Look at our pretty life

Millie-Belle Diamond ist seit ihrer Geburt ein Star auf Instagram.  Mit drei Jahren hatte sie 155.000 Follower. Die Thematik ihres Blogs: „Fashion, Travel und Interieur“. Sie heißen Miley, Lara oder eben Millie-Belle Diamond. Sie sind sieben, elf oder drei Jahre alt. Sie haben 300.000 oder 20 Millionen Follower. Die Rede ist von der Generation der „Kidsfluencer“. Kleine und größere Kinder, die seit ihrer Geburt von ihren Eltern in den sozialen Medien dargestellt werden und heute selbst erfolgreiche Darsteller ihres eigenen Lebens sind. Ein Versuch, sich diesem Phänomen zu nähern. 30.000 Kinder-Influencer sind inzwischen in Deutschland auf Youtube, Facebook und Instagram, ein großer Teil von ihnen ist minderjährig. In Deutschland gibt es strenge Gesetze zum Kinder- und Jugendschutz. Kinder bis 15 Jahre dürfen nur zu bestimmten Tageszeiten und zu einer festgelegten Zeit arbeiten. Kinder unter drei Jahren eigentlich überhaupt nicht. Wollen Jugendliche in einem Film mitspielen oder modeln, müssen dies ihre Eltern, das Jugendamt, ein Arzt und sogar die Schule schriftlich erlauben – alles zum Wohl des Kindes. Was aber, wenn Eltern, also diejenigen, die für das Wohlergehen, die geistige und körperliche Gesundheit der Kinder verantwortlich sind, diese „Kinderarbeit“ nicht nur erlauben, sondern fördern und Nutznießer sind?

Die kleinen Influencer, die „Kidsfluencer“, haben richtig Einfluss. Millionen Mädchen und Jungen folgen ihnen digital, nehmen an ihrem Alltag teil und vor allem: kaufen das, was ihre jungen Stars ihnen vorführen. Allein „BibisBeautyPalace“ hat rund 4,6 Millionen Abonnenten, ein einziges Video kann zehn Millionen Abrufe haben. Die Einnahmen der Youtuber werden bis 2020 geschätzt auf eine Milliarde Euro ansteigen. Auf der Liste der meistverdienenden Youtuber weltweit war ein siebenjähriger Junge auf Platz 1.: „Ryan ToysReview“. „Look at our pretty life“ scheinen die  Instagram-Accounts und Video-Kanäle in die Welt zu rufen.

Millie-Belle Diamond lebt in Australien. Seit sie ein Säugling war, bekommt die heute Sechsjährige Produkte von Luxusfirmen geschickt, in denen ihre Mutter sie dann für ihren Instagram-Auftritt fotografiert. Routiniert schwenkt sie als Dreijährige ihr Louis-Vuitton-Täschchen am Pool oder flaniert im Pelzmantel durch New York.

Deutlich bodenständiger präsentiert sich „Mileys Welt“. Miley ist inzwischen neun Jahre alt, sie war ebenfalls bereits als Baby im Geschäft. Heute gehört Miley zu den bekanntesten Youtuberinnen Deutschlands – nach Bibi, Rebekah Wing und DagBee. Ihr Vlog „Mileys Welt“ gehört zu den bekanntesten deutschen Familienvlogs, ihre Vlogs werden um die 628 Millionen Mal aufgerufen. Mileys Familie lebt inzwischen davon. Mama Aynur, in einem Not-Zeltlager im türkischen Emet geboren, konnte ihren anstrengenden Job in einer Wäscherei dank des Erfolges von „Mileys Welt“, zu dem die ganze Familie beigetragen hat, aufgeben, ihr Vater seinen Job als Polizist. Drei Mal in der Woche dreht Vater Robert Videos aus ihrem Alltag, veröffentlicht Spielzeug- Tests oder „Challenges“.

Ein echter Popstar bei den Ü4-Jährigen

Umfragen unter Kindern und Jugendlichen zeigen, dass die Stars im Netz die Beliebtheit von Schauspielern und Sportlern überholt haben. Als hätten die jungen Zuschauer instinktiv erkannt ‚So gut wie ein Nationalspieler werde ich wohl nie‘. Aber das, was Miley oder Ryan oder Bibi tun, nämlich ihren Alltag zeigen, das könnten sie auch … die Stars auf Youtube und Instagram sind nicht viel hübscher als andere Kinder und am Anfang auch nicht viel reicher. Es sind einfach Kinder, deren Eltern eine Kamera auf sie halten, während sie spielen oder essen oder schlafen.

„Die Nahbarkeit ist der Schlüssel zu Mileys Erfolg“, ist sich auch Ahmad Ghoul, Mileys Manager, sicher. „Sie ist absolut authentisch. Was sie nicht mag, macht sie nicht. Da diskutiert sie auch nicht lange.“ Ahmad Ghoul lebt in Mannheim und ist mit seiner Agentur „Kontaktkraft“ seit zehn Jahren erfolgreich im Künstler-Management. Miley und ihre Familie vertritt er seit einem Jahr. „Es war Liebe auf den ersten Blick“, erzählt der 38-Jährige begeistert von seinem ersten Treffen mit der Familie. Wo immer er heute mit Miley und ihren Eltern auftaucht – in Mannheim oder auch in Berlin – „drehen die Kinder durch. Miley wird geradezu umlagert und alle wollen ein Selfie mit ihr machen. Sie ist bei den über Vierjährigen und auch bei den Jugendlichen ein echter Popstar.“

Für Kinder ist dieser Blick in das Leben anderer Kinder spannend und auch eine gute Möglichkeit, das eigene Familienleben mit anderen zu vergleichen. Aber vor allem sind die „Kidsfluencer“ ein Riesenglück für die Werbebranche. Zielgenau und intensiv kann hier Werbung für Produkte gemacht werden – in einer Lebensphase, nämlich die der Kita und Grundschule, die eigentlich werbefrei sein sollte. Kein Kind bis Ende der Grundschule kann sich kritisch mit den gezeigten Inhalten auseinandersetzen. Und deshalb sollte der digitale Blick in die Welt auch für die Rezipienten eine gemeinsame Familienaktivität von Kindern und Eltern werden.

Mehr zu Millie: instagram.com/milliebellediamond
Mehr zu Miley und ihrer Familie: mileyswelt.de

bw // Fotos Miley: Family Fun, Mileys Welt, KontaktKraft Management.

Fotos Millie-Belle Diamond: Thanks to Shye Fox

 

 

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