Komm vorbei!

Es gibt nur wenige Räume, die für Familien niederschwellig und kostenlos erreichbar sind. Das Drop In(klusive) in Bensheim ist ein solcher Ort. Normalerweise trifft sich die wöchentliche Eltern- und Kleinkindgruppe in den hellen und freundlichen Räumen der Stephanusgemeinde. Aber bei unserem Besuch sind Schulferien in Hessen und die Pfarrerin hatte eigene Pläne. Deshalb treffen sich um die zehn Familien mit ihren Kindern heute im Keller. Eigentlich ist die Gruppe nur für Babys und Kleinkinder unter drei Jahren, aber da Ferien sind, sind die großen Geschwister mitgekommen. Das klappt prima, die Kinder kennen sich alle praktisch seit der Geburt.

Einmal in der Woche lädt die Karl Kübel Stiftung für Kind und Familie in Kooperation mit dem Familienzentrum Bensheim zu dem offenen Gruppentreff ein. Begleitet von einer Familienhelferin wird ab 8.30 Uhr erst einmal gemeinsam gefrühstückt. Das Angebot ist kostenlos und wird zu großen Teilen über Spenden finanziert, trotzdem steuert jede Familie eine Kleinigkeit bei, Apfelschnitze in der Brotdose oder  selbstgemachte Brombeermarmelade aus den Brombeeren im Garten. Niemand muss sich anmelden und fragen, ob er oder sie kommen darf, und wer keine Zeit hat, muss sich auch nicht abmelden.

Trotzdem ist das Treffen ein fester Bestandteil im Terminkalender der Familien. „Freitags würde ich mir nie etwas anderes vornehmen“, erzählt Britta Kunitz-Habig, die heute mit ihrer jüngsten Tochter Alva hier ist. Sie kommt seit neun Jahren ins Drop In(klusive) – inzwischen mit dem dritten Kind. „Wenn Alva in den Kindergarten kommt, dann komme ich  auch alleine auf einen Kaffee her, um die anderen zu treffen“, plant die 39-Jährige schon jetzt.

„Drop in“ bedeutet „vorbeikommen“

„Drop in“ bedeutet „vorbeikommen“. Und so  wie der Begriff stammt auch das Konzept aus England. Als eine der Vorstandsvorsitzenden der Karl Kübel Stiftung für Kind und Familie, Daniela Kobelt Neuhaus, das Konzept des Drop In vor vielen Jahren in London kennenlernte, war sie sofort begeistert und überzeugt, dass sich dieses Format auch in Deutschland durchsetzen wird. „Das Besondere an unserem Angebot ist die Unverbindlichkeit“, erklärt Inka Kuusela, die heutige Gruppenbegleiterin. „Es ist eine Gruppe, die wirklich allen offensteht. Egal aus welchem Umfeld man kommt, egal ob alleinerziehend, als Familie, arbeitslos oder gut situiert. Geld, Religion, Status, das spielt hier alles keine Rolle. Was verbindet, ist die Lebenssituation mit kleinen Kindern. Die Sorgen und Nöte in dieser ersten Zeit mit Kind sind immer dieselben, unabhängig von der gesellschaftlichen Schicht.“

Aber gibt es nicht schon ein verwirrend großes Angebot an Gruppen für Eltern und ihre Kleinkinder? „Die gibt es natürlich,“ bestätigt Kuusela, „aber unser Drop In(klusive) ist einzigartig, weil wir keine konkreten Themenangebote für die Treffs machen. Wir bieten nur den Raum und die Struktur. Themen und Programmwünsche kommen aus der Elternschaft.“ Sorgen sich die Eltern zum Beispiel um die Zahngesundheit, so wird eine Zahnärztin eingeladen oder eine Logopädin, wenn es um den Sprachbeginn der Kinder geht. „Wenn man Profi ist,“ so Kuusela, „neigt man dazu, Fragen zu beantworten, bevor sie gestellt werden. Bei uns lassen wir den Eltern den Raum, die Fragen zu stellen.“ Dennoch sei es wichtig, dass eine professionelle Begleitung für die Organisation verantwortlich sei, „nicht nur fürs Kaffeekochen, sondern damit sich alle wohlfühlen und die Atmosphäre stimmt. Natürlich haben alle Eltern ihre ganz eigene Meinung zu den Themen, vor allem, wenn es um Erziehung geht. Uns ist es wichtig, zu erreichen, dass unterschiedliche Meinungen respektiert werden.“ Entspannt bei Kaffee und Croissants lernen Eltern so, sich gegenseitig zu unterstützen, bemerken, dass andere Verhaltensweisen auch richtig sein können, und gewinnen andere Handlungsmöglichkeiten und Kompetenzen. Ganz nebenbei erfüllen Angebote wie das Drop In(klusive) Aufgaben, die früher von der erweiterten Familie abgefedert wurden, sie mildern die soziale Einsamkeit, in die viele Mütter nach der Geburt rutschen, wenn sie das erste Jahr oder länger mit ihrem Baby zu Hause sind und die Freunde von früher andere Probleme als schlaflose Nächte oder abendliche Koliken besprechen möchten.
Im Drop In(klusive) haben sich so langjährige Freundschaften herausgebildet, es wird auch mal genetzwerkt oder gemeinsam in den Urlaub gefahren. Nach dem Frühstück wird dann das große Spielzimmer für die Kinder geöffnet, hier wird gekrabbelt, geklettert und getobt, das soziale Miteinander geübt. Und sorgt sich ein Elternteil, weil das Baby noch nicht sitzen oder krabbeln kann, dann wird das auch besprochen.

99 Drop In(klusive) sind seit 2017 im Rahmen des Landesprogrammes entstanden. Zusammen mit den ersten Drop-In- (klusive)-Projekten in Bensheim, Darmstadt, Lampertheim, Worms und Mannheim gibt es inzwischen bundesweit 108 dieser Willkommensorte. Die offenen Gruppen finden in öffentlichen, gut erreichbaren Räumen wie Kirchengemeinden, Sozialstationen oder Bürgerhäusern statt.

bw // Fotos: mschi

Info:

Drop In(klusive) ist ein offener und kostenfreier Treff für alle Eltern mit Säuglingen und Kleinkindern, die sich informieren und austauschen, gemeinsam mit anderen Eltern und Kindern spielen, essen und trinken wollen. Das von der Karl Kübel Stiftung 2009 initiierte Angebot startete in Bensheim. In den Folgejahren kamen acht weitere Pilotstandorte in Südhessen, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg hinzu. Die Stiftung kooperiert dabei mit verschiedenen Trägern. Darüber hinaus gibt es aktuell ein gemeinsam mit dem Hessischen Ministerium für Soziales und Integration ausgeschriebenes Förderprogramm für weitere Standorte. Das evaluierte Projekt soll auf weitere Bundesländer ausgeweitet werden. Unter www.kkstiftung.de finden Interessierte alle Drop-In(klusive)-Standorte.

12. März 2020

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