„Feiert den Fehler!“

Sehr geehrte Frau Hasel, Ihr Buch „Der tanzende Direktor“ beschreibt einerseits die Zeit, die Sie mit ihrer Familie in Neuseeland verbrachten, andererseits erklärt es das neuseeländische Schulsystem. Für deutsche Eltern, mit unglücklichen, gelangweilten, gestressten Schulkindern, liest sich das Buch wie die Beschreibung eines paradiesischen Zustands. Was hat sie am stärksten beeindruckt?

Die Mischung aus Pragmatismus und Idealismus. Es gibt hochfliegende Ziele – aber immer auch einen sehr handfesten Plan, wie man diese erreicht. Bevor etwas flächendeckend eingeführt wird, gibt es Pilotprojekte und Wirksamkeitsforschung und vor allem herrscht ein Grundkonsens, auch in der Politik: In der Bildung ist keinem geholfen, wenn auf eine Reform sofort eine Gegenreform folgt, in der Bildung müssen alle an einem Strang ziehen und einer übergeordneten Vision folgen.

Sie beschreiben die Lehrkräfte auf eine Weise, dass wir uns sofort auch genauso eine Lehrerin, so einen Lehrer, wünschen. Warum sind neuseeländische Lehrer so besonders gute Lehrer?

In Neuseeland hat man nicht nur genau erforscht, was einen Schüler zu einem guten Schüler macht. In Neuseeland ist man auch stets bestrebt, Bedingungen zu schaffen, die aus guten Lehrern noch bessere Lehrer machen. Ich habe in Neuseeland keinen Lehrer gesehen, der seine Unterrichtsmaterialien selbst kopieren musste. Das erledigen andere. Lehrer sollen sich auf das Wesentliche konzentrieren. Die Arbeit mit dem Kind. Und auch da erfahren sie Unterstützung. Gibt es Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten in einer Klasse, bekommen die Lehrer schnell Hilfe. Schulen verwalten ihr Geld nämlich selbst, also muss man nicht eine ferne Behörde um einen Schulhelfer bitten und womöglich monatelang auf Hilfe warten, sondern die Schule kann selbst tätig werden und Logopäden und Ergotherapeuten hinzuziehen.

Erfahren Lehrer in Neuseeland eine andere Art der Wertschätzung? 

Ja, aber auf der anderen Seite werden an sie auch sehr hohe Erwartungen gestellt. So müssen sie alle drei Jahre ihre Lehrerlaubnis erneuern und dazu den Nachweis erbringen, dass sie an beruflichen Weiterbildungen teilgenommen haben. Diese Fortbildungen sind allerdings ganz anders als man sie aus Deutschland kennt, wo Lehrer nach Unterrichtsschluss Vorträge besuchen und sich dann selbst überlegen müssen, wie sie das, was sie dort gehört haben, am besten in ihren Unterricht übertragen. In Neuseeland besuchen die Fortbildner die Lehrer direkt an den Schulen, und das nicht nur einmal, sondern mehrmals, geben Modellstunden, helfen den Lehrern bei der Unterrichtsplanung und sind in den Stunden selbst vor Ort, um bei konkreten Problemen zu helfen.

„Elternhaus und Schule sind miteinander verbunden und geben gemeinsam ihr Bestes“

Werden die Lehrer stärker von den Eltern unterstützt, als wir das in Deutschland gewöhnt sind? 

Ja. Vor allem fiel mir aber auf, dass zwischen Lehrern und Eltern weniger Distanz herrscht. Ein Schild „Ab hier schaffen wir es alleine“, wie es sich an vielen Schultoren in Deutschland findet, damit die Eltern ihre Kinder nicht zum Klassenraum begleiten, habe ich in Neuseeland nicht gesehen. Die Eltern kommen in die Klasse, sie plaudern mit den Lehrern, und die Schüler sehen: Elternhaus und Schule sind miteinander verbunden und geben gemeinsam ihr Bestes, damit Kinder gut lernen.

Die Lernmethoden klingen erst einmal sehr ungewöhnlich. Eine Klasse bekommt Briefe von einer Fee, die Lehrerin bringt ihre gesamten Schuhe mit, damit die Kinder sie anprobieren können. Welche Bedingungen schafft die neuseeländische Politik um diese Art Unterricht zu ermöglichen?  

Wie es zu so etwas kommt, kann man am besten anhand eines konkreten  Beispiels erklären: An einer Schule stellte das Kuratorium, das die Schule und ihr Geld verwaltet und das aus Eltern und Lehrern besteht, fest, dass man sich so sehr für Mädchen eingesetzt hatte, dass die Jungen auf der Strecke geblieben waren, gerade was das Lesen und Schreiben angeht. Also lud man einen Experten an die Schule ein, der sich mit der Frage beschäftigt hatte, wie man gerade Jungen zum Schreiben ermuntern kann. Kurz darauf sagte die Lehrerin der vierten Klasse ihren Schülern, sie habe einen geheimnisvollen schwarzen Koffer gefunden. Gemeinsam öffneten sie ihn und fanden darin ein Amulett, ein Fußballshirt, alte Landkarten und Fotos der Gegend. Die Kinder hatten so viele Fragen zu all diesen Gegenständen und dem geheimnisvollen Besitzer, dass alle, auch die Jungen, gern bereit waren, eine Geschichte über diesen Fund zu schreiben. Und natürlich war der Koffer kein Zufallsfund gewesen, sondern eine der Ideen des Experten, der vor Ort gewesen war, die Lehrerin hatte diese Idee aufgegriffen und die Eltern hatten verschiedene Gegenstände beigesteuert.

