächlich schon über 1.000 Euro in unsere beiden Mitbewohner investiert“, berichtet Emilio Tondo. Der ursprünglich angeschaffte Sommerstall musste im Winter ausgetauscht werden, Tierarztbesuche, Kastration und jetzt der Umzug in den Garten mit Auslauf, den Charly und Frieda ab sofort bewohnen werden. Spannend sei, dass die beiden Langohren ganz unterschiedliche Charaktere aufweisen: Während Frieda zutraulich ist und die Streicheleinheiten genießt, sucht Charly eher das Weite.

„Wir wollten unseren Kindern die Möglichkeit geben, mit Tieren aufzuwachsen“, sagt Meli. Die Kaninchen sind dabei für alle ein guter Mittelweg. Auch den ersten Urlaub haben sie gut überstanden. Tochter Valentina hatte vorab eine Hasenpension im Odenwald recherchiert – hier waren Charly und Frieda bestens versorgt.

Ein Schweinchen? Meer-Schweinchen!
Familie Herrmann mit Pluto, Stella und Loona

Welches Haustier eignet sich, wenn man in der Stadt lebt, einen großen Balkon, aber keinen Garten hat und einige Familienmitglieder an einer Tierhaarallergie leiden? Meerschweinchen im Außengehege. Im Januar 2021 holte Familie Herrmann die drei Jungtiere Pluto, Stella und Loona zu sich nach Hause – einen Tag später fiel Schnee. Eher ungewöhnlich am Niederrhein und problematisch für die Kleinen, die mit Temperaturschwankungen nicht gut umgehen können. „Wir haben den Stall mit Styropor und Decken gedämmt und ganz schön gebangt“, gesteht Diana Herrmann. Der erste Aufreger war überstanden, für den nächsten sorgte eine Entzündung an Stellas Pfote eine Woche später. Ob Biss- oder Kratzwunde ließ sich auch durch den Tierarzt nicht eindeutig klären und obwohl die kleine Schweinchendame munter wirkte, starb sie Anfang Februar. „Morgens war noch alles in Ordnung, mittags verhielt sie sich merkwürdig und am Abend war sie tot“, berichtet Diana. „So hatten wir uns das ehrlicherweise nicht vorgestellt.“

Der Umgang mit dem Tod des Tieres war insbesondere für die drei Kinder Romy, Nele und Theo nicht einfach. Hinzukam, dass schnell ein „Ersatztier“ aus einem Außengehege gekauft werden musste, um das Rudel zu vervollständigen: Flecki zog ein. Zu dritt durchstanden die Nager die absoluten Tiefstwerte des Winters und sind heute ein gutes Team. Auch die Gewöhnung an den Menschen gelang: Zum Fressen kommen Pluto, Loona und Flecki auf Klopfzeichen und sind so zutraulich, dass die Kinder sie auf den Schoß nehmen können. Diese Vertrautheit ist auch deshalb wichtig, weil die Krallen der Meerschweinchen regelmäßig geschnitten werden müssen. Diana gesteht: „Weil ich nicht mit Tieren aufgewachsen bin, habe ich großen Respekt vor praktisch allem.“ Die Meerschweinchen sind also eine Art Familienentwicklungsprojekt, bei dem Papa Sebastian als tiervertrauter Mensch eine gute Portion Gelassenheit mitbringt. Begeisterung macht sich dann breit, wenn die drei „Meeris“ voller Vorfreude quieken oder sich genüsslich streicheln lassen.

bas // Fotos: mschi

„Die Frage nach Welpen ist in die Höhe geschnellt“

31. August 2021
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