Recycling oder warum ich mir eine Lehrerin neulich in die Restmülltonne wünschte

Restmülltonne

Das ist kein Müll, das sind Wertstoffe und immerhin ist dieses Zimmer aufgeräumt.


Liebe B.

 

Meine Kinder haben wunderbare Spielsachen. Leider  werden sie ausschließlich genutzt, um sie in der Mitte Kinderzimmers auf einen gemeinsamen Haufen zu werfen. Ausnahmen machen nur besonders spitze, kleine Legoteile, die sich farblich perfekt an ihre natürliche Umgebung Teppich anpassen und gerne im Halbdunkel der Dämmerung zuschlagen, um sich bis zur Fußknochenhaut zu bohren.
Ich schweife ab. Was ich eigentlich sagen wollte: Sie spielen nicht mit Spielsachen. Sie spielen am liebsten mit Müll. Ich weiß nicht, ob das eine Begleiterscheinung unserer Wohlstandsgesellschaft ist oder evolutionär bedingter Sammeltrieb. Vielleicht wollen meine Kinder damit auch subtil zum Ausdruck bringen, dass sie sich von mir vernachlässigt fühlen. Eine tiefergehende Analyse überlasse ich gerne den künftigen Therapeuten meines Nachwuchses. Ich bin vollauf beschäftigt mit den praktischen Auswirkungen.

Sicher ist: Ich finde manche Müllspiele durchaus kreativ. Wenn der Joghurteimer beispielsweise als Transportmittel an einen selbstgebauten Seilzug am Balkon gehängt wird, dann ist das irgendwie originell. Noch origineller wäre es, wenn der Joghurteimer vorher ausgespült worden wäre. Dann müsste ich nicht die Schimmelschicht von den schwer vermissten weißen Ballerinas abkratzen, die ich vier Tage später im Eimer am Seilzug auf halber Höhe zum zweiten Stock finde, weil sich die Nachbarn beschweren, dass da was vor ihrem Fenster baumelt.
Auch mit Papiermüll habe ich nicht so ein wahnsinnig großes Problem. Die Papiermülltonne lädt halt auch einfach ein zum Höhlebauen.

Bei Elektroschrott bin ich intolerant. Natürlich kann ich verstehen, dass ein kaputter Drucker am Straßenrand eine wahnsinnige Faszination auf einen Achtjährigen auswirkt. So groß, dass er es schafft, den Drucker fast einen Kilometer weit zu transportieren, obwohl er einen Schulranzen auf dem Rücken und eine Sporttasche in der Hand hält. Leider ist er nach dem Gebrüll, weil ich es nicht zulasse, dass der Drucker im Kinderzimmer auseinandergeschraubt und die Druckerpatrone gewaltsam geöffnet wird, so entkräftet, dass er ihn nicht mehr zurücktragen kann. Verständlich. Elektroschrott ist deshalb inzwischen absolut verboten. Und ich verweigere auch sämtliche Diskussionen, die mit dem Satz anfangen:
„Aber wenn ich ein nagelneues iPad auf der Straße finden würde, dann dürfte ich es schon mitbringen oder?“

In Sachen Sperrmüll ist es so eine Sache. Ich gestehe meinem Sohn ein gewisses Händchen im Finden von nützlichen Gegenständen durchaus zu. Leider gehen unsere Geschmäcker in Sachen Nützlichkeit weit auseinander. Ich finde verstaubte Trockenblumengebinde nicht so schön. Die Kinder schon. Ein Höhepunkt der Sperrmüllkarriere meines Sohne war, als er vor gut zwei Jahren aus meinem – zu Glück nur Schritttempo fahrenden  – Auto gestürzt hat, weil ich nicht bereit war, im strömenden Regen und bei Dunkelheit an einem Sperrmüllhaufen zu halten.

Ich war so wütend, dass ich nach Hause gefahren bin. Ohne Kind. Mit der Gewissheit, dass er es „so schon lernen würde“. Weit gefehlt.

