Zapfen, Äste, Schlamm

Wenn Marc seine Frühstücksdose im Rucksack verstaut hat, zieht er los. Ein kleines Stück unterhalb des sandigen Hügels steht sein Flugzeug. Er muss noch ein paar widerspenstige Äste überwinden, dann ist er drin. „Komm mit rein, wir fliegen los“, ruft er laut, zieht die Kapuze tiefer ins Gesicht und hebt ab. Sowas gibt es nur im Naturkindergarten in Lorsch. Hier haben die Kinder nicht nur Flugzeuge, sondern auch einen Pferdestall. Und wer diese Dinge nicht sieht, sondern nur einen Haufen Geäst, dem fehlt es schlicht an Fantasie. Lego oder Puppen sucht man im Kindergarten vergeblich. Dafür gibt es Bäume, Äste, Sand und Lehm, Tannennadeln, Rinde, Zapfen und Reisig, Wurzeln und winzig kleine Schneckenhäuser.

Überall in Deutschland sind in den vergangenen Jahren Wald- oder Naturkindergärten entstanden. Orte, an denen Kinder einen Großteil des Tages draußen verbringen. Der Naturkindergarten in Lorsch ist ein gutes Jahr alt und liegt am südlichen Stadtrand von Lorsch. Carina Hornung, Dipl. Heilpädagogin und Naturpädagogin, leitet die Einrichtung, die zurzeit 14 Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren besuchen. Um 9 Uhr morgens sitzt sie im Bauwagen und flicht Zöpfe bei einem ihrer Schützlinge. Der Bauwagen ist groß. Ein Tisch, Bänke ringsherum, eine Küche, Toilette, Heizung, ein Bücherregal. Derlei Luxus hatte Ella Flatau nicht, als sie in den 1950er Jahren den ersten Waldkindergarten in Dänemark gründete. Die Idee, Kinder in der Natur zu betreuen, statt in geschlossenen Räumen, stammt nämlich ursprünglich aus Skandinavien.

Die Zöpfe sind fertig. Jetzt heißt es anziehen. Das ist ein bisschen mühsam, es ist kalt draußen, da muss man sich warm einpacken. Der Gummistiefel steckt noch im Hosenbein, die dicke Jacke will auch nicht so, wie sie soll und wo ist denn nun wieder diese verflixte Mütze?
Schließlich ist es geschafft: Alle treffen sich zum Morgenkreis. Spielerisch geht es einmal durch die Wochentage, werden die Farben geübt, es wird gesungen. Rituale spielen eine wichtige Rolle im Kindergarten. Dann ziehen sie gemeinsam los in ein neues Abenteuer. Die Mädchen möchten gern Pferdchen sein und galoppieren durch den Wald bis auf den Hügel, der an diesem Tag zum Spielrevier für die Kinder wird. Sie sind nicht immer dort. Manchmal laufen sie auch zu einem nahen Pferdehof oder besuchen Schafe auf ihrer Wiese. Aber jetzt wird erst mal gefrühstückt. Dummerweise fängt es genau jetzt an zu regnen. Aber nur ein bisschen. Die Kinder stört es nicht, sie zeigen begeistert ihre liebevoll gepackten Vesperdosen. „Mach schnell wieder zu, sonst wird dein Brot ganz nass“, rät Naturpädagogin Brigitthe Natho. Sie hat lange in anderen Kindergärten gearbeitet, aber sie liebt die Arbeit mit den Kindern hier draußen. „Früher war ich oft erschöpft nach der Arbeit. Hier an der Luft tanke ich Energie und fühle mich gut, wenn ich nach Hause komme“, erzählt sie. Die dritte Erzieherin im Bunde ist heute Bianca Klant. Bianca hat damit begonnen, einen Pizzaofen zu bauen. Die ersten Steine liegen schon. Dass die Kinder kräftig mit anpacken versteht sich von selbst. „Den hab ich getragen“, erklärt Marc ganz stolz. Carina ist unendlich geduldig mit den Kleinen. Wieder und wieder, formt sie Kugeln aus feuchtem Sand, Amelie und Paulina quietschen vor Vergnügen, wenn sie sie mit den kleinen Händen zerdrücken. Dann versuchen sie es auch und schulen damit ganz nebenbei ihr motorisches Geschick.

„In Norwegen gibt es sogar Waldkindergärten für unter Dreijährige“, erzählt Carina nebenbei. „Die sind da ganz entspannt, da werden die Kinder zum Schlafen auch einfach unter Schaffelle unter freiem Himmel gelegt“, schmunzelt sie, die selber ein Jahr in einem Waldkindergarten in Oslo gearbeitet hat. So weit ist es in Deutschland noch nicht. Hier hat sich die Idee der Naturkindergärten erst in den 90er Jahren langsam etabliert, aber immer mehr Eltern begeistern sich für das Konzept und das hat gute Gründe. Abgesehen davon, dass die Bewegung und der Aufenthalt an der frischen Luft grundsätzlich positiv sind, gibt es auch viele weitere Vorteile, den nicht nur die Kinder, sondern auch die Erzieher spüren: Infekte übertragen sich weniger schnell, als in geschlossenen Räumen, der Lärmpegel ist geringer, der Stresspegel dadurch auch. Wissenschaftliche Studien haben außerdem ergeben, dass Kinder im Waldkindergarten gesundheitlich stabiler, sind, weniger Unfälle haben und sicherer fallen. Man glaubt es sofort, wenn man dabei zusieht, wie die Kinder, dick eingemummelt in Matschhosen und Winterjacken auf ihren kurzen Beinchen losziehen, um wieder und wieder den Hügel hoch zu flitzen, um ihn anschließend runter zu kullern. Schlammige Hände? Egal. Die werden an der Hose abgewischt. Frieren muss hier niemand, dazu sind sie die Kinder viel zu viel in Bewegung. Und leise sein muss man schon mal gar nicht. Hier muss man nur Kind sein. Text und Fotos: shy

Naturkindergarten Lorsch Anmeldung und Kontakt unter: familienzentrum-bensheim.de

1. März 2018

Kommentar schreiben


* Die Checkbox für die Zustimmung zur Speicherung ist nach DSGVO zwingend.

Ich stimme zu.