Keine Bildung ohne Bindung

Als einer der Standorte in Deutschland wird im Familienbildungswerk Viernheim das Präventionsprogramm Ostapje seit zehn Jahren erfolgreich umgesetzt. Ostapje ist ein kluges Programm. Und eines, das einsetzt, bevor etwas repariert werden muss. Übersetzt heißt Ostapje „kleiner Schemel“ oder „Aufstiegshilfe“. Der Begriff ist holländisch und auch das Konzept stammt ursprünglich aus Holland. Das Programm arbeitet mit vorgegeben Spielideen und einem Gruppentreffen der teilnehmenden Familien. Die Programmdauer von 18 Monaten ist eine Langzeitbegleitung, die entwicklungsförderliche Interaktion von Eltern und Kindern initiiert. Das Besondere an Ostapje: es ist ein niederschwelliges Frühförderprogramm für sozial benachteiligte Familien mit oder ohne Migrations- und Fluchthintergrund. Auch „besonders“ an Ostapje ist der Zugang und der Blick auf diese Familien. „Wertschätzend und vorurteilsfrei“ solle dieser Blick sein, so die Ostapje-Koordinatorin im Familienbildungswerk Viernheim Michaela Mann. Während es für mittelständische oder akademisch geprägte Familien inzwischen zahllose Angebote und Förderprogramme gibt, nutzen Familien mit größerem Unterstützungsbedarf diese Angebote nur selten. Gründe können mangelndes Wissen um diese Angebote sein, aber auch, dass diese Programme weit entfernt von ihrer Lebenswirklichkeit sind. Dabei entscheiden – speziell in Familien mit wenig Deutschkenntnissen – die ersten Lebensjahre über den schulischen Erfolg der Kinder.

Der Blick auf die Familien: wertschätzend und vorurteilsfrei

„Alle Eltern wollen die bestmögliche Bildung für ihr Kind, auch in Familien, die als bildungsfern gelten“, erklärt Michaela Mann. „Aber viele wissen nicht, dass Bildung nur mit Bindung erreicht werden kann. Und dass kein Kind etwas lernen kann, ohne zu spielen.“ Hier setzt Ostapje an. „Wir zeigen den Müttern, wie und was sie mit ihren Kindern spielen können. Dass man abends Bücher vorliest, dass es Spielplätze, Parks und Büchereien gibt … dieses Wissen ist nicht selbstverständlich.“ Nur so könne Nähe aufgebaut und Bindung hergestellt werden.

Dass nicht jede Familie weiß, wo die nächste Bücherei ist, können wir ja noch nachvollziehen. Aber dass man Müttern beibringen muss, mit ihren Kindern zu spielen? Und sind die denn dazu überhaupt bereit? „Nicht von oben herab, sondern auf Augenhöhe und nie übergriffig, sind die Grundvoraussetzungen, damit das Programm die entsprechenden Effekte erzielt“, erklärt Mann. „Ist das gegeben, lassen sich die Mütter mit großem Engagement auf unsere Spielvorschläge ein.“

