„Das waren ja Kinder, so wie wir!“

Eine Schule mitten in Mannheims Stadtteil Sandhofen wurde gegen Ende des Nationalsozialismus zum Konzentrationslager. Von September 1944 bis März 1945 internierte dort der Daimler-Benz-Konzern 1.060 polnische Häftlinge. Sie wurden in die 16 Klassenzimmer des ersten und zweiten Obergeschosses der Schule gepfercht. Der jüngste war 14 Jahre alt. Das Gebäude ist noch immer eine Schule, heute heißt sie Gustav-Wiederkehr- Schule. Gegen den Widerstand aus Politik und Nachbarschaft wurde 1990 im Keller der Schule die Mannheimer KZ-Gedenkstätte Sandhofen eingerichtet. Und seit 2014 führen die Initiatoren der Gedenkstätte eine Geschichts-AG zum Nationalsozialismus mit Grundschulkindern durch. Im  vergangenen Jahr erhielt das Projekt den Demokratiepreis der Stadt Mannheim. Wir haben uns mit Dr. Marco Brenneisen, Historiker und Sozialwissenschaftler und Initiator der AG, unterhalten.

Wir haben uns vorab gefragt: Sind Grundschulkinder nicht zu jung für das Thema Nationalsozialismus? Noch dazu, wenn in den eigenen, heute hellen und freundlichen Klassenräumen, den Fluren, auf denen getobt wird, dem Pausenhof, auf dem gechillt wird, früher Menschen gequält wurden, Hunger und Folter erlitten? Und: Müsste man für diese Altersgruppe das Thema nicht so niederschwellig vereinfachen, dass es letztlich zu einer Bagatellisierung der NS-Verbrechen führt? Tatsächlich: Obwohl sich die Gustav-Wiederkehr-
Schule und die Gedenkstätte im selben Gebäude befinden, gab es lange Zeit keine Zusammenarbeit zwischen den beiden Institutionen. Sowohl unter der Lehrerschaft und den Eltern als auch seitens des Vereins existierten große Bedenken.

Lieber Herr Dr. Brenneisen, eine Geschichts-AG für Grundschulkinder zum Thema Nationalsozialismus. Und das auch noch unmittelbar am Ort des Geschehens. Wie passt das zusammen?

Sie wären überrascht, wie interessiert und informiert bereits Grundschulkinder sind. Jedes Kind, das mit den Eltern Nachrichten schaut, oder auch Kindernachrichten, bekommt etwas davon mit, aber eher nur wie etwas Fernes, ein Gerücht über etwas sehr Böses. Wir nennen das diffuse Geschichtsnarrative. Generell bleiben Themen wie Rechtsextremismus, Antisemitismus, Rassismus, Krieg und Gewalt, Verfolgung und Flucht den Kindern nicht verborgen. Und ist es für Erwachsene schon kaum erklärbar, wie Menschen zu derlei Taten in der  Lage sein können, stellt sich für Kinder umso mehr die Frage nach dem „Warum“. Hier wollten wir ansetzen. Damit es nicht bei einem beunruhigenden Halbwissen bleibt.

Das Thema wird aber in einer AG behandelt und nicht im Unterricht?

Ja, es ist eine freiwillige AG für die Klassenstufe 4, die wöchentlich am Nachmittag stattfindet. Die AG ist übrigens so beliebt, dass wir am Ende meistens auslosen müssen. Ziel ist es, die Kinder mit der Gedenkstätte vertraut zu machen, basale, kindgerecht aufbereitete Kenntnisse über die Geschichte des Nationalsozialismus allgemein sowie des KZ Sandhofen im Besonderen zu vermitteln. Im Mittelpunkt steht dabei nicht das Erlernen von Faktenwissen; wir haben ein niedrigschwelliges interaktives Angebot für historisches Lernens entwickelt, das thematisch um die Schwerpunkte Diskriminierung, Ausgrenzung und Verfolgung kreist.

Und was genau sind die pädagogischen Ziele?

