„Ein Junge im rosa Kleid macht nichts falsch!“

JungeSehr geehrter Herr Pickert. Ihr Buch „Prinzessinnenjungs“ hat – laut Untertitel – den Anspruch, „Jungen aus der Geschlechterfalle“ zu befreien. Vielen Thesen können wir folgen, manche finden wir diskussionswürdig. Aber vorab eine Frage zum Untertitel: Warum ist es eine Falle, wenn sich Jungen und Mädchen so verhalten, wie sie sich verhalten?

Wir stellen Ihnen eine Falle, wenn wir sie dazu zwingen, sich gemäß unseren Stereotypen und Geschlechternormen zu verhalten. Ich habe überhaupt kein Problem damit, dass Jungen und Mädchen sich verhalten, wie sie sich verhalten. Ich habe  auch kein Problem damit, wenn Jungen und Mädchen Geschlechterstereotype erfüllen. Das steht ihnen frei. Allerdings sollte ihnen auch freistehen, genau das nicht zu tun.

Einen „neuen Blick auf die Erziehung der Jungen“ wollen Sie werfen. Denn „es ist schlecht um unsere Jungen bestellt“. Warum ist das so? Woran liegt es, dass es Jungen heute so schwer haben?

Jungen haben kaum Platz, ihre Identität zu entfalten. Auf der einen Seite verlangen wir von ihnen, sich klassisch männlich zu verhalten, auf der anderen Seite verändert sich die Gesellschaft immer mehr dahingehend, dass Eigenschaften gefragt  und gefordert sind, die wir bislang eher weiblich verortet haben. Wir richten zutiefst widersprüchliche Anforderungen an unsere Jungen und empören uns dann noch darüber, wenn  diese nicht verstanden werden. Männlichkeit wird für Jungen leider viel zu oft einfältig statt vielfältig definiert und vorgelebt. Ihnen das anschließend auch noch vorzuwerfen, macht sie zu Recht oft wütend und traurig. Das ist dann wieder die Falle, über die wir sprachen.

Jetzt mal verkürzt gefragt: Männer, die als Kinder mit Puppen gespielt haben, nehmen später mehr als zwei Monate Elternzeit?

Das ist tatsächlich zu verkürzt, so monokausal funktioniert das nicht. Sie gehen auch nicht in einen Tarantino-Film und wollen danach alle Leute umlegen. Was aber stimmt, ist, dass Studie um Studie belegt, wie sehr das Spiel mit Puppen zur Kommunikationsfähigkeit, Gefühlswahrnehmung und Sozialkompetenz beiträgt. Diese Eigenschaften sind geschlechtsübergreifend wichtig. Wenn ein Junge nicht mit Puppen spielen will, ist das vollkommen in Ordnung. Wenn man ihn bewusst nicht mit Puppen spielen lässt oder ihm suggeriert, dass das eine schlechte Idee ist, dann ist das nicht in Ordnung. Nichts ist falsch daran, mit Puppen zu spielen.

Nehmen wir einmal an, es ist uns gelungen, einen Jungen die ersten Jahre geschlechtsneutral zu erziehen. Er trägt rosa Kleider, wünscht sich einen Einhorn-Schulranzen und hat gelernt, dass Konflikte ausschließlich verbal zu lösen sind. Dann kommt er in die Schule. Macht ihn dieses Anderssein nicht automatisch zu einem Opfer?

Es gibt keine geschlechtsneutrale Erziehung. Wenn ich meinen Kindern das Erforschen und Ausbilden ihrer geschlechtlichen Identität vorenthielte, würde ich sie bestehlen. Vielmehr geht es mir darum, dass ich nicht darüber zu bestimmen habe, auf welche Weise sie das tun. Es ist ihre Identität, nicht meine. Wenn die männliche Identität meines Sohnes darin besteht, mit  Einhörner-Ranzen in die Schule zu gehen, ist das genauso okay, wie wenn sie darin besteht, auf Monstertrucks und feuerspuckende Drachen zu stehen. Und Anderssein hat noch nie irgendwen zum Opfer gemacht. Täter und Täterinnen nehmen Anderssein zum Anlass, Menschen zu Opfern zu machen.

Was wäre an dieser Stelle die Alternative? Alles zu begradigen und auszumerzen, von dem wir annehmen, es könnte irgendwie „opferhaft“ wirken? Am Ende dieser Vorstellung stehen  Kinder, deren Andersartigkeit sich nicht verbergen lässt und denen man klarmacht, dass sie eine Belastung für die Mehrheitsgesellschaft sind. „Bleib lieber zuhause, deine Hautfarbe könnte andere provozieren!“ Das ist keine Option. Ein Junge in einem rosa Kleid hat nichts, absolut nichts falsch gemacht. Und genauso sollten wir ihn auch behandeln.

Wenn wir Ihre Kernaussage richtig verstanden haben: Wir brauchen ein neues Bild von Männlichkeit. Männlich ist demnach alles, was Männer tun. Egal ob sie sich prügeln oder streicheln. Brauchen wir dann überhaupt noch eine Einteilung in „männlich“ und „weiblich“?