Kinder sollen sich schon in der ersten Klasse in Buchstaben und Worte verlieben. Mathematik soll als etwas das uns zu jeder Zeit umgibt begriffen werden. Das klingt so einfach und auch anstrengend …

Mathe ist absolut alltagsnah – wenn man es denn zulässt. Als ein Junge in Neuseeland einen Zahn verliert, fragt die Lehrerin ihn, wie viele Zähne ihm insgesamt noch ausfallen werden. Vor jedem Cross-Country-Lauf lösen die Kinder Aufgaben, die von rennenden Kindern handeln. Eines Nachmittags gehen die Lehrer die Brotboxen der Kinder durch. Wie viele haben Erdbeeren und Bananen dabei, was ist das beliebteste Obst, was mögen die Kinder am wenigsten? Und wenn man Kinder vom ersten Tag an ermutigt, sich in Buchstaben, Wörter und Geschichten zu verlieben, hat man es später sehr viel leichter. Eine wunderbare Idee fand ich in diesem Zusammenhang die Literaturparade, bei der sich alle Kinder einer Schule wie ein Charakter aus ihrem Lieblingsbuch verkleiden.

Sie berichten von Schlüsselkompetenzen, die Kinder in ihrer Schulzeit erreichen sollen. Welche sind das und wer hat sie festgelegt? 

Die Schlüsselkompetenzen sind im neuseeländischen Curriculum festgelegt: Denken, Symbole und Sprache benutzen, zu anderen in Beziehung treten, einen Beitrag leisten und sich selbst managen. Sich selbst managen, das bedeutet zum Beispiel, sich Ziele zu stecken, Pläne zu schmieden, sich selbst zu motivieren und zu wissen, wann man anführen, wann man folgen muss und wann es am besten ist, sich unabhängig von anderen zu machen. Das Curriculum gilt landesweit, Lehrer nennen es den Schirm, unter dem sich alle versammeln, und entstanden ist es auf eine absolut faszinierende Weise: Der erste Entwurf stammte von mehr als 15000 Schüler, Lehrer, Direktoren, Eltern, Wissenschaftler und Maori-Vertreter zusammen. Anschließend wurden alle Neuseeländer eingeladen, Anmerkungen zu machen. Ein aufwendiges Vorgehen, aber die Neuseeländer glauben eben, dass man in so einer wichtigen Angelegenheit wie der Bildung unbedingt einen Konsens braucht.

Das Spannungsverhältnis zwischen Elternhaus und Schule, das wir in Deutschland hinnehmen, existiert in Neuseeland nicht. Warum?

Sicherlich auch deshalb weil die Schulen sich selbst verwalten und im wichtigsten Schulgremium, dem Kuratorium, Eltern und Lehrer gemeinsam sitzen. In Neuseeland stehen Eltern nicht schimpfend vor dem Tor, weil die Turnhalle mal wieder von Vereinen belegt ist oder Lehrer fehlen. In Neuseeland sind Eltern, die etwas stört, nicht draußen vor der Schule, sondern sie sind drinnen, um etwas zu ändern. Im Kuratorium können sich alle stark engagieren. Und wer so eingebunden ist, beschwert sich weniger, weil er einerseits mehr Einblick in all die Schwierigkeiten hat, die das Management einer Schule mit sich bringt, und andererseits selbst etwas bewegen kann.

Und zum Schluss noch eine allgemeine Frage: was können wir vom neuseeländischen Bildungssystem lernen? 

Im Worldwide Educating for the Future Index, der die Zukunftstauglichkeit von Bildungssystemen in der ganzen Welt misst, belegte Neuseeland 2017 den ersten Platz. Und dabei ging es nicht darum, ob alle Schulen Wlan und Ipads haben (auch wenn das bei vielen der Fall ist). Der Fokus auf das 21. Jahrhundert zeigt sich darin, dass Kinder nicht einfach mit Wissen bestückt werden, denn so genau weiß man heute nicht mehr, was ein Kind lernen muss, damit es im Jahr 2050 gut zurechtkommt. Aber sicherlich werden künstliche Intelligenz und neue Technologien viel verändern und übernehmen. Deshalb fördert man an neuseeländischen Schulen das genuin Menschliche: Respekt, Empathie, Selbstbewusstsein und Kreativität. In Zeiten, in der sich die Welt so schnell verändert wie heute, ist gerade Kreativität besonders wichtig. Der Wunsch nach Perfektion steht ihr entgegen. Deshalb werden an neuseeländischen Schulen Fehler gefeiert.

»Was für ein großartiger Fehler!«, ruft die Lehrerin, als ein Mädchen im Matheunterricht ein falsches Ergebnis nennt. Weil hinter dem Resultat eine interessante Strategie steckt und der Fehler beweist, dass sich das Mädchen auf den Weg gemacht hat zum eigenständigen Denken. Und genau das ist es, was wir unseren Kindern beibringen müssen, um fürs 21. Jahrhundert vorbereitet zu sein.

bw // Foto: Christine Rogge

Verena Friederike Hasel: Der tanzende Direktor. Lernen in der besten Schule der Welt. Verlag: Kein & Aber. 20,00 EUR

Veranstaltungstipp:

Am Mittwoch, 6. Mai, 20 Uhr, hält die Autorin im DAI Heidelberg einen Vortrag zu ihrem Titel „Der tanzende Direktor“. Infos und Tickets unter: dai-heidelberg.de

 

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