Kinder im Umgang mit Geschichte zu sensibilisieren! Ihr politisches und demokratisches Bewusstsein zu schärfen und sie für Menschenrechte zu stärken. Dabei kommen überwiegend biographieorientierte Methoden historischen Lernens mit lokalen Bezügen zum Einsatz. Die Schaffung von Identifikationsmöglichkeiten ist essentiell: Wir schauen uns die einzelnen Lebenswege der Häftlinge an. Natürlich nehmen die Kinder großen Anteil – je jünger die Menschen waren, umso stärker fühlen sie sich ihnen verbunden. Oft wird es dann auch emotional, wenn sie feststellen: Das waren ja noch Kinder – so wie wir!

Das Projekt heißt „Was hat ein Kaninchen mit unserer Geschichte zu tun?“. Wie kam es zu dem Namen?

Der ging von den Kindern aus. Wir haben uns gefragt: Welche Rechte hat ein Kaninchen eigentlich? Kinder lieben ihre Haustiere und können sich gut in sie hineinversetzen. Empathie zu entwickeln ist eine wichtige Voraussetzung für Demokratie. Bei den Kindern heißt das Projekt übrigens intern „Kaninchen-AG“.

Wissen Kinder und Eltern eigentlich über die Geschichte der Schule Bescheid?

Das war ein weiterer Grund für die Geschichts- AG: Unter den Schülern kursierten die gruseligsten Gerüchte über den Keller der Schule. Dass die KZ-Gedenkstätte eine Art Gruselkammer sei, in der Särge aufgebahrt seien und sich Überreste von getöteten Menschen befänden. Ich sehe es also auch als unsere Aufgabe, die Gedenkstätte als Ort der historisch politischen Bildung in den Mittelpunkt zu stellen und mit Fakten diesen Mythenbildungen und verzerrten Geschichtsvorstellungen entgegenzuwirken.

Die AG findet aber nicht im Keller statt, oder?

Nein, in einem Klassenzimmer. Am Ende der AG, und das ist oft das „Highlight“ für die Kinder, ist der Besuch der KZ-Gedenkstätte inklusive Rundgang durch den Stadtteil auf dem „Weg der Häftlinge“. So bleibt Geschichte wirklich lebendig.

Mannheim ist eine Stadt der Vielfalt. Die Gustav-Wiederkehr-Schule besuchen Kinder aus 17 unterschiedlichen Nationen – ist das Interesse bei allen gleich groß, unabhängig von ihrer Nationalität?

Das Interesse ist nationalitätenunabhängig! Kinder mit Migrationshintergrund haben vielleicht noch mehr Interesse. Sie haben bereits einen Bezug zu dem Thema, weil sie wissen, was Ausgrenzung bedeutet.

bw // Fotos: KZ-Gedenkstätte Sandhofen

Informationen und Kontakt: Marco Brenneisen, KZ-Gedenkstätte Sandhofen, c/o MARCHIVUM, Archivplatz 1, 68169 Mannheim, 0621 293 74 85

Hintergrund:

KZ-Gedenkstätte Sandhofen
Im Keller der heutigen Gustav-Wiederkehr-Schule in Mannheim-Sandhofen befindet sich die KZ-Gedenkstätte Sandhofen– als Erinnerung an das Außenlager des KZ Natzweiler, das hier im Herbst 1944 eingerichtet worden war. Es diente zur Unterbringung von KZ-Häftlingen, die für Daimler-Benz Mannheim arbeiten mussten. Obwohl das Außenlager des KZ Natzweiler in die örtliche Infrastruktur eingebettet und für die Einwohnerschaft des Stadtteils jederzeit erkennbar war, verschwand es nach Kriegsende vollständig aus dem öffentlichen Bewusstsein. Erst am 12.11.1990 wurde hier eine Dauerausstellung eingerichtet, die nach vorheriger Anmeldung von Schulklassen, Gruppen und Einzelpersonen besucht werden kann. Bei dem  Sandhofer Außenlager handelt es sich um ein Lager der Endphase des NS-Staats – es war ein Hungerlager. Hier litten 1.070 Menschen; nahezu alle waren polnische Männer und Jugendliche, die während des Warschauer Aufstands im Sommer 1944 aus ihrer Heimatstadt verschleppt worden waren.

Der 1991 gegründete Verein „KZ-Gedenkstätte Sandhofen e.V.” hat sich zum Ziel gesetzt, den Kontakt zu ehemaligen Häftlingen zu pflegen und die Erinnerung an die nationalsozialistische Gewaltherrschaft, an Verfolgung und Widerstand in Mannheim wachzuhalten.

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