Gut eine Stunde später stand das Kind vor der Tür, pitschnass, komplett verdreckt aber endlos glücklich und in den Händen … ein … Ding. Es war groß. Es war rosa und es bestand aus viel Plastik. Meine Tochter fiel ihrem Bruder jubelt vor Glück um den Hals. Was wäre ich für ein Monster gewesen, hätte ich dieses Glück, diese vollkommene Momentaufnahme von Liebe und Bewunderung einer Vierjährigen an ihren großen, starken Bruder, der tapfer einen ganzen Barbie-Pferdestall  für sie durch den Regen getragen hat, zerstört. Der Pferdestall wurde exakt einmal bespielt – an jenem Abend – und verstaubt seitdem auf dem Schrank. Ähnlich verhält es sich mit der Handpuppensammlung, der Plastikküche, dem Müllauto, dem Puppenwagen…

Aber ich bemühte mich in Folge des Barbie-Pferdestall-Erfolgserlebnisses wirklich um Toleranz für die Fundstücke der Kinder. Ich toleriert unglaublich hässliche gusseiserne Schirmständer vor unserer Haustür. Leider haben wir keinen Schirm. Ich toleriere auch das Ölkännchen aus Metall. Es ist zwar undicht, aber wenn man sich beeilt, kann man die Kakteensammlung (vom Sperrmüll), damit gießen, bevor unten alles raustropft. Und dem riesigen Nähkästchen fehlen zwar die Griffe, aber es beherbergt immerhin die Mineraliensammlung. Ich komme damit klar. Wirklich.

Womit ich nicht klarkomme, ist Restmüll. Und in dem Moment, als ich meinen Sohn dabei erwischte, wie er aus der öffentlichen Restmülltonne unseres Mehrfamilienhauses eine Mülltüte gezogen hatte und mitten auf dem Spielplatz aus Putzmittelresten, Nagellack und Duschgel ein „Experiment“ zusammenrührte, da ist mir der Kragen geplatzt.

Ja, ich gestehe, am liebsten hätte ich ihm die nagelneue und mit blauem Nagellack und Bleichmittel ruinierte Hose minutenlang um die Ohren gehauen. Natürlich habe ich mich auf lautstarkes Gebrüll beschränkt und dann ein für alle Mal ein komplettes Müllverbot ausgesprochen. Mit null Toleranz. Ab sofort.

FÜR IMMER und NEIN, DIE RASIERKLINGEN DARFST DU AUCH NICHT BEHALTEN!!!!

Danach war Ruhe. Fast ein Jahr lang. Himmlische Ruhe. Keine empörten Nachbarn mehr, die sich über meine Kinder in der Mülltonne beschwerten, keine Sammlungen mehr von undefinierten Gegenständen im Kindezimmer. Diese Phase war durch!

Zimmer1Bis zur Projektwoche in der Schule.
Das Thema: Recycling.
Der Auftrag der Lehrerin: Sammelt alle Recyclingmaterialien, die ihr finden könnt und bastelt daraus ein Zimmer.

Niemals hat sich mein Kind bislang mehr für ein Schulprojekt angestrengt. Niemals mehr Lob bekommen. „Der Junge hat so einen tollen Blick für die verschiedenen Materialien und für das Detail“, begeisterte sich die Lehrerin nach zwei Wochen intensivem Müllsammeln in riesigen Kartons. Ich habe sie mir gedanklich bis zum Hals in eine gigantische Restmülltonne gewünscht (tschuldigung, liebe Frau W.) .

Die Ergebnisse der Projektwoche werden gerade in der hiesigen Sparkasse ausgestellt. Auch die Angestellten dort finden sie großartig.

Und ich?

Ich habe resigniert, denn sobald ich nun das Sammeln von Gegenständen, die ich eindeutig als Unrat identifiziere, zu unterbinden versuche, zitiert mein Sohn jetzt Onkel Titus aus den drei ???:

„Das ist kein Müll, das sind Wertstoffe!“

16. Juli 2014

1 Kommentar

Oh Gott, das kenne ich.
Man bringt den Kindern bei dass man nicht immer alles neu kaufen muss um zu basteln (ein Eierkarton, ein paar Stöcke, Waldmaterialien findet man immer…), also darf man nichts (!) mehr wegwerfen, man könnte ja noch damit basteln……
Die Kinder bringen Tonnen an Kieselsteinen mit nach Hause, als wollte man eine vier Meter hohe Mauer im Garten errichten, mit den Stöcken kann man den Kölner Dom in Originalgrösse nachbauen… Aber wehe es folgt der Satz „wir haben doch genug…“ Das Drama ist vorprogrammiert…..

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