„Wir sollten die Schule nicht so ernst nehmen“

Sehr geehrter Herr Prof. Hüther. Für viele Familien steht eine gute Schulbildung an wichtigster Stelle. Für Kinder ist aber nicht nur das Lernen, sondern auch der Kontakt zu anderen Kindern im schulischen Umfeld grundlegend, um sich gut und gesund zu entwickeln. Heute, im zweiten Lockdown, leiden die Familien massiv unter den Schulschließungen, Eltern fühlen sich überfordert, Lehrer nicht ausreichend unterstützt, Kinder und auch Jugendliche fühlen sich einsam und alleingelassen. Das ganze System von Familie und Schule, auf dem unser Leben beruht, ist aus dem Gleichgewicht geraten. In Ihrem neuen Buch „#EducationForFuture“ bekommen wir aber nun den Eindruck, dass Schulen, so wie sie jetzt sind, sinnlos sind. Dass unsere Kinder hier nichts lernen, was sie für das spätere Leben brauchen. Sollen wir uns also von dem System Schule verabschieden?

Kinder entwickeln ihre ganzen Fähigkeiten nicht dadurch, dass man sie unterrichtet, sondern indem sie spielerisch ausprobieren, gemeinsam mit anderen. Es ist verständlich, dass sich Eltern bemühen, ihren Kindern eine gute Zukunft zu ermöglichen. Und da diese Eltern ja selbst durch so ein Schulsystem gegangen sind, wie es auch heute noch existiert, können sie sich gar nicht vorstellen, dass das, was damals so entscheidend war, heute weniger wichtig ist. Deshalb kann es hilfreich sein, sich selbst noch einmal zu fragen, worauf es wirklich ankommt, damit Kinder später glücklich werden und ihnen das Leben gelingt. Und dann werden wohl die meisten, wenn sie ehrlich sind, vor sich selbst zugeben, dass es viel wichtiger wäre, dass ihr Kind ganz andere Dinge, andere Fähigkeiten lernen sollte.

Welche Fähigkeiten wären das?

All das, was Kinder und Jugendliche brauchen, um sich später im Leben zurechtzufinden und glücklich zu werden, lässt sich nicht unterrichten und schon gar nicht mit Zensuren bewerten. Dazu gehören auch die sogenannten exekutiven Frontalhirnfunktionen, also die Fähigkeit, Handlungen zu planen, die Folgen seines Handelns abzuschätzen, Impulse zu kontrollieren und Frust auszuhalten, auch Einfühlungsvermögen und Mitgefühl. Auch die Fähigkeit, sich selbst immer wieder zu hinterfragen, sich auf neue Erfahrungen einzulassen, offen und beziehungsfähig zu sein.

„Bildung für ein gelingendes Leben erwirbt niemand in der Schule“

Mit diesen Fähigkeiten kommt kein Kind auf die Welt, aber alle können sie erwerben – und die dabei im Frontalhirn entstehenden neuronalen Netzwerke aufbauen -, wenn ihnen Gelegenheit geboten wird, die dazu erforderlichen Erfahrungen im eigenen Tun und gemeinsam mit anderen zu machen. Bildung für ein gelingendes Leben erwirbt niemand in der Schule. Wie das Leben geht, kann man nur im wirklichen Leben lernen.

Ist echtes Lernen im Home-Schooling überhaupt möglich?

Nur eingeschränkt und sehr unterschiedlich. Je nach Kind. Ist Ihr Kind am Erwerb von Wissen interessiert dann gelingt das auch zuhause. Denn um reines Wissen korrekt zu vermitteln, eignen sich digitale Methoden sehr gut. Es gibt aber viele Kinder, die nur durch die Bindung zu Lehrerinnen und Lehrern lernen, die sich engagieren und das Interesse wecken. Wenn Sie selbst eine Schule gestalten könnten, wie würde das Bildungssystem darin aussehen? Schulen und auch die dort tätigen Lehrpersonen würde ich von allem entlasten, was dort gar nicht leistbar ist. Bildung für ein gelingendes Leben wäre dann eine zivilgesellschaftliche Aufgabe und müsste dort stattfinden, wo das Leben stattfindet. Ich würde also dafür sorgen, dass in Schulen künftig kompetent und verlässlich genau das gemacht wird, was dort alle können, worin sie ausgebildet worden sind und wofür Schulen ja auch da sind: Aufbewahrung (das nennen die Politiker „volle Unterrichtsversorgung“), Ausbildung (also Unterricht und Belehrung über all das, was sich mit Hilfe von Belohnungen und Bestrafungen unterrichten lässt) und Selektion (also Auswahl jener Schüler, die sich für eine weitere Ausbildung in bestimmten Bereichen und den späteren Einsatz in entsprechenden Berufen besser eignen als andere). Solchen Schulen könnten sich dann allerdings nicht mehr als „Bildungseinrichtungen“ bezeichnen.

Was können Eltern, Erzieher, Lehrer und Mentoren sofort im Alltag unternehmen, um die Schwächen des Bildungssystems auszugleichen?

Es würde ja reichen, wenn diese Personen und wir alle endlich damit aufhören, der Schule so eine immense und überwältigende Bedeutung zuzuschreiben. Einfach einen Gang runterschrauben. Durchatmen und statt Unterricht auch mal einfach wieder in den Wald gehen.

 

„Die Debatte um Schulschließungen dreht sich für mich viel zu sehr
um die Bedürfnisse der Eltern“

Wer oder was zwingt uns, die Schule so furchtbar ernst zu nehmen, uns oft sogar zum Erfüllungsgehilfen dortige Lehrpläne und Vorgaben zu machen und unsere Kinder und Jugendlichen auch noch selbst unter Druck zu setzen und sie am spielerischen Erkunden ihrer eigenen Möglichkeiten zu hindern, weil sie dafür gar keine Zeit mehr haben? Die ganze Debatte um Schulschließungen dreht sich für mich viel zu sehr um die Bedürfnisse der arbeitenden Eltern und die spätere Berufsausübung der Kinder. Aber das Jetzt, das Heute spielen keine Rolle mehr. Wo und wie Kinder und Jugendliche lernen sollen, ihre lebendigen Bedürfnisse zu stillen, scheint kaum jemand zu interessieren. Ob es wirklich so kommt, dass durch die Corona-Maßnahmen eine ganze Generation später vielleicht einen kleinen Teil Einkommen verliert, ist keinesfalls sicher. Dass ihnen aber eine ganze Menge stärkende Erinnerungen an eine lebendige und schöne Kindheit fehlen werden, ist leider gewiss. bw // Fotos: AdobeStock; Michael Liebert

Ein Hirnforscher, ein Sozialpädagoge und ein Sportmanager schreiben zusammen ein Buch darüber, wie Bildung gelingen kann: #Education For Future. Erschienen im Goldmann Sachs Verlag, 2020, 22.- Euro

30. März 2021

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