Die Vielleserin

Kinder mögen keine Bücher und Jugendliche lesen nicht gern? Von wegen! Mirai ist 13 Jahre alt und Buch-Bloggerin. Auf lass-mal-lesen.blog stellt sie neue Romane und Sachbücher für Kinder und Jugendliche vor. Ihrem Instagram Account @lesehexemimi folgen inzwischen über 4000 Fans, 2019 wurde Mirai als Preisträgerin der Stiftung Lesen mit dem Deutschen Lesepreis ausgezeichnet. Zwei bis drei Rezensionen pro Woche stellt Mirai online und lädt auch immer wieder Gast-Autoren und Schreiber ein. Wie ihre kleine Schwester Juna. Oder Freunde, die Krimis oder Pferdebücher für sie lesen und rezensieren, die sind nicht so ihr Fall. Aber ansonsten: her mit den Büchern! Sie sind zum Verlieben und außerdem riechen sie gut (Zitat Mirai). Wir haben uns mit der 13-Jährigen über ihre Lieblingsbücher, die Schule und ihren erfolgreichen Protest gegen „Gender-Tische“ in Buchhandlungen unterhalten.

Liebe Mirai, wie viele Bücher liest Du in der Woche?

Das ist schwierig zu sagen. Es kommt darauf an, was sonst noch so los ist. Ob zum Beispiel in der Schule viele Arbeiten anstehen oder gerade Ferien sind. Im Monat lese ich etwa zehn bis 20 Bücher. Auf deinem Blog „Lass mal lesen!“ stellst Du nicht nur die neusten Bücher vor,sondern du schreibst auch Rezensionen und interviewst Autorinnen und Autoren. Ganz schön viel Programm für eine 13-Jährige, die auch noch auf einem Berliner Gymnasium in einer Schnelllerner-Klasse ist. Wie schaffst Du das alles?

Eine gute Frage … Ich könnte sicherlich noch mehr für die Schule machen und ich habe auch einige Hobbys zwischenzeitlich aufgegeben, um mich auf den Blog konzentrieren zu können. Das Lesen läuft bei mir so nebenbei und für die Rezensionen nehme ich mir dann die notwendige Zeit. Außerdem habe ich verschiedene Gastautor*innen, die für Lass mal lesen! ebenfalls Bücher lesen und rezensieren. Interviews sind eher eine Ausnahme, weil sie wirklich viel Arbeit machen, vor allem in der Nachbereitung. Die könnte ich nicht am laufenden Band produzieren.

Du liest seit Du 5 Jahre alt bist, hast Du erzählt. Wie kam die Idee zu einem eigenen Blog?

Seitdem ich sieben Jahre alt bin, fahre ich jedes Jahr auf die Leipziger Buchmesse. Mit sieben Jahren fing ich auch an, erste Rezensionen zu schreiben – für einen Berliner Buchladen, eine Berliner Buchhandelskette und den Bastei Lübbe Verlag. Die haben meine Rezis dann auf ihren Websites veröffentlicht. 2018 durfte ich auf der Leipziger Buchmesse Sabine Städing interviewen, sie ist die Autorin der erfolgreichen „Petronella Apfelmus“-Reihe. Die Idee hatte eine Frau vom Verlag. Während des Interviews wurden Sabine und ich dann von unseren Plätzen am Verlagsstand vertrieben, weil dort ein Blogger-Event stattfinden sollte. Das fand ich spannend. Ich dachte: Wow – eine Bestsellerautorin muss für so eine Veranstaltung weichen, diese Leute müssen wichtig sein. Ich wusste damals noch gar nicht so richtig, was Buchblogger*innen genau machen. Später kam ich dann mit einer Buchbloggerin ins Gespräch. So entstand die Idee, einen eigenen Blog zu gründen. In den Osterferien fiel dann auch noch der Kunstkurs aus, den ich eigentlich besuchen wollte. Stattdessen habe ich mir dann den Blog gebaut und erste Rezensionen hochgeladen (das waren die, die ich schon geschrieben hatte) und natürlich das Interview mit Sabine Städing.

Wer Dir auf Instagram folgt oder deinen Blog liest, kommt schnell zu der Info: Du liebst das Lesen. Und Du liebst Bücher. Was ist so toll am Lesen?

Bücher bringen uns zum Lachen und zum Weinen, sie nehmen uns mit in andere Welten, in andere Zeiten und an andere Orte. Beim Lesen kann man entspannen, aber auch Abenteuer erleben. Man fiebert mit seinen Charakteren mit und verliebt sich mit ihnen. Bücher sind eine Bereicherung und alle, die noch nie ein Buch in der Hand gehalten haben, haben definitiv etwas verpasst. Bücher eröffnen uns neue Möglichkeiten  – und außerdem riechen sie auch gut.

