Krise mit Ansage

Jungen & Pubertät: In Beziehung bleiben, wenn alles anders wird.
Interview mit dem Autor und Geschlechterforscher Reinhard Winter.

Endlich, so denkt man beim Lesen. Endlich ein Sachbuch, dass die Pubertät nicht als Ausnahmezustand, als Krise, als Ende der Eltern-Kind-Beziehung betrachtet. Sondern als eine offene Lebensphase, in der unglaublich viel geschieht.
Nicht nur im Innern der Jugendlichen, sondern auch zwischen Eltern und Kind.

Eltern kommen in dieser Zeit oft an ihre Grenzen, ja, aber hey, super! Denn hinter jeder Grenze befindet sich Neuland, und das zu entdecken, geht nur gemeinsam.  Erziehung, so lesen wir, sei keinesfalls mit dem Beginn der Pubertät abgeschlossen, sie sei so bedeutsam, wie in der Kindheit. Aber: die Rollen müssten sich ändern: „Dauerfürsorge und Einmischung in seine inneren Angelegenheiten“ könne kein Junge brauchen.

Wir haben uns mit dem Autor der Neuerscheinung „Jungen und Pubertät“ unterhalten. Über die Rolle der Kinder, aber auch über die der Eltern. Denn so seine These: kommen Kinder in die Pubertät, müssen Eltern ihre Rolle hinterfragen. Besser gesagt. Sie werden dauerhinterfragt und so mit sich selbst konfrontiert.

Sehr geehrter Herr Winter, Ihr aktuelles Buch „Jungen & Pubertät“ ist der Nachfolger von „Jungen brauchen klare Ansagen“. Was wir uns spontan gefragt haben: Brauchen Mädchen keine klaren Ansagen?

Doch, sicher, das brauchen Mädchen manchmal auch. Aber es gibt Unterschiede in der Dosierung, da genügt bei Mädchen meist weniger, und auch in der Wirkung, die hält tendenziell bei Mädchen länger an. Allerdings ist die Bandbreite unter den Jungen auch sehr groß, bei vielen stimmt die Tendenz, aber bei manchen weniger.

Und ist für Mädchen die Pubertät nicht deutlich anstrengender als für Jungen?

Das ist schwierig abzuwägen, der Vergleich, wer ist schlimmer dran, hilft meistens nicht weiter. Sicher ist eine Mädchenpubertät auch keine leichte Sache, weder für Mädchen noch für ihre Eltern. Aber gerade die Pubertät ist für Jungen wie für Mädchen sehr speziell, und damit auch für die Eltern. Mir geht es im Buch darum, dieses Besondere hervorzuheben und die Eltern zu stärken. Das heißt aber nicht, dass es diesen Blick für die Mädchenseite nicht
genauso braucht.

Wir sollten, so schreiben Sie gleich zu Anfang, die Pubertät lieben. Warum? Und vor allem: warum werden wir von ihr nicht zurückgeliebt?

(lacht) Doch, sicher, die Pubertät liebt die Eltern auch zurück, vielleicht merken sie das nicht so schnell, weil es dabei nicht so harmonisch zugeht, wie wir uns das wünschen. Das Geschenk der Jungenpubertät kommt weniger als Schmelz der Harmonie zu uns, mehr mit dem Dampf der Konflikte. Auf jeden Fall haben Eltern viel von der Jungenpubertät, weil sie unsere eigene Entwicklung anstößt, weil die Jungen uns mit uns selbst konfrontieren. Früher waren die Jungen unsere Fans, jetzt werden sie zum Richter, sie finden unsere Macken und Schwächen. Umgekehrt sollten wir die Pubertät auch wegen der Entwicklungen beim Sohn lieben. Es ist wirklich spannend, interessant und erstaunlich, was da alles so passiert. Klar sagen viele, auf manches könnte ich verzichten, aber insgesamt ist es einfach eine tolle Geschichte, wie sich da einer vom Jungen zum Mann entwickelt.

