Meine beste Freundin, ihre Tochter und ich

Es war die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm. Man liegt nach getaner Hausarbeit und nach dem Erledigen liegengebliebener Dinge auf dem Sofa und man fängt schon fast wieder an, sich zu langweilen. Aber dann klingelt es unverhofft an der Tür und schon ist es vorbei mit der Ruhe – Gott sei Dank. Im Anmarsch sind Tina, Paulina und ihre kleine Schwester Luisa. In Windeseile wird es laut und lebendig – und ich könnte mir in diesem Moment nichts Entspannenderes vorstellen, als diesen kleinen Überraschungs-Kaffeeklatsch mit diesen drei Mädels.

Es krümelt, streuselt, berlinert und brezelt nur so vor sich hin und um den Tisch herum. Und ganz nebenbei erzählen wir davon, was uns gerade eben so bewegt. Paulina erzählt davon, wovon sie letzte Nacht geträumt hat. Ihre Mama erzählt davon, was in der nächsten Zeit für die Familie so ansteht. Und ich höre fleißig zu, esse die süßen Stückchen, die mir Paulina eines nach dem anderen auf meinen Teller legt und beantworte Paulinas Fragen, die sie mir eine nach der anderen stellt („Wer ist die Frau auf dem Foto?“, „Gibt’s du mir das Buch aus dem Regal?“, „Wer hat dir das hier geschenkt?“ … um nur einige zu nennen). Luisa erkundet derweil lieber die Umgebung, klettert, kleckert und ist dabei eigentlich nur zum Anbeißen süß. Süß und klebrig scheint auch der Berliner zu sein, den Paulina gerade verdrückt.

Paulina: „Du musst ihn erst zerschneiden. Guck‘ so.“

Ich gucke.

Paulina: „Dann musst du ihn drücken, dann kommt die Marmelade raus. Guck. Erst muss man die Marmelade essen, dann den Rest.“

Ich: „Gut zu wissen. Das hat mir jahrelang niemand erklärt, wie man richtig die Marmelade aus den Berlinern rausbekommt, geschweige denn, wie man einen Berliner also richtig essen sollte …“

Paulina: „Jetzt weißt du es …“

Wir reden über dies und das und lachen nicht nur einmal. Paulina ist mit Eifer dabei und eine feine Beobachterin. Eventuell macht sie mal Karriere als Polizeibeamtin, sie kombiniert in Windeseile und sie möchte alles wissen – ganz nach dem Motto: Eine Frage kommt selten allein. Es geht also weiter:

Paulina: Warum lacht ihr? Was habt ihr da gemacht?

Nach dem Essen kommt was? Das Basteln natürlich. Paulina weiß inzwischen genau, wo es auch in meiner Wohnung Stifte und Papier gibt. „Ich hole sie“, sagt sie schnell. Und dann geht es auch schon los. Sie zeichnet gewissenhaft.

Paulina: „Das ist ein Hund.“

Ich: „Klar ist das einer. Das sieht man doch.“

Es ist eben Hund mit sieben Beinen und drei Ohren. Aber das macht überhaupt nichts. Dieses Kunstwerk trägt ihre Handschrift, ist ein Unikat und damit besonders wertvoll. Ich bin mir sicher, auch Picasso wäre stolz auf sie gewesen…

Paulina: „Warum schläft dein Hund?“

Ich: „Weil er müde ist. Er war heute schon im Wald und in der Hundeschule. Jetzt muss er sich ein bisschen ausruhen.“

Eine Schule? Für Hunde? Sie lässt den Stift fallen und schaut konzentriert in die linke Zimmerecke. Ich kann in Paulinas Augen sehen, dass ihre Phantasie wieder einige Karussellrunden dreht. Ob sie sich die Hunde auf Schulbänken sitzend vorstellt? Oder mit einer Schultüte? Ich erkläre ihr, dass die Hunde dort in kleinen Gruppen lernen, wie man zum Beispiel „Sitz“ und „Platz“ macht. Ah, diese Kommandos hat auch sie schon mal irgendwie aufgeschnappt. Sie nickt kurz und malt dann weiter. Damit scheint das Thema abgehakt und alle Fragen beantwortet, vorerst zumindest.

Vom Basteln bekommt Paulina nicht genug – wie auch? Schließlich steht im November das große Ereignis an: der Martinsumzug.

Tina: „Ihre Laterne hat sie ganz allein gebastelt. Das hat sie toll gemacht.“

Paulina, der kein Wort entgeht, lächelt und nickt stolz.

Wenige Tage später kann ich ihre Laterne selbst sehen, als Tina mir ein Foto vom Laternenumzug schickt. Stolz hält Paulina ihren selbst gebastelten Pinguin in der Hand und marschiert mit Mama, Luisa und Co. und den anderen Kindern aus ihrer Kindergartengruppe in der Dämmerung singend umher. „Dieses Jahr hatte Paulina zum ersten Mal keine Angst und war nicht auf meinem Arm. Die Jahre zuvor war es ihr nämlich nicht so geheuer. Sie hat dieses Mal viel gesungen und konnte jedes Lied auswendig – von der ersten bis zur letzten Zeile“, erzählt mir Tina wenig später am Telefon.

Das Jahr ist bald zu Ende, das merkt auch Paulina. Und sie weiß genau, dass im Dezember Weihnachten gefeiert ist und dass sie deshalb einen Wunschzettel schreiben darf.

Tina: „Sie schreibt immer mal wieder etwas auf ihren Wunschzettel.“

Ich: „Und was steht da schon drauf?“

Paulina: „So ein Buch, in das ich auch mal reingeschrieben habe.“

Ein Freundebuch für ihre Kindergartenfreunde, ergänzt ihre Mama. Bei uns hieß das noch Poesiealbum und die siebenjährige Tina hat sich in meinem Buch verewigt, das noch im Regal in meinem alten Kinderzimmer steht.

Paulina: „Den Wunschzettel schreiben wir für das Christkind. Wir schicken ihn mit der Post oder das Christkind holt ihn bei uns im Garten ab.“

Da hatte wohl jemand viele kleine Fragen auf Weihnachten bezogen und Mama Tina hat sie alle beantwortet. Gott sei Dank! So kann man also beruhigt in die Vorweihnachtszeit starten, wenn da nicht noch eine ganz wichtige Frage wäre: „Mama, wann ist Weihnachten?“.

Von Ann-Kathrin Weber

Über die Autorin:

Redakteurin Ann-Kathrin Weber hat zwar selbst noch keine Kinder, schreibt aber besonders gern über Kinderthemen. Für StadtLandKind hat sie ihre Freundin Tina durch die Schwangerschaft begleitet und besucht Paulina und ihre Eltern einmal im Monat für uns.

 

15. November 2018

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