Draußenschule Ladenburg

In Ladenburg hat eine „Draußenschule“ eröffnet. Pünktlich zum Schulbeginn 2021. Unterrichtet wird jahrgangsübergreifend in einer Gruppe von 25 Schülern. Für die Zukunft sind zwei Gruppen von jeweils 20 Kindern geplant.

Hell und luftig sind die Räume der neuen Draußenschule. Ja, Räume gibt es auch, denn man kann ja nicht den ganzen Tag draußen im Wald sein. Früher stand hier das alte Vereinshaus der Vogelwarte Ladenburg. An den Waldpark grenzend und in Flussnähe ist es bis heute ein beliebtes Ausflugsziel für Familien und für Senioren, die Hühnern und Tauben in der großen Voliere nebenan beim Picken zusehen. Die Draußenschule fügt sich hier nahtlos ein.

In nur drei Jahren wurde das marode Vereinshaus kernsaniert und zu einem kleinen Schulhaus umgebaut, der ehemalige Lagerschuppen wurde zur Küche und zur „Generationenwerkstatt“. Überall im Innern riecht es noch nach frischem Holz und zart nach Farbe. Die Schulräume der Draußenschule sind mit hocheffektiven Luftfiltern ausgestattet, die siebzigmal in der Stunde die Luft filtern. „Diese Entscheidung haben wir aber schon vor der Pandemie getroffen“, erzählt Schulleiterin Carolin Rückert. Bis Freitag wurde gebaut, am Sonntag wurde eingeräumt – damit am Montag (Schulbeginn in Baden-Württemberg) die kleinen Abc-Schützen begrüßt werden konnten. Auch die Begrüßungswimpel hängen noch und die große Anstrengung sieht man den Draußenschule-Macherinnen auch noch etwas an. „Drei Jahre haben wir an dem Projekt gearbeitet“, berichtet uns Carolin Rückert. „Natürlich berufsbegleitend“. Eigentlich ist die 45-Jährige verbeamtete Grundschullehrerin an einer Grundschule in Käfertal. Schon immer habe sie die Ideen der Waldpädagogik fasziniert, erzählt sie. Und auch bei den Eltern, Lehrkräften und Kindern kamen die regelmäßigen Wald- und Draußen-Tage sehr gut an. Der von ihr initiierte und umgesetzte Schulversuch sah vor, dass Grundschüler alle zwei Wochen ganztägig „draußen“ unterrichtet werden. Doch die Pädagogik fest zu etablieren sollte dauerhaft im „normalen Schulbetrieb“ nicht gelingen. Trotzdem war sie von dem Prinzip des aus Skandinavien stammenden Modells der „Udeskole“ (Draußenschule) überzeugt. Nach einer Ausbildung zur Waldpädagogin bot Carolin Rückert regelmäßig Workshops und Kurse zu dem Thema an und bemerkte „großes Interesse und großen Bedarf“ bei Eltern und Lehrkräften.

Ein innovatives, aber auch tragfähiges Konzept musste her, auf Deutschland und die regionalen Umstände angepasst. „Die Natur“, so ist Rückert überzeugt, „stärkt und bereichert als Lern- und Erfahrungsraum die Kompetenzen der Kinder in allen Bereichen.“ 2020 wurde es nach einigen Rückschlägen vom Kultusministerium genehmigt. Der Schulplan der Draußenschule kombiniert im täglichen Wechsel den Unterricht innerhalb und außerhalb der Schulräume in Verbindung mit technisch-digitalen Bildungselementen. Die Draußenschule ist zwar eine private Schule in freier Trägerschaft, der Stundenplan orientiert sich trotzdem am Baden-Württembergischen Bildungsplan. Die Kinder sollen nach der vierten Klasse ja „ganz normal“ weiterführende Schulen besuchen können, ohne große Brüche. Auf dem Stundenplan stehen also neben Deutsch und Mathe und Sachkunde. Aber: „Wir nehmen jedes Fach und betrachten es ganz neu“, so Carolin Rückert, die gemeinsam mit Sonderpädagogon Lisa Schels und Robert Kramer das pädagogische Team der Schule bildet.

