Schule als Schutzort

„Brudi, isch muss Lehrerzimmer.“ Der 17-Jährige Mohammed gibt sich locker, aber seine Kumpel machen ihm keinen Mut für das anstehende Gespräch. „Haha, Du Opfer!“ Eine mittelstarke Rangelei entsteht, andere Jugendliche heben die Köpfe von den Handys und schauen interessiert zu. Wir sind heute an der Justus-von-Liebig-Schule in Mannheim. Lebendig und laut geht es im Eingangsbereich des Schulgebäudes der „Beruflichen Schule für Ernährung, Körperpflege, Textiltechnik und Raumgestaltung“ zu. Die Justus-von-Liebig-Schule sieht sich als Kompetenzzentrum für den Übergang in das Berufsleben, die Klassen der Abteilung  Berufsorientierung wenden sich an Jugendliche ohne Hauptschulabschluss oder Ausbildungsplatz.

Wir dürfen heute einen Vormittag lang eine Gruppe von Schülerinnen und Schülern beim Projekt Healing Classrooms begleiten. Finanziell ermöglicht wird das Projekt von der Klaus Tschira Stiftung Heidelberg. Die vom International Rescue Committee (IRC) angereiste Dozentin und Trainerin Karolina Prasad unterrichtet eigentlich andere Lehrkräfte, ausnahmsweise steht sie heute vor einer Klasse von 16- bis 24-Jährigen.

Als erstes werden die Regeln festgelegt. „Was darf man hier?“, fragt sie die Schülerinnen und Schüler „und was ist verboten?“ „Nicht essen und trinken“, überlegt ein Mädchen. „Trinken dürft ihr natürlich“, kommt die Antwort. „Auch Eyran?“ „Auch Eyran“. „Aber die Handys bleiben aus. Und die wichtigste Regel kommt jetzt: Wir dürfen alle nur deutsch reden. Könnt ihr euch denken, warum?“

Ratloses Schweigen …

„Was passiert denn, wenn ich chinesisch rede?“, fragt die IRC-Trainerin. „Niemand hier würde mich verstehen“, gibt sie selbst die Antwort. Aber in einem Team ist es wirklich sehr wichtig, dass man zusammenarbeitet und dafür muss man verstehen, was der andere sagt. Wir lassen also die anderen ausreden, hören zu … “

„Ja, und nicht immer reinquatschen, so wie Mohammed!“ unterbricht ein Mädchen und alle lachen. „Welche Regeln sollten wir noch befolgen?“, fragt Karolina Prasad weiter? „Nicht lügen“, überlegt ein Mädchen, „Geduld haben“, sagt ein Junge. „Das stimmt alles“, betätigt die Dozentin. „Und heute wollen wir etwas sehr Wichtiges lernen: Wir wollen heute üben, was wir machen können, wenn uns jemand stört.“ Erstauntes Schweigen bei den Jugendlichen. „Gibt es etwas, das euch stört?“, versucht sie das Gespräch zu beleben

„Die lacht immer so laut. Das nervt!“

„Die lacht immer so laut“, erinnern sich zwei Schwestern und zeigen auf ein Mädchen. Das reagiert empört. „Was ist denn dabei, wenn ich Spaß habe?“ Das Thema der Stunde ist heute, wie die oft traumatisierten, von Flucht und Migration gestressten Jugendlichen lernen können, angemessen mit Konflikten umzugehen. Das Thema ist nicht umsonst so gewählt. Jugendliche lernen gerade, die in diesem Alter sehr komplizierte Emotionen – darunter auch Aggression – zu kontrollieren, und dieses Thema explizit zu thematisieren hilft ihnen weiter..

