Wann ist euch eigentlich egal geworden, was eure Kinder in ihrer Freizeit machen?

walkingdead

Es ist doch erst ein paar Jahre her, da standen wir auf dem Spielplatz und ihr habt mich schief angeguckt, wenn ich den Kindern Kekse statt Äpfelchen in sandigen Händchen drückte.Zucker! Dreck! Bakterien! Alarm! Und jetzt? Jetzt schauen die Kinder in ihrer Freizeit wie Zombie-Gehirnmasse durch die Gegend fliegt und es ist euch egal?

Schon mal  „The Walking Dead“ gesehen? Das ist eine Serie. Es geht um eine Gruppe von Überlebenden, die  nach der großen Zombie-Apokalypse permanent sehr blutrünstig ums Überleben kämpft. Sieben Staffeln lang. Nach fünf Minuten ist mein Adrenalinspiegel sehr hoch. Nach 20 Minuten kann ich nicht mehr. Gerade ist die Gehirnmasse eines Zombies einem anderen Zombie ins furchterregend entstellte, halbtote Gesicht geklatscht. Ich gehe etwas verstört schlafen.
Sonntagmorgen beim Frühstück sagt der Sohn: „Das gucken meine Klassenkameraden immer auf Netflix.“
Sechs zählt er auf,  die mit Begeisterung in der Pause regelmäßig zahlreiche Details aus der Serie schildern. Ganz normale Kinder. Aus ganz normalen Elternhäusern. Die Kinder sind elf Jahre alt.

Die sehen das doch heimlich, vermute ich und beschließe, künftig sehr genau zu kontrollieren, was meine Kinder so bei Netflix anklicken. „Nö.“, sagt der Sohn. „Den Eltern ist das egal“. Den Eltern sei  das auch egal, wie lange die Kinder am PC sitzen und zocken. Und übrigens auch, was sie zocken. Das täten sie oft, bis spät in die Nacht. Die Kinder hätten auch etwas gegen die Müdigkeit am nächsten Tag gefunden. Energiedrinks. Die kippen sie in der Schule, Dosenweise. „Auch das ist den Eltern egal“, sagt der Sohn.

In seiner Stimme schwingt der pure Neid.

Wann ist das eigentlich passiert, dass es euch das egal geworden ist?

Es ist doch erst ein paar Jahre her, da standen wir auf dem Spielplatz und ihr habt mich schief angeguckt, wenn ich den Kindern Kekse statt Äpfelchen in sandigen Händchen drückte.
Zucker! Dreck! Bakterien! Alarm!
Ihr habt euch Gedanken über Schadstoffe in Matschhosen gemacht und nachgelesen, ob das Kinderbettchen auch garantiert nicht mit krebserregenden Farben angepinselt wurde. Kindersachen wurden bestenfalls ohnehin gerne handgenäht aus Biobaumwolle.

Es ist doch auch erst ein paar Jahre her, dass ihr mit den Kindern direkt nach dem PEKiP-Kurs zum Instrumentenkarussell gerannt seid, um es frühkindlich zu fördern. Beim Kindergarten-Elternabend lustvolle Debatten über das richtige Pausenbrot geführt und über Englischunterricht nachgedacht habt. Im Schwimmbad habt ihr eure Kinder in UV-undurchlässige Badekleidung gezwungen und den Rest mit Schutzfaktor 50 eingeschmiert. Eure Kinder durften nichts, was Räder hat, auch nur anfassen, ohne einen Helm zu tragen, Arme, Beine, Knie, Hände. Es gab doch nichts, wofür es nicht einen Schutz gab.

Jeder Kindergeburtstag war organisatorisches Meisterwerk mit liebevoll gepackten Tütchen für die kleinen Gäste, handverzierten Muffins und minutiös geplanten Schatzsuchen. Und wehe, es prügelten sich mal zwei Kinder auf dem Pausenhof. Dann wurden von den Müttern gegenseitige Treffen organisiert, es mussten Entschuldigungsbriefe geschrieben werden. Ihr habt das in die Hand genommen, euch gekümmert. All die unschönen Dinge von euren Kindern ferngehalten. Hauptsache, die Welt war kinderkunterbunt und watteweich und voller Harmonie. Und Hauptsache, ihr hattet die Kontrolle. Immer.

Vielleicht war es einfach ein bisschen viel Kontrolle? Vielleicht hält das niemand auf Dauer durch. Diesen 24-Stunden-am-Tag-ich-tue-das-Beste-für-mein-Kind-Modus. Vielleicht seid ihr einfach heilfroh, wenn sie sich nach der Schule und den Hausaufgaben still in ihren Zimmern aufhalten. Da müsst ihr euch keine Sorgen machen. Dass sie sich verletzen, dass sie sich prügeln, unter ein Auto geraten, von einem Fremden angesprochen werden oder Sonnenbrand bekommen. Ich verstehe das.

Aber Zombie-Apokalypse? Mit elf. Was kommt denn eigentlich danach?  Es wird verdammt schwierig sein, eine filmische Steigerung in Sachen Grausamkeiten zu finden.

Aber es gibt ja auch keine Steigerung von egal.

shy

 

 

 

 

(Übrigens, The Walking Dead ist keine schlechte Trash-Serie. Die Serie ist hoch gelobt. Sie gilt als gesellschaftskritisch, politisch, vielschichtig, brillant umgesetzt.  Es geht auch weniger um Zombies…

…es geht um das Ende der Zivilisation.)

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