Aus armen Kindern werden arme Erwachsene

Fazit einer Langzeitstudie des Frankfurter Instituts für Sozialarbeit und Sozialpädagogik (ISS) und der Arbeiterwohlfahrt (AWO) zum Thema „Lebenslagen und Lebenschancen bei Kindern und Jugendlichen“ lautet: jedes dritte Kind, das vor 20 Jahren in Armut gelebt hat, lebt auch heute noch in Armut. Die Panelstudie ist die fünfte Phase einer seit 1997 laufenden Langzeitstudie zur Kinder- und Jugendarmut. In ihr wurde Armut im jungen Erwachsenenalter quantitativ und qualitativ untersucht. Für die frühe Kindheit und Schulzeit sagten die Probanten aus, dass sie wenig Untersützung durch Familie und weitere Umgebung bekommen hätten. Ein Fünftel der Befragten wuchs ohne Vater auf.

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Eine  zentrale These der Studie lautet: Armut in der Kindheit kann das Leben von Menschen langfristig belasten. Studienleiterin Dr. Irina Volf vom ISS Frankfurt am Main erklärte: „Die Studie zeigt: Armut in der Kindheit muss kein Lebensschicksal sein. Es gibt keinen Automatismus, der aus armen Kindern zwingend arme Erwachsene werden lässt. Aber: Viele junge Erwachsene mit Armutserfahrung entkommen der Armut nicht. Ein Drittel der armen Kinder bleibt auch im jungen Erwachsenenalter arm. Der Übergang ins junge Erwachsenenalter ist dabei ein Scheideweg im Leben dieser Menschen. Er ist eine Chance, der Armut der Familie zu entwachsen. Er kann aber auch in die weitere Armut führen.“

Die Studie stellte dar, dass es innerhalb von Familien zur Reproduktion von Armut kommen könne. Dies könnte allerdings druch Hilfe und Unterstützung in der entscheidenden Lebensphase beim Übergang von der Kindheit ins Erwachsenenalter verhindert werden. Wolfgang Stadler, AWO-Bundesvorsitzende, ergänzt: „Wenn es an diesen sensiblen Übergangsphasen passende soziale Dienstleistungen und ein funktionierendes soziales Netz gibt, dann steigen die Chancen der Betroffenen, der Armut zu entkommen“.

Und fordert: „Was es also braucht, ist eine stärker präventive Ausrichtung – einen Paradigmenwechsel, der Armut im Vorhinein verhindert, statt ausschließlich an individuellen Armutssymptomen herumzudoktern, die das strukturelle Problem nicht lösen. Die Studie ist ein politischer Auftrag! Uns kann es nicht zufrieden stellen, wenn in Deutschland in jedem fünften Kinderzimmer die Armut mitspielt. Damit verwehren wir jedem fünften Kind legitime Ansprüche auf Wohlergehen, Anerkennung und Zukunftschancen.“

Zum Weiterlesen: Positionspapier: Armut im Lebensverlauf Kindheit, Jugend und junges Erwachsenenalter (PDF)

Und: awo.org/langzeitstudie-kinderarmut-awo-fordert-paradigmenwechsel-der-armutsbekaempfung

7. November 2019

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