„Babyschlaf braucht Begleitung“

Satt ist das Baby. Gesund auch. Es war an der frischen Luft und hatte viel Körperkontakt. Trotzdem schreit es seit Stunden. Warum? Und was jetzt? Das Baby will niemand schreien lassen, aber irgendwann muss man ja auch schlafen …

Schlafen, essen, spielen, wachsen. Das sollen Babys in den ersten Wochen bitteschön machen. Und zwar dann, wenn es passt. Sprich: Schlafen bitte nachts. Und wenn möglich, mehr als drei Stunden am Stück. Viele Babys finden das aber schwierig. Und wenn dann noch Zähne kommen, der Bauch weh tut oder die Familie einfach in den Urlaub fährt, wo man sich doch gerade an das kuschelige Bett zuhause gewöhnt hatte dann ist alles aus. „Ihr habt es von Anfang an verwöhnt!“, meint die Schwiegermutter. „Geht doch zur Schreiambulanz“, raten Freunde. Auch der Kinderarzt ist ratlos. Nachdem Eltern viele verschiedene Stationen durchprobiert haben, landen sie manchmal dank eigener Recherche bei einem Schlafcoach. Wir haben uns mit Bianca Niermann unterhalten. Sie bietet seit vielen Jahren Schlafcoaching für Säuglinge und Kleinkinder an. Zu ihr kommen in erster Linie Eltern mit sogenannten Schreikindern, aber auch für weniger geplagte Familien hat sie gute Tipps rund ums Ein- und Durchschlafen.

Liebe Frau Niermann, wie sind Sie denn auf die Idee gekommen, Schlafcoach zu werden? Wir wussten bis vor kurzem noch nicht mal, dass es diesen Beruf überhaupt gibt.

Ein anerkannter, eingetragener Beruf ist es tatsächlich nicht. Für mich ist es mehr als ein Beruf, eher eine Berufung. Ich habe aber eigentlich auf Lehramt studiert, war dann viele Jahre am Frankfurter Flughafen im Bereich Personalentwicklung und Flughafenorganisation tätig. Ich habe für Führungskräfte die Mitarbeiterkommunikation entwickelt und kam so zu den Themen Coaching und Veränderungsmanagement.

Und dann?

Dann kam meine erste Tochter.

Das war wohl eine große Umstellung …

Ich bin ein sehr organisierter, gut strukturierter Mensch. Das musste ich bei meinem Job als Führungskraft auch sein. Als meine Tochter geboren wurde, hat sie sehr viel geschrien. Und nicht so geschlafen, wie ich mir das vorgestellt hatte und wie ich dachte, das müsse bei Babys auch so sein. Ich war erst einmal sehr überrascht, ich war immer der Meinung, Babys schlafen total viel. Man sagt doch auch „Schlafen wie ein Baby“. Ich habe dann erst einmal eine Ausgangsanalyse und eine Defizitanalyse gemacht und nach geeigneten Maßnahmen gesucht. Da gab es aber nichts. Als selbständiger Mensch habe ich mich plötzlich auch so fremdbestimmt gefühlt. Und ich habe mein Baby einfach nicht verstanden.

Und das hat Sie gestresst?

Ich war damals megagestresst. Ich war gewohnt, die Dinge zu planen. Ich hatte mir also vorgestellt: ich spiele jetzt ein bisschen und dann geht das Baby ins Bett. Das hat natürlich nicht geklappt. Mein Stress hat sich auf meine Tochter übertragen, eine fatale Spirale, unsere Beziehung hat sehr gelitten. Also habe ich angefangen nach Informationen zu suchen. Die einzige Literatur, die es damals gab, hieß: ‚Jedes Kind kann schlafen lernen‘*, das habe ich dann auch gelesen.

Und hat es funktioniert?

Ich habe es nicht ausprobiert. Es hat sich so falsch angefühlt. Ich dachte: so bin ich doch tagsüber auch nicht zu meinem Kind, warum soll ich also nachts so zu ihm sein? Das kann nicht gut für die Beziehung zu meinem Baby sein! Ich habe dann angefangen rund um das Thema Babyschlaf zu recherchieren. Ich kam sehr schnell weg vom Thema Schlafen, hin zur Entwicklungspsychologie. Und ich habe schnell gemerkt,
wie spannend es ist, das Baby dabei zu unterstützen, mit der Müdigkeit zurechtzukommen. Denn das müssen Babys tatsächlich lernen.

Also können Babys tatsächlich lernen, wie man schläft?

Durch besagtes Buch hat der Begriff Lernen in diesem Zusammenhang einen sehr schlechten Ruf. Aber: Babys lernen ja auch laufen und essen und sie müssen auch lernen, den Schlaf zuzulassen. Die Müdigkeit, die Babys überkommt, macht ihnen am Anfang große Angst. Sie spüren: jetzt bin ich allein. Und die Natur hat genetisch vorgesorgt, dass Babys nicht allein sein wollen, um sie vor Gefahren zu schützen.

Nicht einschlafen wollen ist demnach eine Angst vor Trennung?

