Armut macht dick

15 Prozent der Kinder in Deutschland sind übergewichtig. Das geht aus der jüngsten Studie des Robert Koch-Instituts zur Gesundheit von Jugendlichen und Kindern hervor*. Anderes gesagt: mehr als jedes siebte Kind in Deutschland hat Übergewicht. Mädchen sind häufiger dick als Jungen. Fast sechs Prozent der Kinder sind sogar fettleibig. Als positiv werten die Forscher, dass der Hang zum Übergewicht – wenn auch auf hohem Niveau – gestoppt wurde, alarmierend dagegen: Adipositas bei Kindern steigt massiv an.

Ein Bio-Apfel ist teurer als eine Tafel Schokolade

Im weltweiten Vergleich liegt Deutschland im Mittelfeld. Je weiter man in Europa nach Süden** schaut, umso höher ist der Prozentsatz der übergewichtigen Kinder, während in den skandinavischen Länder deutlich weniger dicke und fast keine adipösen Kinder leben. Arme Kinder sind häufiger dick In Deutschland gelten etwa 14 Prozent der Kinder in der höchsten Einkommens-und Bildungsschicht als übergewichtig, der Anteil der dicken Kinder in den weniger wohlhabenden Schichten beträgt ungefähr 25 Prozent. Neben der Familie und dem sozialen Umfeld spielt auch der Medienkonsum eine Rolle für das Wohlergehen der Kinder. Um körperlich und seelisch stabil und gesund aufzuwachsen, empfiehlt die WHO Kindern generell eine Stunde Sport am Tag***. Vor 40 Jahren war eines von hundert Kindern weltweit fettleibig, heute sind sechs von hundert Mädchen und acht von hundert Jungen deutlich übergewichtig. Es sei die „Generation Pommes“, die hier heranwachse, titelte vor einiger Zeit das Magazin STERN. Soweit die Fakten. Mal davon abgesehen, dass Menschen nun mal glücklicherweise unterschiedlich zur Welt kommen und ihre jeweiligen Anlagen mitbringen (70 Prozent Gene) und wir weit davon entfernt sind eine Norm bei Kindern und Jugendlichen zu propagieren („Bodyshaming“), so tragen stark übergewichtige Kinder jedoch nicht nur überflüssige Pfunde, sondern auch massive gesundheitliche Probleme in und mit sich herum. Neben der sozialen Ausgrenzung, die bereits im Kindergarten beginnen kann (bereits bei den 3- bis 6-jährigen Kindern sind sechs Prozent übergewichtig und drei Prozent adipös), sind die gesundheitlichen Folgen massiv: Diabetes, Herz -Kreislauf-Erkrankungen, schlechte Blutdruckwerte, Fettstoffwechselstörungen, Herzinfarkt, Schlaganfall, Krebs – abgesehen von Einschränkungen und Benachteiligungen in Schule, Studium und Job. Je länger die Menschen ein zu hohes Gewicht haben, desto mehr Gesundheitsprobleme entstehen.

Wächst  hier eine „Generation Pommes“ heran?

Und die Ursachen? Neben den Veränderungen  im Lebensstil (viele Kinder gehen nachmittags nicht mehr auf den Bolzplatz und immer weniger Kinder fahren selbstständig zur Schule …), gilt auch die gezielte Werbung für ungesunde Snacks, die sich geschickt an Kinder und Jugendliche wendet**** zu den Ursachen.

Nicht zu vergessen zwei Faktoren: Die Vorbildfunktion der Eltern auf das Gewicht ihrer Kinder ist enorm. Und: Ein Bio-Apfel ist teurer als eine Tafel Schokolade. Es ist nicht einfach, für Geringverdiener und Familien unterhalb der Armutsgrenze, ihre Kinder gesund und ausgewogen zu ernähren. Nahrungsmittel ohne Zucker gibt es nur noch im Bioladen. Der größte Dickmacher Zucker versteckt sich in vielen vermeintlich gesunden Produkten: in Brot und Brezeln, in Nudeln, Joghurt, Müsli und in Gemüse aus dem Glas um nur einige zu nennen – ganz zu schweigen von den vielen zuckerhaltigen Fertigprodukten, die nicht nur permanent verfügbar sind, sondern viel energiereicher sind, als früher. Sinnvoll und nachhaltig wäre demnach eine Steuerfreiheit auf Obst und Gemüse. Experten fordern schon länger ein Mehrwertsteuersystem „Ampel Plus“. Obst und Gemüse würden demnach nicht besteuert. Je ungesünder ein Produkt, je mehr Zucker es enthält, umso stärker wird es besteuert. Bei Chips und Süßigkeiten zeigt die Ampel auf Rot und es werden 19 Prozent fällig. Es kann also bei adipösen Kindern nicht von einer „Schuld“ der Eltern gesprochen werden. Selbst wenn diese stark übergewichtig sind. Adipositas ist eine chronische Krankheit, die durch die europäischen Lebensbedingungen der letzten Jahrzehnte hervorgebracht und begünstigt wurde. Es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, diese Bedingungen umzukehren. Dazu gehört ein Umdenken in der Politik, an den Schulen und in den Elternhäusern. Gesundes Essen in Kita und Mensa sollte Pflicht werden, ebenso Aufklärung über die Folgen unausgewogener Ernährung und spannende, gepflegte Spielplätze, die Lust machen, sich zu bewegen, auch ohne, dass das Elterntaxi den Nachwuchs täglich zum Ballett oder Tennis chauffieren muss.  bw // Fotos: fotolia, istock

Quellenangaben:
* Studie Robert Koch-Institut 2016,
thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(17)32129-3
** Während im sozial benachteiligten Süditalien etwa 40 Prozent der Kinder unter zehn Jahren übergewichtig oder fettleibig sind, sind es in Belgien unter zehn Prozent.
***Sitzen Kinder am Tag mehr als drei Stunden vor einem Bildschirm, steigt ihr Risiko dick zu werden um 80 Prozent.
****90 Prozent aller Lebensmittel, die in Deutschland gezielt an Kinder vermarktet werden, entsprechen nicht den Anforderungen der WHO an ausgewogene Kinderprodukte. Quelle: „Foodwatch“-Kampagnenleiter Oliver Huizinga.

 

1. Oktober 2019

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