Meine beste Freundin, ihre Tochter und ich

„Du musst sofort mitkommen“, sagt Paulina, als ich gerade zur Haustür hereingekommen bin. „Wir sind drüben und spielen.“ Ich betrete das Zimmer, setze mich zwischen Bücher und Bälle und schon kommt Paulis kleine Schwester Luisa auf mich zugewackelt, ein Buch in der einen, Malkreide in der anderen Hand.  Tina, die mir gegenübersitzt, baut einen Globus auf, Luisa nimmt ihn wieder auseinander, die Puppe Nonno ist natürlich auch dabei und sitzt in ihrem Puppenwagen mittendrin. „Komm hierher“, sagt Pauli. Dann schiebt sie die kleine Maltafel direkt vor Tina und mich.

Meine linke Hand ist pink. Ein Fleck so groß wie ein Apfelschnitz befindet sich auf meinem Handrücken. „Das kann man ganz leicht abwaschen“, haben erst Tina und gleich darauf Paulina gesagt. Dabei haben sie beide eifrig und ermutigend genickt, sodass ich ihnen einfach glauben musste. Ich habe zwischenzeitlich Hände gewaschen (mehrmals), geduscht (mit viel Schaum) und auch ein bisschen daran gerubbelt. Das Apfeltattoo in Pink ist geblieben. An der Supermarktkasse nickt mir eine junge Mutter, die mit ihrem kleinen Sohn vor mir steht, mit einem Blick und einem Lächeln zu, die mir unmissverständlich zu verstehen geben, dass auch sie solche Farbexperimente kennt. Der Fleck erinnert mich an das jüngste Treffen von Tina, Paulina und mir nur ein paar Stunden zuvor.

Tina: „Sind wir jetzt in der Schule?“

Paulina: „Ja, und ich bin eure Lehrerin.“

Die Füße fest nebeneinander steht sie vor der Tafel und versucht ihren Namen zu schreiben, was schon gut klappt. Dann malt sie eine wilde Mischung aus Buchstaben und Strichen und wir sollen die „Wörter“ laut vorlesen. Tina kann ihre Augen nicht von Paulina lassen.

Tina: „Es ist unglaublich, dass sie nächstes Jahr schon in die Schule kommt. Es geht einfach so schnell. Und sie möchte wirklich lernen.“

Ich: „Möchte sie schreiben lernen?“

Tina: „Das auch, aber nicht nur.  Sie ist auch gerade am Überlegen, welches Musikinstrument ihr Spaß machen könnte. Sie bekommt bei den anderen Kindern im Kindergarten mit, dass sie sich auch Instrumente aussuchen. Hoch im Kurs stehen gerade Gitarre oder Klavier. Wenn sie bei meinen Eltern ist, schaut sie ganz fasziniert das Klavier an.“

Die Schulstunde an der Tafel ist vorbei. Jetzt hat Pauli den Kinderglobus entdeckt, auf dem die Kontinente und die Tiere, die auf ihnen leben, eingezeichnet sind.

Paulina: „Was ist da oben?“

Tina: „Das ist der Nordpol.“

 „Was ist das für ein Tier?“, „Was ist das für ein Land da unten?“ – so geht es in einer Tour, sodass ich kaum noch hinterherkomme, die Fragen zu beantworten . . . und manchmal habe ich nicht sofort eine Antwort parat.

Paulina: „Anki, was ist ein Oca?“

Ich: …

Ich werfe einen hilfesuchenden Blick zu Tina, die auch nur kurz mit den Schultern zuckt. Irgendwann komme ich darauf, dass sie das Wort Orca bei einem Spiel aufgeschnappt hat. Ich erkläre ihr, um welches Tier es sich handelt, sie nickt kurz und weiter geht’s.

Egal, ob beim Spielen, Basteln, auf dem Spielplatz oder bei Spaziergängen in Parks: Ihre Puppe darf nicht fehlen. „Auch wenn Paulina nachts zu uns ins Bett krabbelt, liegt Nonno dann auch irgendwo bei uns“, sagt Tina. Paulina kümmert sich um sie, zieht sie an, damit sie nicht friert, und „wickelt“ sie. Paulina kümmert sich also gerne. Da ist es auch gar nicht verwunderlich, dass sie zum ersten Mal ihre kleine Schwester auf dem Kinderzimmerboden unter Anleitung von Mama wickelt.

Dass Paulina auf jedes Wort ihrer Mama hört, ist momentan aber nicht unbedingt selbstverständlich, erklärt mir Tina wenig später, als Pauli und ihre kleine Schwester um den Tisch herumsitzen und malen. „Wir befinden uns gerade in der Trotzphase. Das ist zum Teil wirklich anstrengend“, sagt Tina. Dann gefällt ihr das nicht, sie möchte das nicht anziehen, alles ist blöd, alle sind gemein und „Nein“ sagt sie dann öfter als „Ja“.

Während Tina ein paar Dinge am PC erledigen muss, male ich mit Paulina. Erst ein Pferd, dann einen Schmetterling.

Paulina: „Kannst du auch eine Eule malen?“

Ich: „Wir können es versuchen.“

So füllen wir Seite um Seite in ihrem Malbuch. Irgendwann malt sie über den Rand hinaus auf meine Hand und hat unheimlich viel Spaß dabei, ihrer Mama und mir „Tattoos“ in Pink auf unsere Hände zu malen. Auch ihre kleine Schwester möchte mitmachen. Sie wird ungeduldig . . . und ruft laut meinen Namen.

Luisa: „Ati.“

Paulina (zu mir): „Sie hat dich gemeint.“

So schnell geht das also. So fängt Luisa schon das Plappern an und Paulina möchte am liebsten schon morgen ein Schulkind sein, denke ich mir einen Tag später, als mir beim Tippen wieder der Fleck auf meinem Handrücken ins Auge springt. Vielleicht dauert es gar nicht mehr lange, und dann werden wir wieder gemeinsam an diesem Tisch sitzen und zusammen üben, Buchstaben in ein Schulheft zu schreiben. Nächsten Monat wird Paulina schon fünf Jahre alt, die Schule rückt damit also schon in greifbare Nähe. Bis dahin erinnert mich der Fleck daran, wie unbezahlbar schön die Kindheit sein kann, und dass es uns Großen gut tut, ein bisschen mehr Farbe in unser Leben zu lassen.

Von Ann-Kathrin Weber

Über die Autorin:

Redakteurin Ann-Kathrin Weber hat zwar selbst noch keine Kinder, schreibt aber besonders gern über Kinderthemen. Für StadtLandKind hat sie ihre Freundin Tina durch die Schwangerschaft begleitet und besucht Paulina und ihre Eltern einmal im Monat für uns.

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