Es ist eine ganz natürliche Trennungsangst, die Bindung und das Sicherheitsgefühl baut sich erst nach und nach auf. Kinder verstehen erst später, dass die Bindung zu Mama und Papa sich nicht auflöst, nur weil diese das Zimmer verlassen. Das ist ein ganz natürlicher Prozess.

Wie können Eltern ihre Kinder dabei unterstützen?

Heute denken Eltern oft: Schlafen lernen heißt, ich lege das Baby in sein Bett, in ein eigenes Zimmer, und da schläft es dann. Das ist aber ein Denkfehler. Kinder müssen natürlich von selbst einschlafen, aber dabei muss man sie unterstützen. Man kann sich dazulegen, Nähe und Geborgenheit geben, aber nichts am Kind tun. Keine externen Impulse setzen, keine Bewegungsreize und keine Interaktion.

Aber viele Babys schlafen im Tragetuch ja besonders gut ein …

Das ist eine andere Art von Bewegung. Diese Nähe zu einer vertrauten Person, die Bewegung, die Geräusche, das alles kennt das Baby aus der Zeit im Bauch. Für die erste Zeit ist das Tragetuch ideal. Mit externen Impulsen habe ich eher auf die elektronischen Wippen angespielt, die jetzt so beliebt sind. So lernen Babys keinesfalls, aus eigener Kraft einzuschlafen. Und diese Wippen sind auch der Grund dafür, dass immer mehr Eltern mit größeren Kindern zu mir kommen. Kinder, die nie gelernt haben, von selbst in die Entspannung zu finden. Und ohne Entspannung kommt kein entspannter Schlaf.

Was ist die Voraussetzung für einen guten Babyschlaf?

Ganz wichtig ist: das Kind braucht einen Tages-Rhythmus und eine verlässliche Regelmäßigkeit. Genauso wichtig ist die Qualität der Wachphase, also wie man die Zeit mit dem Baby verbringt, und der Zustand der Eltern. Ich habe damals gemerkt: Wenn ich nicht für mich sorge, kann ich nicht für das Kind sorgen.

Wie alt sind die Kinder im Schnitt, deren Eltern Sie engagieren?

Im Schnitt sechs Monate. Die Eltern sind dann meistens schon sehr verzweifelt und oft sehr erschöpft. Sie waren schon beim Kinderarzt, beim Heilpraktiker und in der Schreiambulanz. Trotzdem wachen ihre Kinder bis zu 20 Mal in der Nacht auf und finden nicht zurück in den Schlaf. Das ist eine übergroße Belastung, und viele Eltern machen das monatelang mit.

Wie ist der Ablauf eines Schlafcoaching?

Einem ersten Telefonat folgt ein Diagnosegespräch, anschließend führen die Eltern für sieben Tage ein Tagesprotokoll. Jetzt erst beginnt das eigentliche Coaching – entweder fahre ich zu den Familien nach Hause oder wir arbeiten per Skype/Zoom.

Und wie lange dauert es, bis erste Erfolge eintreten?

In den meisten Fällen sind die Eltern schon nach dem ersten Gespräch erleichtert und entspannt, dass sich das unmittelbar auf das Baby überträgt. Aber ein vollständiges Coaching dauert sechs bis acht Wochen.

Sie scheinen sehr beschäftigt zu sein, es gibt wohl großen Bedarf?

Sehr großen. Und es wird immer mehr. Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass Eltern heute schnell wieder in den Beruf zurückmüssen und wollen. Und wissen, dass sie spätestens dann wieder einige Stunden am Stück schlafen müssen. Das setzt alle Beteiligten zusätzlich unter Druck.

Jedes Baby ist anders, aber können Sie ganz allgemein prognostizieren: ab wann kann ein Baby durchschlafen?

Am Ende des ersten Lebensjahres können die meisten gesunden Babys sechs Stunden am Stück durchschlafen.

Und am Schluss kommen wir noch mal zum Anfang zurück: Sie sind Schlafcoach und leben davon. Es ist also doch ein Beruf …

Ich habe für diese Arbeit viele verschiedene Ausbildungen gemacht, rund um die Themenbereiche Babys und Kleinkinder, zum Beispiel zur Stillberaterin, und habe mich immer intensiver mit dem Thema beschäftigt. Als meine Tochter dann in die Krippe kam, hat das zuerst nicht so geklappt mit der Eingewöhnung, ich saß also viele Stunden vor der Krippe auf der Treppe und habe gewartet. Und dabei habe ich ein Schlafbuch gelesen. Neben mir saß täglich eine andere Mutter, die irgendwann gefragt hat: was liest du denn da die ganze Zeit? So fing eigentlich alles an. Denn diese andere Mutter war sehr müde, sie hatte nämlich ein Schreibaby. Meine Tipps haben ihr so schnell und nachhaltig geholfen, dass sie vielen anderen Müttern davon erzählt hat …

Interview: bw // Fotos: AdobeStock, privat

* Umstrittener Ratgeber für ein Schlaflernprogramm von Annette Kast-Zahn und Hartmut Morgenroth aus dem Jahr 2006.

Mehr zu Bianca Niermann: Bianca Niermann, Schlafcoach für Säuglinge und Kleinkinder, Albert-Einstein-Ring 14, 64342 Seeheim-Jugenheim, bianca-niermann.de

1. Dezember 2020

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