Ein Bilderbuchleben

Mehrdad Zaeri-Esfahani ist Bilderbuchillustrator, Zeichner, Maler, Cover-, Postkarten- und Kalendergestalter. Und ein Poet, der beim Sprechen Bilder malt, die nur der Zuhörer sehen kann. Wir haben uns mit ihm in seinem Mannheimer Atelier getroffen und über Familie, Flucht und die Sehnsucht nach seiner Heimatstadt Isfahan gesprochen.

Sehr geehrter Herr Zaeri, bei der Vorbereitung auf unser Gespräch habe ich ein Zitat von Ihnen gefunden. Es lautet: „In der „Fremde hat man keine schützende Haut. Jeder noch so kleine Angriff verwundet und jede liebevolle Geste tröstet umso mehr.“ Was bedeutet das?

Mehrdad Zaeri-Esfahani: Eine Familie funktioniert wie eine schützende Haut für Kinder. Wenn man in ein fremdes Land flüchtet, dann kommen die Koordinaten der Familie durcheinander. Alle Maßstäbe, alle Standards, die man sich aufgestellt hat, kommen durcheinander. Das Oben ist auf einmal unten, das Unten ist oben. Es ist ein Gefühl, als säße man in einer zylinderförmigen Tonne und diese Tonne rollt einen Hügel hinunter. Man weiß also nicht mehr, wo man sich festhalten soll, und es gibt absolut keine Möglichkeit mehr, sich aufzustellen. Das passiert mit einem Menschen nach der Flucht, aber auch in der Struktur der Familie: sämtliche Verhältnisse, Regeln, Werte kommen durcheinander.

Das heißt, die schützende Haut geht kaputt? Mehr noch. Die Kinder,  die eigentlich im Innern der Familie beschützt werden, sind plötzlich das Äußere. Nach unserer Flucht hatte sich alles umgedreht. Unsere Eltern, die im Iran immer ganz genau wussten, was sich gehört und wie die Dinge zu laufen hatten, wussten plötzlich nichts mehr. Wir mussten unseren Eltern helfen, sich zurechtzufinden. Die Kinder fühlten sich plötzlich verantwortlich für das Wohlbefinden der Familie. Die Eltern gaben die Rolle des Erziehers ab, wir waren vollkommen auf uns gestellt. Wir wurden plötzlich ‚erwachsene Kinder‘, die ihren Weg selbst finden mussten, was gut und was schlecht ist – unsere Eltern konnten uns bei nichts mehr helfen. Die schützende Haut, das waren plötzlich wir. Und deshalb war jedes tröstende Wort, jede Geste von anderen so unglaublich tröstlich.

Das hört sich ja fast so an, als wären Sie nicht nur in ein anderes Land gekommen, sondern auf einem anderen Planeten gelandet. Wie war das, als Sie in Heidelberg in die Schule kamen?

Am Anfang war es sehr schwer. Wir konnten ja überhaupt kein Deutsch, wir haben einfach nichts verstanden. Ich hatte also das Gefühl, alles, was ich mache, ist falsch. Mein Alltag war geprägt von Fehlern und Fehleinschätzungen.

Waren sie in dieser Zeit manchmal verzweifelt?

Verzweifelt nicht. Eher in einer Art Vakuum. Man versucht den Kopf rauszuhalten – und zu atmen – aber es gelingt nicht.

Was hat Ihnen in dieser Zeit geholfen?

Ich nenne es die Brötchenphase. In den ersten zwei Jahren trafen wir vier Geschwister uns jeden Tag in der großen Pause in einer Ecke be  den Tischtennisplatten. Alle anderen Kinder gingen in die Mensa, um dort zu essen und ihr Ding zu machen. An den Tischtennisplatten wartete schon unser Vater mit den von unserer Mutter belegten Brötchen. Diese „Brötchenmomente“ bedeuteten für uns einen großen Trost. Sie hatten etwas unglaublich Warmes. Sie gaben uns das Gefühl: es ist alles in Ordnung.

Wie lange ging denn diese schwierige Phase?

Sicher zehn Jahre lang. Bis ich mit der Schule fertig war und mit dem Zeichnen begann.

Ihren Eltern zuliebe haben Sie Abitur gemacht, kam ein Studium nie in Frage?

Ich wäre gern bereits in der 11. Klasse von der Schule gegangen und hätte eine Kunstakademie besucht. Es war für meine Eltern aber unglaublich wichtig, dass ich die Schule beende. Natürlich habe ich ihnen diesen Gefallen getan. Sie haben ja ihr ganzes Leben für uns aufgegeben. Aber danach war Schluss mit den Gefallen. Ich wusste: ich will zeichnen. Jeden Tag, bis ich sterbe.

War das nicht sehr schwer zu ertragen für Ihre Eltern?

Sehr schwer. Sie dachten, ich werfe mein Leben weg und alles, die Flucht, die Angst, der Neuanfang, wäre umsonst gewesen.

Und wie ist es heute?

Meine Eltern könnten nicht stolzer sein. Mein Vater ist mein größter Fan. Treffen wir jemanden auf der Straße, dann sagt er stolz: „Das ist mein Sohn, der Künstler.“

Plötzlich war alles, was ich liebte, verboten.

Ihre Schwester, die bekannte Autorin Mehrnoush Zaeri-Esfahani hat in ihrem autobiographischen Buch „33 Bogen und ein Teehaus“ die ersten Jahre im Iran als geradezu „magisch“ beschrieben. „Ich verbrachte die ersten Jahre in unserem Garten“, schreibt sie. Diese Magie, können Sie sich auch daran erinnern?

