Von Raumanzügen und Videokonferenzen

Das Wochenbett in der Coronakrise

Dass es keine 35 Salutschüsse sein würden, welche die Ankunft meines wunderschönen Kindes zelebrieren, konnte ich soweit noch recht gut mit meinen Vorstellungen vereinbaren. Dass aber nicht einmal die engste Verwandtschaft  zur Begrüßung kommen durfte schmerzte. Und als Frischentbundene  konnte ich durchaus mitreden,  was das Thema „Schmerz“ anbelangt.

Über die erste Freude, endlich zu dritt zuhause zu sein, legte sich schnell die Ernüchterung coronabedingt keinen Besuch empfangen zu können und niemandem das Baby vorstellen zu dürfen. Jede eintrudelnde Glückwunschkarte ließ hierbei sowohl das Hormonfass als auch meinen Tränenkanal ungehindert überlaufen.  Ein Baby zu bekommen und es niemandem zeigen dürfen fühlte sich an wie auf den Mond geflogen zu sein und den Raumanzug zuhause auf dem Küchentisch liegen gelassen zu haben.

Als frischgebackene Eltern eines winzigen Wunders mit einer gar nicht so winzigen Vorerkrankung war uns nur allzu bewusst, wie eng die Gesundheit dieses kleinen Menschen mit unserer Vorsicht verknüpft ist.

Doch was tun, in diesen Zeiten der Jahrhundertpandemie?

Den Gedanken, dass Baby schnell wieder dorthin zurückzustopfen, wo es hergekommen ist, verwarf ich recht schnell wieder. Schließlich hatte ich mir ja redlich Mühe gegeben, es dorthin zu bringen, wo es nun war.

Risiken einzugehen stellte für uns allerdings auch keine Option dar. Es war daher schnell klar, dass außer unserer begnadeten Hebamme kein Besuch empfangen werden würde.

Ich freute mich deshalb schon Tage im Voraus darauf, meinen durch die Geburt gebeutelten Körper in Szene zu setzen und stolz den Windelinhalt meines Neugeborenen zu präsentieren. Am liebsten hätte ich diese wunderbare Frau gar nicht mehr gehen gelassen. Da aber die vorgeführten  vielgestaltigen Hinterlassenschaften des Babys wie auch sein sonstiges Verhalten keinerlei Vorwand für noch längere Begutachtungen lieferten, musste ich wohl oder übel die Babywagenbarrikade vor der Haustür abbauen und sie ziehen lassen.

An manchen Tagen deprimierte mich die Isolation so sehr, dass ich mitsamt Baby auf dem Arm dem Postboten vor dem Haus auflauerte, nur um ihm ganz zufällig mit ausreichend Distanz und Mundschutz das Kleine zu präsentieren. Die Frage, weshalb ich außerhalb des Gebäudes Hausschuhe trug, wagte dabei keiner von uns zu stellen.

Glücklicherweise bin ich aber nicht nur mit dem wundervollsten Mann überhaupt gesegnet, sondern auch mit einem, der für jedes Problem eine Lösung hat und für jeden emotionalen Notstand seiner Partnerin nachsichtiges Verständnis zeigt. Dieser Kombination ist es zu verdanken, dass im Wochenbett nicht nur für mein leibliches Wohl stets gesorgt war, sondern auch für mein mentales.

So kam es, dass der wundervollste Mann Weib und Kind einfach ins Auto packte und die Großeltern besuchen fuhr. Wer sich hierbei ein großes Wiedersehen mit Tränen, Küssen und Umarmungen vorstellt, hat eine ähnlich blühende Fantasie zu Coronazeiten wie ich. Tränen gab es, Küsse und Umarmungen nicht. Die Fensterscheiben blieben oben, die Türen geschlossen. Aber immerhin konnte so zumindest ein liebevoller Blick auf das ersehnte Enkelkind geworfen werden. Dass dieses dabei dösend in die Babyschale vor sich hin sabberte, tat der Begeisterung keinen Abbruch.

Die folgenden Tage und Wochen waren geprägt von Bildnachrichten und Videoanrufen. Es gab emotionale und rührselige Gespräche mit der besten Freundin, zwanzigminütige Sprachnachrichten mit der Lieblingscousine, Videositzungen mit Onkels, Tanten und Kollegen. Zwischenzeitlich fragte ich mich schon, ob das Baby irgendwann mit einem Schmusesmartphone statt einem Teddy ins Bett gehen würde, da ersteres so offensichtlich für das liebende familiäre und freundschaftliche Miteinander stand. Aber wie könnte man dies jemandem verübeln, der vermutlich davon ausgeht, dass alle Menschen im Supermarkt nur ein halbes, aus Augen bestehendes Gesicht haben und weder über Mund noch Nase verfügen.

Doch ein Gutes hatten diese Videoanrufe immerhin. Die gekonnte Überbelichtung der Handykamera ließ Übermüdungsaugenringe  schneller verschwinden als jedes Pflegeprodukt und der Spuckfleck der letzten Stillmahlzeit konnte auf dem kleinen Display gut und gerne als fesche Brosche durchgehen.

Und trotzdem konnten die virtuellen Treffen die persönlichen nur in sehr begrenztem Maße ersetzen. Wie gerne hätten wir unser Kleines stolz herumgereicht, es der Uroma auf den Arm gegeben, der besten Freundin sein weiches duftiges Haar gezeigt, dem Opa seine stattlichen Rülpser vorgeführt.

Stattdessen mussten wir uns damit begnügen, dem kleinen Wesen Stimmen auf dem Telefon vorzuspielen und von all den Menschen zu erzählen, die sehnsuchtsvoll an es denken. Und ja – das tat weh und tut es zuweilen immer noch. Wir können die Uhr nicht zurückdrehen und diese intensive Zeit des Anfangs nochmals persönlich mit den Menschen teilen, die uns wichtig sind. Wir können sie nicht den Neugeborenenduft der ersten Tage und Wochen wahrnehmen lassen und wir können unserem Baby nicht rückwirkend das große Willkommenheißen ermöglichen, welches es eigentlich verdient hätte.

Was wir aber auch in Zeiten der Jahrhunderpandemie tun können ist, unserer Tochter zu erzählen, wie sehr sie geliebt wird und erwartet wurde, wie viel sie all den Menschen bedeutet, die sie noch nicht kennenlernen oder halten durften und wie unglaublich glücklich sie Freunde und Verwandte mit ihrer Ankunft auch auf Distanz gemacht hat.

Die Liebe lässt sich nicht von Masken, Autofenster oder Smartphonedisplays zurückhalten, sie braucht keine Salutschüsse und kennt auch kein „social distancing“.

Und noch einen großen und oftmals verkannten Vorteil hat die Liebe: wenn wir irgendwann einmal auf den Mond fliegen sollten, so können wir sie ganz sicher nicht auf dem Küchentisch liegen lassen.

Text: miru // Foto. AdobeStock

 

 

 

 

 

 

11. Januar 2021

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