„Wir machen weiter. Mit Sicherheit!“

Das Junge Nationaltheater Mannheim startet neu durch. Neue Formate, neue Stücke, neue Gesichter. Und natürlich: neue Sicherheitskonzepte. Aber geht das überhaupt? Theater machen – mit Abstand? Musik ohne Gesang? Kindertheater für die Kleinsten, die sich an keine Hygieneregeln halten können? Theater ist traditionell eine analoge Kunstform. Sie findet in der Interaktion der Schauspieler, aber auch als ein Ereignis zwischen Schauspieler und Publikum statt. Wie kann Theater also digital funktionieren? Jetzt, nach fast vier Monaten Stillstand, dürfen bundesweit unter Einhaltung von Abstands- und Hygieneregeln Kulturveranstaltungen stattfinden. Mit kleineren Schauspiel-Formaten, nur einigen wenigen Zuschauer*innen und vielen kreativen Lösungen startet das Junge Nationaltheater wieder durch.

Mitte März, als das öffentliche Leben plötzlich zum Stillstand kam, fand gerade die Generalprobe zur ersten Oper von und für Jugendliche statt. „Der Sommer, als ich unsterblich war“ sollte einen Tag später uraufgeführt werden. Die Autorin und der Komponist waren bereits angereist. Und dann Stillstand. Vier Monate blieb das Theater geschlossen. Die Mitarbeiter des Theaters befinden sich seitdem in Kurzarbeit. Für die vielen freien Kulturschaffenden konnte gemeinsam mit der Stadt Mannheim eine Lösung gefunden werden. Doch für eine Wiedereröffnung musste sich das Theater neu erfinden, Abläufe, Räume, einfach alles neu gedacht werden … und so konnte aus einer Krise etwas Spannendes, Anmutiges und gänzlich Neues entstehen.

Sichtlich entspannt, erleichtert und voller Zukunftspläne präsentieren sich Intendantin Ulrike Stöck und der technische Leiter Jan Weisbrodt beim Titelshooting für StadtLandKind. Es soll  jetzt wieder vorangehen, nach Monaten der Absagen, der Stille, nach dieser „sehr besonderen Zeit“, so Stöck. „Seit ich fünf Jahre alt war, war ich so lange nicht mehr im Theater“, erzählt sie. „Ich habe schwerste Entzugserscheinungen.“ Denen wird jetzt direkt nach der Sommerpause mit der ersten Inszenierung endgültig abgeholfen. Als hätte man geahnt, dass die Zeit für neue, andere Produktionen gekommen ist, kommt das Eröffnungsstück ohne gesprochene Worte aus und stellt nicht den Schauspieler und die Schauspielerin in den Mittelpunkt. Das Stück „Insekten“ für Kinder ab fünf Jahren, entstand gemeinsam mit dem Künstler*innenkollektiv „compagnie toit végétal“ und sollte eigentlich bereits im Mai Premiere feiern. Mit Kamera-Konstruktionen, untermalt von Musik – die Insekten werden anhand von Projektionen und eigens erfundenen Instrumenten zum Leben erweckt – erzählt das Kollektiv hier von den Geheimnissen, der eigenartigen Schönheit und Verletzlichkeit der Insekten und vom Verschwinden der Insekten-Welt. Diese Erzählform verbindet die Bilder- und Objekttheater mit eigens gebauten Instrumenten – alles absolut coronatauglich.

Für andere Inszenierungen wird die Neuaufstellung schwieriger. Es dürfen nur noch einige wenige Zuschauer*innen in den Saal des Jungen Nationaltheaters; speziell für das Stück „Die Welt ist rund“, für die Allerkleinsten ab zwei Jahren, wird noch nach Lösungen gesucht. Denn normalerweise laufen die kleinen Gäste immer wieder durch den Raum und wollen am Geschehen auf der Bühne teilhaben. Dennoch: „Wir hatten es gut im Gegensatz zu den Kolleg*innen von Oper und Tanz – da geht ja jetzt ganz viel nicht mehr“, betont Ulrike Stöck.

Eine weitere große Neuinszenierung wird mit Spannung erwartet: „Performing family“. Das von der Regisseurin Wera Mahne für Kinder ab 10 Jahren inszenierte Stück dreht sich rund um das komplexe Thema Familie. „Wir haben das Stück coronasensibel konzipiert!“, erläutert Ulrike Stöck. „In den letzten Monaten wurden Kinder massiv auf ihre Familie zurückgeworfen oder haben sie sehr vermisst. Das Team um die Theatermacherin Wera Mahne hat Menschen aller Altersgruppen gebeten, zu erzählen, was sie mit Familie verbinden. Daraus wird gerade ein Theaterstück entwickelt, das viele unterschiedliche Perspektiven sichtbar macht. Zwei Vorstellungen finden übrigens in Gebärdensprache statt.“ Denn: Thema Barrierefreiheit wird das Junge Nationaltheater verstärkt weiterverfolgen. Um ein Ort für alle zu werden, egal welcher Herkunft, welcher Sprache, ob mit oder ohne Behinderung.

Noch außergewöhnlicher hört sich die coronasichere Rauminstallation „Plexiplænet“ an, in der das Publikum in Glashäusern sitzt. 15 große Gewächshäuser werden dafür im Saal des Jungen NTM aufgebaut. „So können wir uns begegnen, ohne uns zu gefährden“, erklärt Weisbrodt. In einem Raum entstehen also viele Räume, die bespielt werden können. Mit Theater, Performance, Texten und Musik, mit Workshops und Diskussionsformaten. Fast so, als hätte es Corona nie gegeben. Aber nur fast. Wir sind sehr gespannt!

bw // Fotos: sho

Infos: 
Bei sämtlichen Vorstellungen des Jungen NTM ist die Platzzahl verringert. Termine und Uhrzeiten für Wochenendvorstellungen, öffentliche  Proben und Premieren können wie üblich dem Spielplan entnommen werden. Die genaue Einlasszeit wird beim Kartenkauf angegeben (gestaffelter Einlass). Für Gruppen und Schulklassen bietet das Junge NTM für Spieltermine unter der Woche individuelle Uhrzeiten nach Vereinbarung an.
Bitte kommen Sie pünktlich, aufgrund der Hygienemaßnahmen ist leider kein Nacheinlass möglich.

Karten für die Monate September und Oktober gibt es unter: 0621 1680 302, gerd.pranschke@mannheim.de

Für alle Kinder ab 6 Jahren und alle Erwachsenen gilt während des Besuchs im Jungen NTM Maskenpflicht. Die Maske darf am Sitzplatz abgenommen werden. Aktuelle Informationen zum Spielbetrieb am Jungen NTM: www.jntm-aktuell.de

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