Paulinas Tagebuch

Es ist schon lange her, dass ich Tina und ihre Töchter so richtig live, in Farbe und nicht über einen Bildschirm gesehen habe. Als es die ersten wärmenden Sonnenstrahlen aber zu lassen, sehe ich unter freiem Himmel Tina und ihre Mädels, die wie kleine Sonnenanbeter den Garten in eine – im wahrsten Sinne des Wortes – Spielwiese umgestaltet haben. Wo vor ein paar Wochen noch Schneemänner gebaut wurden und das neue Jahr mit Luftballons begrüßt wurde, stehen jetzt Klettergerüst, viele kleine Gummistiefel und eine „Outdoor-Matsch-Küche“. Heute auf dem Speiseplan? Grassuppe mit Matschklöschen und ein paar Steinchen als knuspriges Topping. Selten habe ich mich so sehr darüber gefreut wie an diesem Tag.

„Ich lese dir was vor“, sagt Pauli mit ihrem Zahnlückenlächeln und ich werde noch bevor ich „Hallo“ sagen kann Zeuge davon, wie viel Paulina in der ersten Klasse schon gelernt hat. „Nur das ist schwierig. Was heißt das?“, fragt sie mich und hebt das Buch hoch, dass ich den Text auch aus der Entfernung lesen kann. Ich erkläre ihr die Bedeutung, womit sie zufrieden ist und ihrer Mama sogleich davon berichtet, dass „schnaubend“ ein wirklich schwieriges Wort sei.

Während Pauli zwischen Buch und Klettergerüst hin- und her wechselt, rührt ihre kleine Schwester ohne sich aus der Ruhe bringen zu lassen weiter in ihren Kochtöpfen voll Gras. Ab und an lässt sie uns daran teilhaben, dass das Essen noch nicht fertig ist. Bis dahin wird weiter gequasselt, schließlich ist in den letzten drei Monaten viel passiert. Nach vielen Wochen Homeschooling ist Paulina als Erstklässlerin jetzt wieder im Wechselunterricht.

Ich: „Pauli, was gefällt dir an der Schule?“

Paulina: „Ich freue mich auf die Kinder und mit ihnen zu spielen.“

Ich: „Und was machst du in der Schule am liebsten?“

Paulina: „Spielen.“

Ich: „Anders gefragt: Was lernst du am liebsten?“

Paulina: „Buchstaben und Kunst.“

Ich: „Warum ist Kunst immer noch dein Lieblingsfach? Was gefällt dir besonders gut daran?“

Paulina: „Weil man da malen kann und so. Und noch andere Sachen.“

Ich: „Worauf freust du dich, wenn es jetzt bald wieder wärmer wird?“

Paulina: „Das wird super toll, weil dann blasen wir wieder unseren Pool auf.“

Ich: „Wenn es wärmer wird, steht auch bald dein Geburtstag an. Was hoffst du, wenn du an deinen Geburtstag im Mai denkst?“

Paulina: „Dass kein Corona mehr da ist. Ich mag Corona-Geburtstage nicht. Letztes Jahr konnte ich schon nicht feiern. Und jetzt würde ich gerne eine Party mit allen zusammen feiern und nicht einzeln wie letztes Jahr.“

Kaum zu glauben, dass bald ein Jahr vorbei ist, in dem so wenig und doch so viel passiert ist. Ein regelkonformes Weihnachtsfest, Zahnlücken, Einschulung, Spielenachmittage mit den Eltern und der eine oder andere Ausflug direkt vor der Haustür. Einer davon führte die Schwestern zu einem benachbarten Ponyhof, um sich um die Tiere zu kümmern. Es war ein komisches Gefühl für Tina, als ihre Töchter nach Monaten zu Hause plötzlich für drei Stunden außer Haus waren. Lange musste sie allerdings nicht auf ihre Rasselbande warten, denn die zwei klingelten, auf Ponys sitzend, überraschend an der Tür, um ihre Mama zu überraschen.

Wie die Zeit vergeht sieht Tina nicht nur an ihren Kindern, die immer größer werden – Paulina und mich trennen nicht mehr allzu viele Zentimeter –, sondern auch an den Fotos, die sie in den vergangenen Monaten gemacht hat. Standen sie vor nicht allzu vielen Wochen noch dick eingepackt in hohen Schneehaufen– ein Schneeberg war fast so groß wie Luisa – oder besuchten die Holzfigur des Grüffelo unterhalb der Windeck, kletterten sie vor wenigen Tagen bei frühlingshaften Sonnenstrahlen wieder auf den Spielgeräten herum – ein paar Sommersprossen inklusive.

