„Ein Leben ohne Rollenklischees“

Lieber Herr Golob, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für unseren Austausch nehmen. Es geht um das spannende Thema: Väter. Engagierte Väter. „Neue“ Väter. Moderne Väter. Etikettierungen gibt es viele. Was für ein Vater sind Sie?

Ich würde mich als präsenten Vater beschreiben: weil ich mit meiner Frau versuche, möglichst gleichberechtigt Berufs- und Familienleben zu teilen, und somit auch gleichen Anteil an der Zeit mit unserem Kind habe. Gleichzeitig ist es mir sehr wichtig, auch emotional für mein Kind präsent zu sein! Ich spreche aus Erfahrung, wenn ich sage, dass Väter zwar physisch anwesend, für ihre Kinder aber emotional nicht verfügbar sein können. Das möchte ich anders machen und gehe
offen und möglichst auf Augenhöhe in die Beziehung zu meinem Kind. Das erfordert viel Arbeit an mir selbst, um mich selbst besser zu kennen und mich und meine Gefühle besser steuern zu können.

Wir haben den Eindruck, dass Väter das Thema für sich entdeckt haben. Mit eigenen Magazinen, Blogs, Väterseminaren, zahlreichen Ratgeber-Neuerscheinungen von und für Väter. Warum jetzt, können Sie das für uns einordnen?

Den Eindruck habe ich allerdings auch! Ich denke, dass hier einige gesellschaftliche Veränderungen zum Tragen kommen: Neben der für viele Paare mittlerweile  selbstverständlichen Gleichberechtigung im Beruf kommt eben nun die Gleichberechtigung in der Familie dazu. Außerdem ist, denke ich, die ständige Beschleunigung unserer Lebens- und Arbeitswelt ein Teil der Antwort: Viele Männer erleben immer weniger Stabilität und Erfüllung ausschließlich im Beruf und sehnen sich nach mehr Verantwortung in der Begleitung ihrer Kinder – sozusagen, um am „echten“ Leben so viel wie möglich teilzuhaben. Dazu kommt ein allgemeiner Wandel der Rollenbilder, gekennzeichnet von Debatten wie #metoo rund um das Phänomen der toxischen Männlichkeit. Junge Männer stören sich zunehmend daran, auf  selbstausbeuterische Rollenklischees festgelegt zu werden, und entdecken eben neue, selbstbewusste Männlichkeit für sich. Und dazu gehört, ein präsenter, aktiver Vater zu sein.

Bitte beschreiben Sie uns Ihren beruflichen und privaten Hintergrund (Kinder, Beruf (Teilzeit?) und genommene Monate der Elternzeit).

Ich bin Vater eines dreieinhalbjährigen Sohnes, arbeite als Gründungscoach an einer Hochschule in 50% Teilzeit und nebenberuflich ich selbstständig als Coach und  Facilitator für Einzelpersonen und Gruppen. Elternzeit habe ich nach der Geburt keine genommen, sondern meine Selbstständigkeit entsprechend gesteuert, so dass ich Vatersein und Arbeit bestmöglich vereinbaren konnte.

War es für Sie von Anfang an klar, dass Sie ein Vater sein würden, der sich „voll einbringt“, der ebenso wie die Mutter der Kinder für sämtliche Belange verantwortlich sein möchte, oder hat sich das erst herausgestellt?

Ja, das war für mich sonnenklar! Meine Frau und ich haben unsere gesamte Partnerschaft auf das Fundament der Gleichberechtigung gebaut und deswegen war die aktive, präsente Vaterschaft ein logischer Schritt. Trotzdem ist es, mangels Rollenvorbildern, nicht gerade einfach, das auch zu leben. Es ist oft ein Ausprobieren, bei dem mir meine eigene Ausbildung als Coach und Berater hilft, mich und meine Bedürfnisse zu reflektieren.

Wie teilen Sie zuhause die Familienarbeit auf?

Es gibt kaum feste Zuständigkeitsbereiche – nur das Bügeln ist allein meine Domäne, während meine Frau den grünen Daumen hat und auslebt. Ansonsten läuft vieles über häufige Absprachen und vor allem je nach Verfügbarkeit, weil wir ja beide arbeiten. Als besonders hilfreich hat sich für uns ein genauer Wochenplan herausgestellt, in dem wir eintragen, wer wann was macht. Putzen und Wäsche sind geteilte Aufgaben, die wir eher nach Bedarf und Gefühl erledigen …

Was ist das Schönste am Familienleben?

Das sind die gemeinsamen Momente im Bett morgens, wenn wir einfach zu dritt als Familie dösen, kuscheln und bei einem warmen Getränk wach werden.

Was das Schwierigste?

Als Paar noch gemeinsame Zeit zu finden ist für uns eine riesige Herausforderung. Gerade durch die Entfernung zu den Großeltern ist es schwierig, mal kurzfristig Entlastung bei der Kinderbetreuung zu bekommen. Und so bleiben oft nur die Abende – nur macht uns die Müdigkeit da oft einen Strich durch die Rechnung.

Was wünschen Sie sich für Ihre Kinder, ist das Thema gleichberechtigte Familie auf einem guten Weg …?

Meinem Kind wünsche ich, dass es die Freiheit hat, den eigenen Lebensentwurf zu leben, möglichst frei von Rollenklischees und Erwartungen anderer. Es wäre für mich ein großes Geschenk, wenn wir uns auch später noch so nahe wären – am wichtigsten ist mir aber, dass mein Kind sich selbst liebt und treu bleibt. In Bezug auf die Gleichberechtigung mache ich mir wenig Sorgen: Es ist für mich schwer vorstellbar, dass wir hinter die Errungenschaften des Feminismus zurückfallen und nicht erkennen, wie wertvoll ein gleichberechtigtes Miteinander für alle ist! Darin liegt für mich der Schlüssel zu einer glücklichen, gemeinschaftlichen Zukunft, in der insbesondere Männer frei sein können, zu werden, wer sie eigentlich schon sind: Menschen mit allen Gefühlen, Bedürfnissen und Träumen.

bw // Fotos: Sven Barucha (svenbarucha.com)

Mehr unter: sven-golob.de

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