Mit Kindern über den Krieg sprechen

In Europa herrscht Krieg. Seit Russland mit den Angriffen auf sein Nachbarland Ukraine begonnen hat, sind drei Millionen Menschen in den Westen geflüchtet, fast die Hälfte davon sind Kinder. Bilder von Krieg, Gräueltaten an Zivilisten und der Zerstörung sorgen für Angst und Verunsicherung bei Kindern und Jugendlichen. In vielen Schulklassen jeder Stufe wurden inzwischen ukrainische Schülerinnen und Schüler aufgenommen. Susanne Mierau, Kleinkindpädagogin und Bestseller-Autorin unterstützt Eltern, Kindern eine sichere Basis zu vermitteln, und zeigt uns im Interview konkrete Tipps auf, wie man mit Kindern und Jugendlichen über den Krieg spricht.

Liebe Frau Mierau, Klima, Corona und jetzt auch noch Krieg. Die schlechten Nachrichten sind allgegenwärtig und belasten (nicht nur) Kinder und Jugendliche. Wie können Eltern hier früh für Sicherheit sorgen und altersgerecht Ängste besprechen? Sollten Eltern von sich aus das Thema ansprechen?

Wir stehen aktuell vor großen Herausforderungen und leider werden unsere Kinder auch in der Zukunft mit großen Herausforderungen umgehen müssen, denken wir allein an die Klimakrise mit ihren verschiedensten Herausforderungen. Es ist gut, wenn Eltern schon jetzt lernen und damit beginnen, mit ihren Kindern über Herausforderungen zu sprechen, und gleichzeitig müssen wir ihre psychische Widerstandsfähigkeit stärken. Es ist sinnvoll, mit Kindern über die aktuelle Lage altersgerecht zu sprechen. Kinder spüren ohnehin die Anspannung der Erwachsenen, bekommen vielleicht einige Informationen von anderen Kindern oder aus den Medien zugespielt und sollten keine diffuse, unterschwellige Angst entwickeln, die sich daraus ergibt, ihnen die Informationen vorzuenthalten. Wir müssen allerdings nach Alter differenzieren, wie intensiv wir über Themen sprechen und auch welche Medien wir hinzuziehen. Für größere Kinder gibt es die aktuellen Krisenthemen gut aufbereitet in verschiedenen Informationsquellen wie beispielsweise ZDF Logo – die Kindernachrichten. Diese können wir gemeinsam ansehen mit den Kindern und darüber sprechen. Für Kinder im Vorschulalter reicht ein Reden über das Thema, dass woanders Krieg ist, das aber nicht bei uns ist. Wichtig ist, dass wir versuchen, unsere eigenen Ängste nicht auf die Kinder zu übertragen, und auch rational mit eigenen Ängsten umgehen, d.h. sich die Sicherheit gebenden Fakten auch immer wieder vor Augen zu führen.

Wie können Eltern Mut machen, wenn sie selbst mutlos sind?

Kinder haben oft feine Antennen für die Gefühle ihrer Eltern. Wenn Eltern selbst große Ängste haben, sollten sie sich auf Fakten berufen, die sie erklären: Der Krieg ist in einem anderen Land, unser Land ist in einem Verbund mit starken Partnern, die füreinander einstehen und sich gegenseitig unterstützen, um Gefahren abzuwenden, etc.

Sollen Eltern warten, bis Kinder mit konkreten Fragen zu einem bestimmten Thema kommen, oder kann man heikle Themen auch selber aufgreifen?

Das kommt sowohl auf das Alter des Kindes als auch das Kind selbst an. Viele Themen lohnen sich, losgelöst im Alltag schon einmal  aufzugreifen, um Kinder zu informieren, beispielsweise durch passende Kinderbücher. Auch zum Thema Krieg gibt es schon Bücher für Vorschulkinder, aber auch zu anderen gesellschaftlichen Themen, die an der ein oder anderen Stelle mal auftauchen können: Mobbing, Klimakrise etc. Ist man dieses Thema schon einmal angegangen, hat man eine gute Referenz: „Weißt du noch, in dem Buch, das wir mal angesehen haben …“

Kann man seine Kinder schützen, indem man solche Nachrichten komplett ausblendet und den Krieg in der Ukraine gar nicht thematisiert?

Der Krieg ist eine Realität, die zwar von uns entfernt ist, aber durchaus unser Leben und unseren Alltag betrifft. Auch weil es unser eigenes Gefühlsleben als Erwachsene betrifft. Kinder spüren unsere Ängste, auch wenn wir sie nicht aussprechen. Unausgesprochene Ängste können sich dennoch auf unsere Kinder übertragen und zu einer verunsichernden Angst führen, die sich in den Kindern manifestiert. Die Eltern nehmen den Zusammenhang zwischen dem Verhalten des Kindes und der eigenen, unausgesprochenen Angst dann nicht wahr, interpretieren das Verhalten des Kindes dann wahrscheinlich falsch und können es nicht ausreichend unterstützen. Daher ist es besser, wenn wir Themen kindgerecht ansprechen und als Eltern die Verantwortung übernehmen, uns um unsere eigenen Ängste und Sorgen fachgerecht zu kümmern.

Wie lässt sich feststellen, ob es Kinder zu sehr belastet? Wann ist der Zeitpunkt für Eltern, sich professionelle Hilfe zu holen?

Wenn Eltern merken, dass sie selbst starke Ängste entwickeln, sich bedroht fühlen, die Angst vielleicht zu Veränderungen im eigenen Verhalten führt, sollten sie sich Hilfe holen. Ebenso, wenn sie bei ihren Kindern ein ungewohntes Verhalten wahrnehmen. Wie Kinder Ängste zeigen, kann sehr unterschiedlich sein und hängt eben auch davon ab, ob wir mit unseren Kindern sprechen oder nicht. Daher gibt es keine Punkteliste, nach der wir uns richten können. Verhaltensänderungen sind aber ein guter Hinweis, sich Unterstützung zu holen – und zwar möglichst zeitnah. Eltern brauchen hier auch keine Scham zu haben: Es ist gut und wichtig, sich Hilfe zu holen und auch dem Kind zu zeigen: Wenn man sich nicht gut fühlt, wenn man Angst hat oder Probleme, kann man andere um Hilfe bitten.

Interview: Bettina Wolf

Susanne Mierau

Susanne Mierau ist Kleinkindpädagogin und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich der bedürfnisorientierten Elternberatung selbstständig machte. Susanne Mierau bloggt auf geborgen-wachsen.de, gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über Elternberatung und kindliche Entwicklung. Sie ist Mutter von drei Kindern und zog 2020 mit ihrer Familie von Berlin in ein kleines Dorf in Brandenburg.

Foto Susanne Mierau: Ronja Jung // Foto: Adobe Stock

1. Juni 2022

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