Generation nachhaltig

„Ich kann nicht schlafen“, sagt der 8-Jährige sorgenvoll. „Ich habe solche Angst. Vor dem Klimawandel!“ Die Themen Klimawandel und Klimaschutz sind längst bei vielen Familien angekommen. Eltern schließen sich zu Klimaschutzgruppen zusammen, versuchen plastikfrei zu leben. In Großstädten kommen Gemüse und Obst von den Dächern der Altstadt, Städte werden klimagerecht umgebaut. Aber wie schafft das Thema endgültig den Sprung aus der bildungsbürgerlichen Blase in die breite Gesellschaft?

„Klimaschutz muss heute auch immer Klimagerechtigkeit sein“, sagt Line Niedeggen, Studentin und Fridays for Future-Sprecherin, Heidelberg. “Es muss aufhören, dass Nachhaltigkeit nur eine Frage von Bildung und Geldbeutel ist und in der Öffentlichkeit vor allem mit dem Verlust von Komfort, mit hohen Kosten, Migration und sozialer Ungerechtigkeit in Verbindung gebracht wird!“, betont die Aktivistin. StadtLandKind hat sich mit der 24-Jährigen unterhalten.

Liebe Frau Niedeggen, wir haben gehört, dass Corona „gut fürs Klima“ war. Stimmt das?

Liene Niedeggen: Das ist absolut nicht der Fall. Der Lockdown hat Co2-Emissionen zeitweise um sieben Prozent gesenkt, das war aber nur ein kurzfristiger, unbeabsichtigter Klimaschutzerfolg. Denn inzwischen sind die Emissionen wieder um exakt sieben Prozent angestiegen. Es beruhte also leider nicht auf einem strukturellen Wandel, sondern war ein rein unbeabsichtigter Klimaschutzerfolg.

Die Fridays for Future-Bewegung startete als Kinder-Streik. Inzwischen sieht man auf den Demonstrationen Studierende und Eltern bzw. Großeltern …

Ja, wir sind alle älter geworden. Was aber stimmt, ist, dass Kinder und Jugendliche zurzeit durch die chaotische und unsichere  Situation in den Schulen stark ausgebremst werden. Da gibt es zurzeit wenig Kapazitäten. Viele Familien hatten während der Pandemie eine harte Zeit mit finanziellen Einbußen. Jetzt sollen sie nicht in den Urlaub fliegen und nur noch teure Bio-Lebensmittel konsumieren?

Bekommt Ihr viel negatives Feedback für eure Forderungen?

Im Gegenteil! Viele Menschen haben endlich verstanden, dass unsere Politik in einem sozial ungerechten System agiert, und diese Ungerechtigkeit wird in Krisen noch verstärkt. Sozial schwache Familien haben am meisten unter der Pandemie gelitten – während an die Aktionäre Dividenden ausgeschüttet wurden, als gäbe es keine Krise. Das Verständnis, dass wir etwas ändern müssen, hat durch die Pandemie die gesamte Gesellschaft ergriffen. Und auch die Einsicht, nur weil ich mal nicht fliege oder weniger Fleisch esse, ist dem Klima nicht geholfen.

Sondern?

Wir müssen an den großen Stellschrauben drehen. Dem Ausstieg aus der Kohle, der Verkehrswende, dem massiven Ausbau erneuerbarer Energien. Da müssen wir hin. Und weg von den Scheindebatten rund um Verbote. Weg davon, dass individuelle Entscheidungen von Einzelpersonen oder Familien Schuld am Klimawandel haben.

Wie können Familien, wie können wir alle also den Klimaschutz vorantreiben?

Indem das Thema immer weiter präsent bleibt, indem wir die ganze Zeit darüber reden, am Abendbrottisch, im Büro, mit Freunden. Es muss ein Thema für alle Lebensbereiche und für alle Menschen werden.

Klimaschutz ist also nicht schlecht für die Wirtschaft?

Ohne Klimagerechtigkeit wird es bald keine Wirtschaft mehr geben. Wir können die Wirtschaft also nicht besser unterstützen als durch aktiven Klimaschutz.

bw // Foto: Carla Valenbreder

Line Niedeggen:

24 Jahre alt, wuchs zwischen Köln und Bonn auf. Sie übersprang eine Schulklasse, machte mit 17 Abi und mit 20 ihren Bachelor in Physik. Anschließend folgte ein Jahr voller Reisen und Umweltaktivitäten bei Greenpeace und im Hambacher Forst. Seit 2019 studiert sie Umweltphysik in Heidelberg.

Am 24. September ist ein bundesweiter Klimastreik: klima-streik.org/infos

Ab dem 13. September errichtet FFF in Heidelberg auf der Neckarwiese ein Camp für globale Gerechtigkeit – das “global justice camp”

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