Ich: „Mittlerweile ist Paulina schon ein halbes Jahr lang ein Schulkind. Was hat sich seit unserem letzten Besuch im Dezember geändert?“

Tina: „Seit Kurzem ist Paulina im Wechselunterricht. Seit dem verfrühten Einsetzen der Weihnachtsferien war sie aber im Homeschooling, was wirklich gut geklappt hat. Ihre Schule hat alles gut organisiert und jeder wusste, was er zu machen hatte. Ich finde, dafür, dass sie eine Erstklässlerin ist und nur knappe vier Monate in der Schule war bis das Homeschooling anfing, macht sie das wirklich gut. Natürlich haben wir auch gekämpft zwischendrin und – so ehrlich muss ich sein – war es für Pauli auch nicht einfach mit mir zu lernen, da ich selbst Lehrerin bin. Aber letztendlich können wir alle ein bisschen stolz auf uns sein – alle Mütter und Väter. Ich weiß aber auch, dass wir großes Glück haben, dass die Voraussetzungen in unserer Familie für Homeschooling und Co. wirklich gut waren.“

Ich: „Hand aufs Herz: War denn immer alles harmonisch?“

Tina: „Natürlich hatten wir viele Streitsituationen. Ich war für Pauli ja nicht nur Lehrerin, sondern eben auch Klavierlehrerin, die ihr beim Onlineunterricht hilft, und letztendlich auch die Mutter – ich hatte ziemlich viele Aufgaben, die für sie vielleicht auch ein bisschen negativ behaftet waren, was nicht immer einfach war. Aber im Großen und Ganzen hat es uns zusammengeschweißt. Markus und ich können uns auf die Schulter klopfen, denn wir haben versucht, die letzten Monate für unsere Kinder so schön wie möglich zu gestalten und ich denke, es ist uns wirklich ganz gut geglückt. Das zeigte sich auch bei einer Schulaufgabe, die Pauli machen musste. Sie musste Symbole ausmalen, die dafürstehen, was sie zu Hause alles erlebt hat – von Schneemannbauen bis Basteln – und wie sie sich während der Zeit zu Hause gefühlt hat. Sie konnte fast alles ausmalen, weil sie viel erlebt hat und das hat Markus und mich natürlich sehr gefreut. Pauli fragt auch immer wieder, wann sie mal wieder zu Hause bleiben darf, freut sich darauf und natürlich schon auf die Osterferien.“

Ich: „Welche Bilanz ziehst du denn aus den vergangenen drei Monaten?“

Tina: „Unsere Familie kann diese Zeit auf jeden Fall auch als positiv bewerten. Markus hat mehr von den Kindern und umgekehrt, wenn er von zu Hause aus arbeitet – das war vor Corona auf jeden Fall anders. Wir hatten trotz Arbeit viel Zeit für die Familie. Negativ ist natürlich, dass beide Kinder ihre Freunde nicht so sehen können wie früher. Aber das ändert sich hoffentlich bald. Negativ ist auch, dass beide ein bisschen verlernt haben, sich alleine zu beschäftigen, weil wir jeden Tag zusammen waren. In den eigenen Zimmern waren sie selten, eher waren wir viel draußen oder haben dann zusammen am großen Esstisch gebastelt. Aber das wird schon alles irgendwie werden.“

Luisa ist fleißig am Anrichten, hier und da zieren ein paar Wasserflecken den Boden um den Rasen herum – das Essen ist fertig und ich bekomme eine kleine, rosafarbene Tasse mit Matschkaffee in die Hand gedrückt, für die ich mich kurz vor dem Gehen freundlich bedanke.

Paulina: „Kommst du bald mal wieder?“

Ich hoffe es. Wenn wir das nächste Mal zu Besuch sind, wird Pauli kurz vor dem Ende der ersten Klasse stehen und sie und ihre Schwester beide bald ein Jahr älter geworden sein – mit Geburtstagspartys im Garten? Ich wünsche es Ihnen.

Ab sofort besuchen wir Paulina und ihre Familie alle drei Monate und berichten dann über Neuigkeiten, Lieblingsfächer und alles, was im Leben von Paulina eine Rolle spielt. Die nächste Folge von „Paulinas Tagebuch“ erscheint am 15. Juni.

Ann-Kathrin Weber 

 

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