Orpheus. Ohne Angst

„Orpheus. Ohne Angst“

Nur wenige Tage vor dem zweiten Lockdown durften wir die Generalprobe einer Uraufführung am Jungen Theater Heidelberg besuchen. Im spärlich bestückten Zuschauerraum, mit viel Abstand und durchgehend mit Maske.

Unter der Regie von Natascha Kalmbach, Leiterin des Jungen Theater Heidelberg und mit Musik von Christoph Willibald Gluck und Claudio Monteverdi ist diese Neuinszenierung der antiken Geschichte eine echte Überraschung. Musik, Gesang, Schauspiel und Tanz treffen komprimiert aufeinander und ergänzen sich zu einer experimentellen Inszenierung des Hörens und Schauens.

Wer kennt ihn nicht: Orpheus, der Popstar unter den Helden der griechischen Antike. Er singt so schön, dass er Götter, Menschen und sogar Tiere, Pflanzen und Steine betört. Die Bäume neigen sich ihm zu, wenn er spielt, und die wilden Tiere scharren sich um ihn, selbst die Felsen weinen. Glück im Spiel, Pech in der Liebe könnte man sagen, denn Orpheus‘ Ehefrau Eurydike stirbt und Orpheus muss seine Angst und Selbstzweifel überwinden und in den Hades, die Unterwelt, hinabsteigen, um sie zurückzuholen.

In dieser Neuinszenierung betören die jungen Darstellerinnen, die Film- und Bühnenkulissen und die Musik gleichermaßen. Drei Schauspielerinnen und drei Musiker rocken den Alten Saal des Theaters so, dass uns ganz schwindlig wird. Orpheus in Chucks (Merit Eiermann) singt wie ein echter Popstar, Eurydike tanzt wunderbar und Magdalena Wabitsch als Amor spielt wie ein hinreißender Macaron. So bunt und vielschichtig, man will ihm/ihr zurufen: mehr, mehr davon!

Gespielt wird an diesem Abend nicht nur mit dem bekannten Stoff, sondern auch mit den Erwartungen der ZuschauerInnen. Scheinbar Vertrautes wird neu und anders gedacht und immer wieder wird das Geschehen von witzigen und extravaganten Ideen unterbrochen und komplettiert. Von Bildern und Motiven, die zugleich stark und zart sind, eindeutig und verwirrend.

„Orpheus. Ohne Angst“ ist die perfekte Auszeit an einem dunklen, ungemütlichen Herbstabend. Leuchtend und bunt — der Nachhall von Musik und Farben trägt das Publikum durch den Regen nachhause.

Die Altersangabe für das Stück ist ab 12 Jahren angegeben. Das könnte für theatererfahrene 12-Jährige stimmen. Für alle anderen empfehlen wir ab 14 Jahre. Geplant sind zudem Aufführungen für Schulklassen, diese werden dann entsprechend vor- und nachbereitet.

Termine und Tickets unter: theaterheidelberg.de, Theaterkasse: 06221 5820000

Foto: Susanne Reichardt // Junges Theater Heidelberg (Merit Eiermann als Orpheus)

30. Oktober 2020

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