Das Präventionsprogramm Ostapje sieht vor, dass „geschulte Laien“, stets Frauen, die immer auch selber Mütter sein müssen, einmal in der Woche eine knappe Stunde bedürftige Familien zuhause besuchen. Mit dabei haben sie Spielmaterialien, Holzspielzeug und bestimmte Bücher, die die Lebenswirklichkeit der Kinder abbilden. Auf speziellen Spielkarten können die Familien erkennen, was gespielt wird und was es erreichen soll. Symbole zeigen, ob die entsprechende Karte eher der motorischen, sprachlichen oder emotionalen Entwicklung des Kindes dient. Einfache Sätze geben Spielanleitungen und machen Vorschläge für Ball- oder Turnspiele. „Die Spieleinheiten wiederholen sich“, erzählt Hausbesucherin Kerstin Manhart. „Bis sie irgendwann zu Ritualen und Regeln werden.“ Rituale und Regeln – beides ist für kleine Kinder so ungeheuer wichtig. Und muss doch von vielen Familien erst erarbeitet werden. Die Hausbesucherin zeigt auch schon mal, wie man einen gesunden Obstsalat zaubert, aber wie die Familien leben und wie sie sich ernähren, das bleibt außen vor. Aufgrund ihrer oft schwierigen Alltagssituation bekommen diese Familien in der Regel wenig positives Feedback, stattdessen Schuldzuweisungen. Grundlage von Ostapje ist deshalb  auch die positive Verstärkung der Eltern als den Experten für ihr Kind. Wie sie den Alltag gestalten, wird nicht bewertet oder kommentiert, allerdings unterschreiben die Eltern vor Kursbeginn einen Vertrag, eine Verpflichtung, die unter anderem vorsieht, dass der Fernseher während des Hausbesuchs ausbleibt und dass die Eltern in der Zeit nicht am Handy sind. „Die Hausbesuche sollen wirklich exklusive Spielzeit mit den Kindern sein“, erklärt Hausbesucherin Teuta Komoni. Grundlage von Ostapje ist neben den ritualisierenden und dadurch bildungsfördernden Spielangeboten, den Familien in schwierigen Alltagssituation positives Feedback zu geben. Anzuerkennen, was sie leisten und sie da zu unterstützen, wo es nicht so gut läuft. Wichtig sei der „vorurteilsfreie Blick“ auf die Familien. „Sie lassen uns ja in ihr Haus, sie öffnen ihren privatesten Raum, das ist ein großer Vertrauensbeweis. Wir werden oft mit Situationen konfrontiert, die nicht unserer Lebenswirklichkeit entsprechen. Aber wir machen uns immer wieder klar: es gibt so viele Varianten des Lebens. Und alle haben ihre Berechtigung“, erklärt die Ostapje-Koordinatorin.

„Rechtzeitig ein Netz spannen, so dass niemand fallen kann“

Fällt einer Hausbesucherin auf, dass Mütter die Schwere nicht mehr ertragen, dass sie vielleicht alleinerziehend oder sehr prekär lebend der Belastung nicht mehr standhalten, dann wird vorsichtig vorgeschlagen, eines der vielen weiteren Angebote des Familienbildungswerks oder anderer Institutionen in Anspruch zu nehmen. „Unser Ansatz ist: rechtzeitig ein Netz zu spannen, so dass niemand fallen kann“, erklärt Michaela Mann. Ostapje soll langfristig die Erziehungskompetenz der Eltern stärken. „Mütter müssen wieder an sich und ihre Fähigkeiten glauben. Dabei helfen wir.“ Neben Ostapje bietet das Familienbildungswerk noch ein breites, buntes Potpourri an Hilfen und Förderprogrammen. Besonders beliebt ist das internationale Müttercafé. Hier dürfen keine Männer teilnehmen, damit auch wirklich jede Mutter kommen darf. Jeden Donnerstag von 9 bis 11.30 Uhr treffen sich bis zu 35 Mütter mit Kindern zum gemeinsamen Frühstück. Ohne Anmeldung und kostenlos. Parallel läuft ein ehrenamtlicher Formularausfüllhilfe- Service für Menschen mit wenig Deutschkenntnissen. „Das Tolle ist auch“, so Kerstin Manhart, „viele Menschen nehmen nicht nur die Hilfe in Anspruch, sie geben auch unglaublich viel zurück, engagieren sich, übersetzen und helfen, wenn jemand Hilfe braucht“ Dienstags treffen sich Familien zum Babycafé oder bringen die Zweijährigen in die Kinderkiste – dem Förderprogramm für Kinder vor dem Kindergarten; es gibt eine offene Hebammensprechstunde und das Programm „Wellcome“ für Familien in Not und immer am letzten Mittwoch im Montag öffnet das Bistro im „FBW“ unter dem Motto „Mahlzeit“ seine Türen zum gemeinsamen Basteln und Essen.

bw // Foto: Fotolia

Familienbildungswerk Viernheim
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12. Juni 2019

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