Geschlecht ist real. Niemand behauptet, geschlechtsspezifische Merkmale seien nur ausgedacht. Es sind nur sehr viel weniger, als wir gemeinhin annehmen, und sie setzen sich sehr komplex zusammen: chromosomal, gonadal, genital, hormonell und psychosozial. Damit müssen sich Eltern aber gar nicht befassen. Es genügt vollkommen, Menschen nicht auf Stereotype festzunageln. Das ändert nichts an der biologischen und sozialen Wirklichkeit von männlich und weiblich. Nur an der Starrheit unserer Rollenbilder.

Ich zitiere: „Unsere Vorstellung von einer einfachen, unstrittigen Einteilung in Mann und Frau ist schlicht und ergreifend falsch. Die Personen, die wir aufgrund verschiedener Merkmale zweifelsfrei als Mann oder Frau einordnen, repräsentieren in Wirklichkeit eine Vielzahl von unterschiedlichen Geschlechtsidentitäten.“ Das Problem: Woran sollen wir uns orientieren, wenn wir Menschen begegnen? Diese erste Einteilung ist für das soziale Miteinander doch grundlegend …

Wir alle brauchen die Fähigkeit zur schnellen Einschätzung im sozialen Miteinander, da haben Sie vollkommen Recht. Ich finde es auch überhaupt nicht verwerflich, ein kurzhaariges Kind zunächst für männlich zu halten, weil diese Haarlänge in Deutschland oftmals üblich für Jungen ist. Ich plädiere in diesem Zusammenhang für Tendenzen: „Die Jungen, die ich kenne, tragen tendenziell kurze Haare“ ist etwas anderes, als zu sagen „Jungen haben kurze Haare!“. Eine Tendenz ist sehr viel flexibler als ein Vorurteil. Darüber hinaus sollten wir dem Gegenüber ermöglichen, sich zu identifizieren. Wenn wir aufeinandertreffen und ich mich als Nils Pickert vorstelle, dann denken Sie vermutlich nicht „Der sieht nicht aus wie ein Pickert“ und nennen mich deshalb konsequent Schmidt. Und selbst wenn ich für Sie nicht wie ein Pickert aussehe, würden Sie mich so nennen. Warum sollte das bei anderen Identitätsmerkmalen anders sein?

Jungen und Männer, so schreiben Sie, sitzen in der (Geschlechter-)Falle zwischen Anspruch und der Realität. Könnten Sie uns das erläutern?

In der Anspruchshaltung ist die Gesellschaft heute einigermaßen offen und tolerant, möchte zugewandte Väter, die mehr als zwei Monate Elternzeit nehmen, und mitfühlende Männer, die nicht von ihrer eigenen Gefühlswelt abgeschnitten sind. In der Realität passen uns diese Dinge dann wieder nicht. Männer sollen sich gefälligst für ihre Karriere zur Verfügung halten, Leistung bringen und durchpowern. Wenn wir von Männern also fordern, dass sie auf sich achten, dann wird es schwierig von ihnen zu verlangen 120 Prozent zu geben oder was man sonst noch so für Floskeln über männliche Leistungsbereitschaft hat. Wir sind keine geeignete Gesellschaft für von Rollenklischees emanzipierte Jungen und Männer, behaupten aber eine zu sein.

Aber ist es nicht etwas überspitzt zu behaupten, dass Jungen es heute „einzig und allein aufgrund ihres Geschlechts plötzlich niemandem recht machen können“?

Den Eindruck müssen sie zumindest gewinnen. Sie sollen uns in Verhaltensannahmen bestätigen, damit wir uns besser fühlen, und legen damit zugleich Verhaltensweisen an den Tag, die sie inzwischen in den Nachteil setzen. Der Punkt ist, dass ich mit dieser Feststellung nicht dafür plädiere, Jungen zu mehr Zartheit anzuhalten. Im Gegenteil: Jungen waren schon immer auch zart. Wir sollten nur endlich aufhören, sie dafür zu bestrafen, indem wir ihnen weismachen, dass das unmännlich wäre.

Und zum Schluss wollen wir natürlich noch wissen: Was können wir als Eltern, als Gesellschaft besser machen, damit die Situation für Jungen besser wird?

Wir sollten uns darum bemühen, dass unsere Rollenerwartungen nicht zwischen uns und unseren Jungen stehen. Die überwältigende Mehrheit der Eltern will für ihre Söhne nur das Beste und hat kein Interesse daran, ihnen bewusst etwas vorzuenthalten. Aber sie machen sich Sorgen, ob sie wegen möglicher Andersartigkeit, wie Sie bereits erwähnt haben, schlechter gestellt und zu Opfern gemacht werden. Wir müssen uns darum bemühen, alle miteinander der Wandel zu sein, den wir für eine Gesellschaft sehen wollen, der Jungen in all ihren Facetten und Lebenswirklichkeiten willkommen sind.

Interview: bw // Foto: privat

 

 

11. März 2020