Aus dem Familienalltagsirrsinn

Heute Morgen, 6.30 Uhr, rannte das größere (Achtung, Pubertät) Kind durch den eiskalten Regen zum Bus. Ohne Jacke. Das neue Handy triumphierend gen Himmel gereckt. Auch der Turnbeutel und die Brotdose blieben zurück. Alles egal. Hauptsache das Handy war vor dem mütterlichen Zugriff gerettet. Denn das frisch zum Geburtstag geschenkte Smartphone hätte eigentlich zuhause bleiben sollen.

Wir haben zwei Kinder und vier Hasen und einen Hund. So wie wir an artgerechte Erziehung glauben, an eine Begegnung mit Kindern auf Augenhöhe, sollen natürlich auch Haustiere ein Recht auf ein schönes und vor allem artgerechtes Leben haben. Das bedeutet für Hasen: frei im Garten rumhoppeln zu dürfen. Es ist so süß, wie sie die frisch gepflanzten Blumen abfressen und aus purer Lebensfreude die weiche Erde aufwühlen, so dass die frisch gepflanzten Tulpenzwiebeln nur so durch die Gegend fliegen. Ein großer Spaß. Nur nachts geht das alles nicht, denn dann kommen größere Tiere, die auch ihr Recht auf ein artgerechtes Leben wahrnehmen.

Jeden Abend beginnt das Drama von vorn: die Hasen müssen irgendwie eingefangen werden.  Ist das kleinere Kind nicht zuhause, muss das pubertierende, größere Kind diese, eigentlich nicht zumutbare, Aufgabe übernehmen. Es muss also nach der minimalen nachmittäglichen Pause von drei bis vier Stunden sein Bett verlassen, in dem es die letzten Stunden teilnahmslos gelegen hat (abgesehen vom regelmäßigen Blick aufs Handy). Es muss dann auch noch Schuhe anziehen. Und eine Taschenlampe in die Hand nehmen. Diese drei Handlungen werden in einem zehnfach verlangsamten Schneckentempo ausgeführt. Bedächtiger als in Zeitlupe. Begleitet von lautem Gestöhne und Gepöbel (das klingt irgendwie lustig, weil Stimmbruch).

Zwischendurch muss sich das Kind natürlich ausruhen. Immer in der Hoffnung, dass ein Elternteil die Geduld verliert und den Auftrag selber ausführt. Seit kurzem haben sich die Hasen aber angewöhnt, durch den Zaun zu den Nachbarn zu entwischen (an welcher Stelle lässt sich nicht nachvollziehen) und hier ist eine Grenze erreicht, was Eltern auf sich nehmen. Im Halbdunkeln über einen Zaun zu klettern und in fremden Beeten mit der Taschenlampe nach einem Hasen zu suchen gehört nicht dazu.

Das Kind stolpert also emotionslos durch den Garten (ab und zu ertönen verzweifelte Rufe: „MAMA! Hilf mir doch!“). Zwischendurch muss es sich natürlich  wieder ausruhen. Dazu wird das Handy aus der Hosentasche gezogen, es werden zahllose Nachrichten in den Klassenchat geschossen, die Finger eilen überaus flink über den Bildschirm. Die Aufforderung. „Leg das Handy weg und fang‘ endlich die Hasen ein“, wird noch nicht mal kommentiert. Der mütterliche Versuch, das Handy zu ergreifen, wird geschickt und blitzschnell abgewehrt …

Nachts schläft das Handy natürlich unter dem Kopfkissen. Angeblich ausgeschaltet. Dieses Kind hat nie einen Schnuller gebraucht. Es hatte nie eine Lieblingskuscheldecke. Nie ein Übergangsobjekt. Bis jetzt.

Fazit: keine Hasen! Kein Handy! Glaubt mir!

bw // Foto: Fritz Kopetzky

 

 

21. November 2017

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