„Was kann ich machen, wenn mich jemand so richtig nervt?“, fragt Karolina Prasad weiter. „Was könnte ich also tun, um nicht die Kontrolle zu verlieren? Welche Strategien gibt es zu handeln, ohne die Hände zu benutzen?“ Sie gibt ein Beispiel: „Ihr könntet zum Beispiel tief Luft holen. Euch auf den Atem konzentrieren. Oder bis zehn zählen. Weggehen.“ Die Mädchen kichern und essen Chips. „Helfen Chips auch?“, fragt die eine. Die sieben Mädchen und vier jungen Männer werden immer unruhiger.  Sie haben zwar in den letzten Monaten, seitdem sie in Deutschland sind, erstaunlich viel Deutsch gelernt, aber abstrakte Themen fallen ihnen immer noch schwer. Dabei ist das Format eines Workshops eher ungewöhnlich für die Klasse: im Kreis sitzen, sich gegenseitig anschauen zu müssen, ohne Tische vor sich stehen zu haben: das ist eine neue, vielleicht stressige Erfahrung, auch wenn sie locker scheint. Und über Gefühle zu reden ist in diesem Alter besonders unangenehm.

Zwei der Mädchen fallen die Augen zu. „Boah, ich schlafe fast ein“, beschwert sich eine Schülerin „Ich hab‘ kein Bock mehr, was ist denn das hier für ein Kindergarten?!“ Karolina Prasad bleibt ruhig. Sie weiß, wie schwer Konzentration und Stillsitzen fällt, wenn man noch vor einigen Monaten auf der Flucht war und sich nicht vorstellen kann, sich wieder irgendwo wirklich zuhause zu fühlen. Wie soll man sich in einer Welt zurechtfinden, die man nicht versteht und deren Regeln man nicht kennt. Man soll sich anpassen … aber woran?

Jede Schulstunde ist ein Kraftakt

„Fangen wir anders an“, beginnt Karolina Prasad von Neuem. „Was ist denn letzte Woche Schönes bei euch passiert?“ Die jungen Menschen schauen sich ratlos an. Ein Mädchen meldet sich. „Ich habe gestern mit dem Föhn geübt und dabei laute Musik gehört. Das war super.“ Kurz vor der großen Pause kommt noch ein Schüler ins Klassenzimmer geschlurft; er sei krank und käme vom Arzt, gibt er widerwillig auf Nachfrage an. „Stellen Sie sich bitte dazu“, bittet die Dozentin. Denn inzwischen haben die anderen einen Kreis um zwei Stellwände gebildet. Hier pinnen bereits zahlreiche Zettel. Auf der einen Seite „Dinge, die uns stören“. Auf der anderen Seite „Dinge, die wir mögen“. Auf der Mögen-Seite steht nicht viel. Aber auf jedem zweiten Zettel steht: „Meine Familie. Ich liebe meine Familie über alles und ich habe Angst, dass ihr etwas passiert“.

Jasmin, Melissa, Mohammed und die anderen machen an der Mannheimer Justus-von-Liebig-Schule eine Ausbildung zu Frisören. Auf der Fensterbank stehen ordentlich aufgereiht die Übungs-Köpfe mit Dauerwelle, Kurz- und Langhaarfrisur. „Sobald sie etwas tun können, ihre Hände beschäftigen, werden sie ruhiger, erklärt die Klassenlehrerin. „Stillsitzen, zuhören, sich konzentrieren, das fällt Jugendlichen mit Fluchterfahrung oder traumatischen Kriegserlebnissen schwer. Dazu kommen noch die geringen Deutschkenntnisse … man kann sich vorstellen, was eine Stunde Schule für ein Kraftakt ist“.

Hier setzt das Projekt Healing Classrooms ein. In einer beschützen und ruhigen Atmosphäre sollen den Jugendlichen Selbstwirksamkeit und Selbstachtung vermittelt werden. Ein Zugehörigkeitsgefühl. Das Gefühl, hier sind Menschen, die meinen es mit mir gut, auf die kann ich mich verlassen. Und: es gibt Regeln, an die halte ich mich, weil sie Sinn machen.  Am Ende der Stunde sind alle erschöpft – und alle freuen sich auf die Pause. Wie in jeder Schule, überall auf der Welt.
bw // Fotos: sho, Justus-von-Liebig-Schule

12. Juni 2020

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