Und wie können wir uns das vorstellen? Ein Thema für alle Fächer? „Zählen kann man auch Äpfel auf dem Bauernhof nebenan. Und rechnen kann man bestens mit Kastanien im Wald. Wir zerschneiden ein Thema und betrachten es von unterschiedlichen Blickwinkeln, eben aus den unterschiedlichen Fachrichtungen“, erklärt die 45-Jährige. In dieser Woche steht das Thema Herbst auf dem Stundenplan. Zuvor hatten sich die Kinder intensiv mit dem Thema Äpfel beschäftigt, viel über diese Frucht gelernt und auf dem Obsthof der Nachbarschaft nicht nur Äpfel geerntet, sondern auch eigenen Apfelsaft gepresst.

Natürlich funktioniert so eine Schule nicht ohne die tatkräftige Mithilfe der Eltern. „Die ersten drei Jahre werden hart“, erklärt Carolin Rückert. Das Baden-Württembergische Schulgesetz sieht vor, dass private Schulen erst im vierten Jahr staatliche Unterstützung bekommen. Umso ungerechter und etwas „scheinheilig“ sei der Vorwurf einer „Eliteschule“, die sich nur besser gestellte Familien leisten könnten. „Dieser Vorwurf ließe sich ganz einfach entkräften, wenn freie Schulen – so wie es in Skandinavien schon längst üblich ist – gegenüber staatlichen Schulen finanziell gleichgestellt wären“, betont die Waldpädagogin und zweifache Mutter. Trotzdem versucht die Draußenschule auch Familien mit geringem Einkommen einen Platz zu ermöglichen. „Wir haben uns für einen einkommensabhängigen Beitrag entschieden“, erklärt Rückert. „So bekommen alle Kinder die Chance auf einen Platz.“

Wichtig sei, dass die Kinder und die Familien zum Konzept der Draußenschule passten. Dass die Kinder sich gern und viel in der Natur bewegten, auch bei schlechtem Wetter, neugierig auf die Welt seien und Freude am Entdecken und Forschen hätten. Auf die Mitarbeit der Eltern ist die Draußenschule ganz konkret angewiesen. Mittags bringt ein biologisch und vegetarisch kochender Caterer das Essen, ein Elternhaus richtet es für die Kinder her und kümmert sich anschließend um Küche und Geschirr. Da die Schule eine Ganztagsgrundschule ist, bieten Eltern, Vereine und ehrenamtliche Mitglieder nachmittags unterschiedliche Generationenwerkstätten an. Von Budo, Kinder-Yoga, Ernährungslehre bis Garten und Natur reichen die Angebote. Abends kommen ein bis zwei Elternteile zum Putzen der Schulgebäude. „Wir verstehen es als Partnerschaft“, erklärt Carolin Rückert, „ohne die zuverlässige Mitarbeit der Eltern kann eine neu gegründete Schule nicht überleben“. Auch die Teilnahme an regelmäßigen Aktionen und bei praktischen Arbeiten, der Instandhaltung der Schule und des Geländes, sei Voraussetzung für einen Platz.

Große Unterstützung bekam das Projektteam vom Ladenburger Bürgermeister Stefan Schmutz, das Gelände wurde der Schule zur Nutzung zur Verfügung gestellt, auch einen Zuschuss bekam der Schulverein. Und viele lobende Worte für die tatkräftige Umsetzung eines Konzeptes, mit dem zu Beginn niemand so richtig etwas anfangen konnte im Gemeinderat.

Interessierte Eltern können Bewerbung für das Schuljahr 2022/2023 einreichen. Die größten Chancen auf einen Schulplatz haben Quereinsteiger aus Klasse 3 & 4.
bw // Fotos: mschi

Draußenschule im Reinhold-Schulz Waldpark, Trajanstr. 76, 68526 Ladenburg, draussenschule-ladenburg.de

1. Dezember 2021

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