Meine Schwester ist ein paar Jahre jünger als ich. Für sie waren die Jahre im Iran wirklich ungetrübt. Bis zur Revolution hatten wir tatsächlich eine magische Kindheit. Allein die drei Monate Sommerferien, das ist ein ganz besonderes Gefühl. Mit dem Beginn der Revolution bekam diese Welt Risse. Ich sah plötzlich die Welt der Erwachsenen, die dunkle Seite. Wir bekamen mit, wie Bomben fielen, es wurde auf Menschen geschossen, Menschen verschwanden einfach. Mit diesem Datum änderte sich alles. Plötzlich war auch alles, was ich
liebte, verboten. Religiöse Dinge, mit denen ich vorher nichts zu tun gehabt hatte, sollten das ersetzen, was unser Leben ausgemacht hatte. Ich weiß noch, wie ich vor dem Fernseher saß und auf meine Lieblingssendungen wartete: Superman, Batman, Spiderman. Ich liebte diese Superhelden. Plötzlich erschien die Ansagerin auf dem Bildschirm, die ich auch liebte, weil sie immer meine Superhelden ankündigte, aber diesmal sagte sie: „Liebe Kinder, ich muss euch etwas sagen. Wir haben uns vom Westen befreit und werden deshalb keine westlichen Filme mehr zeigen.“ Mir war bis dahin gar nicht bewusst gewesen, dass meine Lieblingsserien etwas „Westliches“ waren, sie waren wie ein Teil von mir und plötzlich wurden sie verboten und verdammt. Da habe ich mein Land zum ersten Mal gehasst.

Es gab für Sie und Ihre Familie also keine Alternative zur Flucht?

Keine. Wir wären verloren gewesen. Ich hätte in den Irakkrieg ziehen müssen, die Liste der Verbote wurde immer länger und Andersdenkende kamen ins Gefängnis, verschwanden, wurden gefoltert und hingerichtet.

Wären Sie auch ohne Ihre Eltern geflohen?

Die Bedeutung von Familie an sich wird mir immer klarer, je älter ich werde. Als ich noch im Iran war, als Jugendlicher, dachte ich: weg hier, nur weg. Egal ob mit oder ohne Familie. Heute weiß ich: ohne meine Familie in der Fremde, das hätte mich gebrochen, ich wäre verloren  gewesen. Meine Familie hat mich gerettet, sie hat mir den inneren Halt gegeben, der zu werden, der ich bin.

Wenn Sie die sehr jungen Flüchtlinge sehen, die in den letzten Jahren ohne Familie nach Deutschland gekommen sind, was empfinden Sie da?

Ich sehe sie mit einem unglaublichen Mitgefühl. Es sind junge Menschen, die ohne Perspektive und ohne Halt sind und sein werden. In der Zukunft werden wir vor große Herausforderungen gestellt, die gebrochenen Seelen dieser jungen Menschen zu heilen, denen wir heute jeden Halt und Familienbeistand nehmen.

Macht Ihnen diese Situation Angst?

Nein. Es gibt keinen Weg zurück, es werden sich immer mehr Menschen auf den Weg machen. Wir können die Welt von heute nicht an unsere naiven Vorstellungen von gestern anpassen. Und Deutschland ist auf einem guten Weg. Wenn ich das Land von heute mit dem Land von vor 30 Jahren vergleiche … unglaublich. Deutschland ist auf dem Weg in ein offenes, multikulturelles Land. Ich könnte hier nicht glücklicher sein.

Eltern haben Superheldenkräfte

Sie haben für StadtLandKind das aktuelle Cover gestaltet. Was hat Sie zu diesem Motiv inspiriert?

Eine der größten Superheldenkräfte, die ich je erlebt habe, ist die Ruhe, mit der manche Eltern Tag für Tag die verschiedensten Situationen meistern. Selbst wenn die Welt  unterzugehen droht, bleiben die Eltern ruhig und geben ihren Kindern das Gefühl der Geborgenheit.

Die Familie, so haben wir heute gelernt, ist eine schützende Haut, sie ist ein Halt und der Abstand zum Abgrund … fällt Ihnen noch etwas zum Stichwort Familie ein?

Ich erzähle zum Abschluss noch ein Bild. Ich nenne es Eselskopf. Im Iran gibt es eine Art Sprichwort, den ‚Eselskopf‘. Als wir in Heidelberg ankamen, entdeckten unsere Eltern einen Automaten in der Straße, in der wir lebten. Hier konnte man Schokoriegel kaufen. Meine Eltern machten ein Ritual daraus, jeden Tag sechs dieser Schokorigel zu kaufen. Es war ein Ritual für eine Familie, die keine Mittel hatte Rituale zu pflegen – jeden Tag nach der Schule saßen wir zusammen und aßen diese Schokoriegel. Wir saßen da und lobten den Geschmack der Schokolade, wir schwelgten in den Beschreibungen ‚hm… wie köstlich…wie lecker‘. Das machte uns so glücklich – deshalb habe ich es Eselskopf genannt. Ein Zaubermittel, das glücklich macht. Und das sind Momente, die man ohne Familie nicht hat.

Interview: Bettina Wolf// Fotos: Christina Laube; privat

Mehr zum Künstler Mehrdad Zaeri und seinen aktuellen Arbeiten unter: mehrdad-zaeri.de

 

27. Juni 2018

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