Ein guter Teil, so lesen wir, der Pubertätsprobleme von Jungen, sei selbst produziert. Es sei eine „Krise mit Ansage“. Warum fürchten wir uns Eltern so vor dieser Zeit?

Da gibt es mehrere Gründe, einer ist, dass viel über Jungen in der Pubertät gejammert wird und dass große Hämmer einiger weniger Jungen aufgeblasen werden. Wenn wir erwarten, dass es jahrelang problematisch zugeht, dann steigt die Wahrscheinlichkeit, dass es auch so ist. Ein anderer Teil sind einfach Erfahrungen, die alle schon mit pubertierenden Jungen gemacht haben: die Väter mit sich und mit Gleichaltrigen, die Mütter mit Klassenkameraden oder Brüdern. Niemand sagt, dass das Leben mit Jungen in der Pubertät nur einfach ist, aber wer sich vorab und ohne Anlass schon mal in die Angst reinsteigert, produziert damit selbst ein gutes Stück des Problems.

Die Pubertät sei eine Zeit der Konflikte mit unsicherem Ausgang. Da kann man als Eltern doch nervös werden, oder?

Ja schon, die Fakten sind ja recht eindeutig, die Risikostatistiken werden von Jungen angeführt, egal ob das jetzt Unfälle, Gewalt, berauschende Substanzen oder exzessives Gamen ist. Die Pubertät wird bei Jungen durch die männlichen Komponenten auf die Spitze getrieben, durch  Testosteron und durch Männlichkeitsbilder gleichermaßen. Insofern sind Sorgen schon auch berechtigt. Nur sollten wir nicht darin stecken bleiben. Nervös werden wir vor allem dann, wenn wir unseren Söhnen nicht vertrauen, auch weil wir nicht mehr in Beziehung sind und sie nicht mehr kennen. Wenn Eltern panisch werden, hilft das Jungen aber nicht, sie brauchen eher Unterstützung darin, mit den Risiken gut umgehen zu können, also Risikokompetenz. Die können Eltern fördern, zum Beispiel wenn sie mit dem Sohn über die Risiken reden, aber es letztlich ihm überlassen, wie er sich verhält.

Ist Pubertät wirklich das, was die Beteiligten daraus machen? Viele Eltern haben gerade in dieser Zeit den Eindruck, dass sie überhaupt nichts mehr beeinflussen oder beitragen können.

Das ist einfach falsch. Wenn die Eltern sich zum pubertierenden Sohn wie zu einem Kleinkind verhalten, ist die Wirkung natürlich beschränkt, der Junge wird zu Recht bockig. Aber wenn sie mitwachsen, ihm zunehmend auf Augenhöhe begegnen, ihm was zutrauen und ihm vertrauen, dann verändert sich ihr Einfluss, aber er bleibt spürbar. Eltern vergessen manchmal, dass Nicht-Erziehen nicht geht, denn auch wenn sie sagen: „Ich halte mich raus“ oder wenn sie aufgeben, weil er zu viel spielt, dann sind das ja auch Interventionen, die etwas bewirken. Und gerade Söhne brauchen in der Pubertät stabile Gegenüber, an denen sie sich reiben  können. Eltern, die sich verabschiedet haben, können das nicht, sie sind ein Enttäuschung.

Das Gehirn der Jugendlichen sei keineswegs, wie bisher angenommen, wegen „Umbau geschlossen“: Im Gegenteil, es arbeitet auf Hochtouren, so Ihre These. Woher kommt diese neue Einschätzung?

Das sind nicht mehr ganz neue Ergebnisse der Hirnforschung, das lässt sich aber auch gut im Alltag beobachten: Gerade pubertierende Jungen können zum Beispiel gut und ausdauernd argumentieren, wenn sie ein neues Smartphone oder mehr Zeit zum Gamen wollen. Das Gehirn funktioniert noch, durch den Umbau an manchen Stellen nur eingeschränkt, aber es denkt, und auch das Sprachzentrum ist arbeitsfähig. Parallel passiert ja ganz viel, Altes wird abgebaut, es gibt Platz für Neues, große Denkräume öffnen sich, das alles ist hoch komplex und auch anstrengend.

