Geschwister

geschwisterWarum Geschwister unser Leben für immer prägen und warum Streit unter Geschwistern zwar anstrengend, aber wichtig ist.

„Wie lange bleibt sie?“, fragte der dreijährige Sohn, als wir ihm im Krankenhaus seine neugeborene, noch namenloseund winzige Schwester vorstellten. Die Antwort wartete er nicht ab, zu spannend war es, die langen Krankenhausflure rauf und runter zu rennen.„Eigentlich wollte ich einen Hund“, kommentierte er später etwas genervt die drängenden Fragen der Verwandten, ob er nicht überglücklich über seine süße Babyschwester sei.

„Welchen Star magst du am liebsten?“ Fünf Jahre später grübelt seine Schwester über einem ‚Freundebuch‘. „Meinen Bruder“, diktiert sie dann. Aber wenig später fordert sie: „Ich möchte noch einen Bruder. Aber diesmal eine Schwester.“

Jeder, der Geschwister hat, erinnert sich an diese merkwürdige Mischung aus Liebe und Ablehnung, aus Nähe und Distanz. Die Beziehung zu ihnen prägt uns ein Leben lang – auch wenn wir im Erwachsenenalter wenig oder keinen Kontakt haben. „Wenn du nicht da bist, verschwindet die Farbe aus meinem Leben“, schrieb
die Schriftstellerin Virginia Woolf an ihre Schwester. „Wenn du nicht da bist, kann ich endlich mal in Ruhe spielen“, brüllte mein Sohn seiner Schwester hinterher. Einmal mehr war sie unerlaubt in sein Zimmer geplatzt, hatte Spielzeug geliehen und nicht zurückgebracht, hatte ihn und seine Kumpels gestört. Umgehend erfolgt die Rache. Zum ersten Mal überhaupt hatte seine Schwester eine Freundin über Nacht zu Besuch. „Kennt ihr Chucky, die Mörderpuppe?“, raunte er ihnen geheimnisvoll im dunklen Zimmer zu. „Was? Wie? Wer ist das?“ kreischen die Mädchen und beäugen ängstlich ihre Puppen.

Mühsam versuche ich Tage später einen Streit zu durchschauen. Kann es wirklich sein, dass es bei diesem Kampf um die Frage geht, wer am Morgen den Vorhang
öffnen durfte? Dieses eine Beispiel ist ohne Weiteres austauschbar gegen:

• Du hast durch mein Fenster geguckt (im Auto)
• Du hast eine Nudel mehr (beim Mittagessen)
• Du hat gestern ein Geschenk von der Mama bekommen (ich hatte beim Spaziergang etwas vom Weg aufgehoben, um es in den Abfalleimer zu werfen; dieses was
auch immer wurde mir jedoch blitzschnell vom einen Kind aus der Hand gerissen)

Aber: Verbaler und körperlicher Streit im Kinderzimmer ist normal, sogar wünschenswert, betont die aktuelle Geschwisterforschung. Sie sollte natürlich nicht ausarten, niemand sollte ernsthaft verletzt werden. Aber eine gesunde Rivalität wirkt wie ein Motor für die Entwicklung. Es ist ein Ansporn, eine eigene Identität zu entwickeln. Sich abzugrenzen, in etwas besser zu sein, als der Bruder, die Schwester. Amerikanischen Studien zufolge streiten sich Drei-bis-Siebenjährige 3,5-mal pro Stunde. Die Forscher haben herausgefunden: Kleiner Altersabstand und gleiches Geschlecht produzieren zwischen gesunden Geschwistern größtmögliche Nähe, Liebe und Zuneigung, aber auch Aggressivität, Ablehnung und Rivalität bis hin zum Neid.

Bei den Neidgedanken gehe es im Kern immer um die Liebe der Eltern“,  erklärt Christine Kaniak-Urban, Psychotherapeutin und Autorin in ihrem Buch ‚Wenn Geschwister streiten‘: „Jedes Kind ist von den Eltern existentiell abhängig, deshalb kämpfen die Geschwister fortlaufend um den besten Platz in Mamas und Papas Herzen.“ Geschwister entwickeln sich oft so unterschiedlich, weil sie um die Zuneigung der Eltern rivalisieren müssen und sich ihre Rollen in Abgrenzung suchen müssen. Ist der Bruder lustig und wild, wird die Schwester vielleicht ruhiger und übernimmt gern Verantwortung. Zu Rivalitäten kommt es übrigens schon im Mutterleib.

Und wie wirkt sich das auf Patchworkfamilien aus? Erst einmal wird es anstrengend: Wenn Kinder urplötzlich für Wildfremde, altersgleiche Rivalen geschwisterliche Gefühle entwickeln sollen, wird es plötzlich für alle ungemütlich. Zwischen drei und fünf Jahren brauchen Patchwork-Geschwister angeblich, um sich wirklich anzunehmen. 850 000 Jungen und Mädchen leben laut einer Studie des Bundesfamilienministeriums in Stieffamilien mit „sozialen Geschwistern“ – Tendenz steigend.  Im Unterschied zu anderen Ländern, speziell den USA, hat sich die Forschung in Deutschland dem Thema Geschwister
nur zögerlich angenommen. Empirisch erforscht werden eher Einzelaspekte, die Bedeutung des Erstgeborenen beispielsweise, der Platz in der Geburtenfolge oder das „Entthronungstrauma“, wenn ein zweites Kind geboren wird. Auch aus den USA stammt die Idee der „Geschwisterkurse“. Bevor das neue Baby geboren wird, bieten inzwischen auch zahlreiche Hebammen und Krankenhäuser in Deutschland Geschwisterkurse an. Hier werden die Fragen der drei bis vierjährigen Kinder kindgerecht beantwortet, Eltern lernen, wie wichtig es ist, dass sich der große Bruder/die Schwester an der Verantwortung für das neue Familienmitglied beteiligen darf. Laut Statistischem Bundesamt hat ein Viertel der Kinder in Deutschland weder Bruder noch Schwester. In Großstädten ist die Zahl noch höher: Jedes dritte Kind in Berlin wächst als Einzelkind auf. Geschwister werden also selten. Ein Grund mehr, sich über einen Bruder oder eine Schwester zu freuen. Denn die heftige Rivalität und der Konkurrenzkampf der frühen Jahre lässt nach, wenn mit Beginn der Pubertät die Peergroup wichtiger wird. Interessant ist auch der Fakt, dass nur in einem Fünftel der menschlichen Kulturen Begriffe wie „Bruder“ und „Schwester“ existieren – und in vielen Kulturen werden sie zudem für nicht biologisch verwandte Personen verwendet, sondern für Freunde, Nachbarn, Gleichgesinnte.

Die Verbindung zwischen Geschwistern ist unauflöslich. Sie können sich nicht scheiden lassen, sich nicht trennen. Und selbst wenn der Kontakt über längere Zeit abbricht, sind Geschwisterbeziehungen die längsten zwischenmenschlichen Beziehungen überhaupt.

bw// Foto: fotolia

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