Wie soll ich das meinen Kindern erklären?

Entsetzen, Fassungslosigkeit, Wut, Trauer  – es gibt nicht ausreichend Worte für die fürchterliche Familientragödie, die sich am 31. August in Mörlenbach ereignet hat. Nach und nach kommen immer mehr grauenhafte Details ans Licht. Dennoch liegt auch viel im Dunkeln. Sicher ist indes, dass die zwei Kinder, Anton (13) und Emilia (10), die am frühen Freitagmorgen tot von der Feuerwehr gefunden wurden, die zu einem Brand in das Einfamilienhaus nach Bettenbach ausrücken mussten, nicht im Feuer starben. Sie starben einen gewaltsamen Tod. Die Eltern stehen unter dem dringenden Verdacht, ihre beiden gemeinsamen Kinder ermordet zu haben.
Was ohnehin schon nicht fassbar ist, ist für all jene, die die Kinder kannten, schier unerträglich. Viele kannten sie. Nicht nur in Mörlenbach, auch in Weinheim. Denn beide gingen im Werner-Heisenberg-Gymnasium zur Schule. Am Montag beginnt dort wieder der Unterricht. Zwei Plätze werden leer bleiben. Anton und Emilia fehlen. Als Mutter oder Vater muss man sich unweigerlich die Frage stellen: Wie soll ich das nur meinen Kindern erklären? Das geht doch gar nicht. Wie soll man erklären, dass der Klassenkamerad in den Ferien ermordet wurde, mutmaßlich von seinem eigenen Vater? Auch für die Schule ist das nicht einfach.

Viele Eltern wollen  wissen, wie die Schule mit der Trauer der Kinder umgeht, welche Maßnahmen ergriffen werden. Verständlich. Unsere Kollegin Verena Müller hat mit dem  Weinheimer Kinder- und Jugendpsychiaters, Hendrik Morgenstern, gespochen und ihn gefragt, wie mit der Situation umzugehen sei. Interessanterweise spielt für ihn die Schule jedoch nur eine untergeordnete Rolle. Er warnt sogar vor einem „Hype“, denn in erster Linie seien bei diesem Thema die Eltern gefordert.

„Die Schule kann ein Ereignis schaffen, zum Beispiel eine zentrale Trauerfeier, aber dann ist es auch gut. Wie einzelne Kinder die Trauer um ihre Mitschüler bewältigen, das ist dann Sache der Eltern – davor können sie sich nicht drücken“, sagt er. Kinder könnten ihre Gefühle nur schwer benennen. Mit Erklärungen, beispielsweise, warum die schreckliche Tat geschah, sei nichts zu machen. „Es geht um Mitgefühl. Man muss als Eltern nicht agieren, sondern ihnen beistehen. Es geht darum, für seine Kinder da zu sein und ihre Gefühle mit ihnen auszuhalten“, sagt Morgenstern, der seit 36 Jahren mit Kindern zusammenarbeitet – zunächst als Kinderarzt, dann als Psychotherapeut und nun als Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie/-psychotherapie.

Wut, Trauer, Angst – diese Gefühle seien völlig normal und wichtig. „Wer bemerkt, dass sein Kind traurig ist, der sollte es auch fragen: Kann es sein, dass Du traurig bist? – und dann auch Mitgefühl zeigen. Entscheidend sei ein sicherer Rahmen, Eltern, die mit diesem Thema nicht hilflos umgehen. Ebenso wichtig: den Alltag stattfinden lassen. „Gerade das ist wichtig bei Traumata. Es ist Schule, also muss das Kind hingehen. Die Aufgabe der Eltern ist es, dafür zu sorgen, dass alles so läuft wie jeden Tag“, sagt Morgenstern.

Was aber, wenn die Kinder doch fragen? Wenn sie in Gesprächen unter Erwachsenen aufschnappen oder im Internet oder der Zeitung lesen, was genau in Mörlenbach passiert ist? Nicht schlimm, sagt Morgenstern. „Kinder leben nicht in einem Glashaus. Auf dem langen Weg bis zur Selbstständigkeit als Erwachsener sammeln sie viele Erfahrungen. Wenn sie dabei ein Umfeld haben, das ihnen Sicherheit gibt, dann ist das kein Problem.“ Wer trotzdem bei seinem Kind Wesensveränderungen bemerkt, der sollte sich professionelle Hilfe holen, so der Experte.

Das ist geschehen:

Bei einem Familiendrama im Mörlenbacher Ortsteil Bettenbach sind am Freitag, 31. August,  zwei Kinder – ein 10-jähriges Mädchen und ein 13-jähriger Junge – ums Leben gekommen. Wie die Polizei mitteilte, brach in dem Haus im Ilsenklinger Weg gegen 7.20 Uhr ein Brand aus. Die Feuerwehr entdeckte im Zuge der Löscharbeiten in einem Zimmer im ersten Obergeschoss die toten Kinder. Die Eltern wurden von den Feuerwehrleuten lebend aus einem laufenden Auto in der zum Haus gehörenden, geschlossenen Garage gerettet. Mutmaßlich wollten sie sich dort das Leben nehmen.

Die Staatsanwaltschaft Darmstadt hat am Dienstagmorgen mitgeteilt, dass die beiden Kinder einen gewaltsamen Tod gestorben sind. Das hat der Obduktionsbericht ergeben. Die Staatsanwaltschaft spricht von „stumpfer und scharfer Gewalt“. Die polizeilichen Ermittlungen dauern weiter an. Die Eltern stehen in dringendem Verdacht, die Kinder ermordet zu haben. Gegenüber dem Haftrichter haben die beiden Beschuldigten keine Angaben gemacht. Seit Tagen kursieren in Mörlenbach und der Region Gerüchte, wonach den Kindern die „Kehlen aufgeschnitten“ worden sein sollen. „Kein Kommentar“, heißt es von Seiten der Staatsanwaltschaft. Ob die Kinder vor ihrem gewaltsamen Tod betäubt wurden, sei noch nicht klar.

Das Motiv der Tat wurde bereits früh in den „finanziellen Problemen“ der Eltern vermutet. Und tatsächlich zeichnet sich immer deutlicher das Bild eines Paares ab, das sich finanziell komplett übernommen hat. Teure Autos, ein Motorboot, Parties – die beiden Ärzte liebten offenbar das Luxusleben. Mit weitreichenden Folgen: Bereits 2015 musste der Kieferchirurg Insolvenz anmelden. Seine Praxis in der Weinheimer Dürrestraße wurde im März 2016 geschlossen.Auch die Mutter war schon ins Visier der Justiz geraten. Der gelernten Zahnärztin wird gewerbsmäßiger Betrug und Urkundenfälschung in neun Fällen sowie versuchter Betrug in Tateinheit mit Urkundenfälschung vorgeworfen. Bei einer Verurteilung würde der gebürtigen Dresdnerin eine Mindestfreiheitsstrafe von jeweils nicht unter sechs Monaten drohen. Ob es wegen der aktuellen Mordanklage überhaupt zum Prozess in Bensheim kommt, ist derzeit völlig unklar.

Das Haus der Familie in Bettenbach musste am Ende zwangsversteigert werden. Am Tag der geplanten Übergabe der Immobilie an die neuen Eigentümer geschah dann das Familiendrama.

 

6. September 2018

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