Reden wollen Jungen in dieser Zeit mit ihren Eltern nur ganz minimal. Abgesehen von plötzlichen Anfällen von Diskussionsattacken, sitzen sie schweigend und oft abwesend in ihren Zimmern. Ist das wirklich normal?

Ja, abgesehen davon, dass in der Pubertät kaum etwas als normal zu bezeichnen ist. Jungen brauchen Angebote der Eltern, bei denen der Sohn merkt, dass es sich jetzt nicht um ein Verhör der Mutter oder um einen Monolog des Vaters handelt, sondern um echte Dialoge von Gleichwürdigen.

Viele Eltern machen sich während der Pubertät ihrer Kinder große Sorgen. Viele Verhaltensweisen streifen die Grenzen von psychischen oder körperlichen Störungen oder Krankheiten. Wie kann man hier sicher sein, dass sich die Dinge noch im Normalbereich befinden?

Eine wichtige Frage, gerade bei Jungen, weil psychische Störungen bei ihnen oft übersehen werden. Die unbefriedigende Antwort: Sich sicher sein geht meistens nicht. Viele der Merkmale für psychische Störungen, wie Rückzug, Depression, Impulsivität, sind in der Jungenpubertät angelegt. Pubertierende bewegen sich oft in Grauzonen zwischen gesund und krank. Der Schlüssel ist auch hier wieder die Beziehung zum Jungen, dann lassen sich Stimmungslage und Hilfebedarf besser einschätzen. Aber wirkliche Sicherheit gibt es nicht.

Sie beschreiben die Pubertät als „zweite Chance nach der Kindheit“. Eine Chance wofür?

Erst einmal die Chance, dass sich eine eigenständige und einzigartige Persönlichkeit entwickelt. Bei Jungen geht es dabei darum, ein Mann zu werden und das in seine Identität zu packen, als einer, der mit sich und den Anforderungen klarkommt, nicht an Mamas Service-Rockzipfel hängt, sich vom Vater löst, der seine Sexualität auf die Reihe kriegt, mit seinem Körper zufrieden ist, Freunde hat, irgendwo dazugehört, der berufliche Ideen entwickelt, seine Schwächen akzeptiert und seine Größe entfaltet. Alles das muss eine Psyche erst mal organisieren, das ist harte Arbeit über Jahre. Die Chance strahlt aber auch weit über die Einzelnen hinaus, die Jugend – also junge Frauen und junge Männer gleichermaßen – bringt ihre Innovationskraft in die Gesellschaft ein, die sich dadurch verändert und entwickelt.

Ist die Pubertät also in Wahrheit keine Krise der Jugendlichen, sondern die der Eltern?

Natürlich nicht ausschließlich, die Jungen haben ihre Krisen, das ist ihr Teil der Sache und unvermeidlich. Aber jede Pubertät ist auch eine kritische Phase für Eltern. Weil sich die eigene Rolle, die eigene Identität der Eltern verändert. Gerade wenn das Mutter- oder Vatersein ernst genommen wurde: Wird der Sohn selbständiger, schrumpft dieser wichtige Teil der Identität bei den Eltern, das ist ein Verlust. Oder es kommt etwas zum Vorschein, was sich vorher hinter der Zeit mit dem Kind und den ganzen Anforderungen verstecken konnte: zum Beispiel Spannungen in der Beziehung der Eltern, Unzufriedenheit im Beruf oder das eigene Älterwerden – keine leichten Themen, die es aber auch ohne die Krisen des Sohnes gäbe. Seine Pubertät verweist darauf, dass es jetzt eben wieder mehr um das Eigene der Eltern geht.

Interview: bw // Fotos: AdobeStock; privat

 

31. März 2021

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