Wen willst du mit deinem Blog erreichen?

Kinder, Jugendliche, Eltern, Lehrkräfte. Menschen, die gerne lesen und nach guten Buchtipps suchen – und Leute, die vielleicht erst noch für das Lesen begeistert werden müssen.

„Normale“ Jugendliche lesen angeblich so gut wie keine Bücher mehr. Bist Du in Deinem Freundeskreis eine Ausnahme?

Nein. Ich habe eine ganze Reihe von Freunden und Freundinnen, die auch sehr gerne lesen.

Dein Blog heißt „Lass mal lesen!“ – wie bist Du auf den Namen gekommen?

Das weiß ich gar nicht mehr. Die Idee war plötzlich da. Man sagt ja auch „Lass mal nach Hause gehen“, „Lass mal telen“ oder „Lass mal zocken“. Darum dachte ich: Warum nicht auch „Lass mal lesen!“ Ich wollte gerne einen „lässigen“ Namen für meinen Buchblog haben, der kurz ist, und  vor allem Kinder und Jugendliche anspricht.

Und Dein Feed auf Instagram heißt: Lesehexemimi. Was bedeutet das?

Als meine Schwester klein war, konnte sie meinen Namen noch nicht aussprechen und hat mich Mimi genannt. Auch später und manchmal macht sie das auch noch heute. Als ich die ersten Buchkritiken für den Verlag und die Buchläden schrieb, wollten meine Eltern nicht, dass die unter meinem richtigen Namen erscheinen, weil der eben ziemlich selten ist und ich erst sieben Jahre alt war. Weil ich damals Bücher über Hexen, Zauberer und Magie liebte, kamen wir auf Lesehexe Mimi. Bei der Anmeldung meines Blogs habe ich den Namen dann als Usernamen angegeben und einen Monat später auch meinen Instagramaccount so genannt. Ich habe damals keine Sekunde darüber nachgedacht. Ich hätte mir aber auch nicht träumen lassen, dass ich mit dem Account irgendwann mal über 4000 Follower haben würde.

Große Aufmerksamkeit hast Du – gemeinsam mit anderen Kindern und Jugendlichen – für eine Kampagne in den sozialen Medien bekommen. Unter @young_bookstagram habt ihr gegen die „Gender-Tische“ in Buchhandlungen demonstriert. Wie kam es dazu und hat sich seitdem etwas verändert?

Das erste Mal sind mir im Januar 2019 in einer Thalia-Filiale „Mädchen“- und „Jungstische“ aufgefallen. Ich habe die fotografiert, auch geschrieben, was ich davon halte und die Bilder auf Instagram in meiner Story gepostet. Und damit anscheinend ins Schwarze getroffen. Viele Leute haben darauf reagiert und das dann wieder in ihren Storys geteilt. Im Herbst 2019 hat dann ein anderer Bookstagramer, Daniel, in der Filiale in Nürnberg auch solche Tische gesehen und ebenfalls darüber berichtet. Kurz darauf haben wir Young Bookstagram gegründet und dann schnell beschlossen, dass wir etwas gegen Gendermarketing im Buchhandel unternehmen wollen. Wir haben einen offenen Brief verfasst und ich habe ihn in der Marketingzentrale von Thalia übergeben. Außerdem haben wir ihn auf unserem Instagram-Account @young_bookstagram gepostet. Daraufhin gab es sehr viele Reaktionen. Wir bekamen über 500 (fast nur positive) Kommentare und mehr als 3000 Likes. Viele Medien haben uns kontaktiert. Wir waren damit in verschiedenen Tageszeitungen, im NDR Kulturjournal, bei KiKA und auch im ZEIT Magazin. Eine bekannte erwachsene Buchbloggerin, Karla Paul, hat über uns berichtet und auch verschiedene Branchenblätter wie zum Beispiel Buchmarkt. Auf der Internetseite vom Börsenblatt wurde schließlich ein Text von der Pressesprecherin von Thalia veröffentlicht. Darin schrieb sie, dass sie für solche Denkanstöße dankbar sind und Bücher künftig nur noch thematisch sortieren wollen.

Uns fällt auf, dass Du auch Sachbücher liest und vorstellst, auch feministische Literatur. Hast Du ein Lieblingsgenre?

Nicht wirklich, das ist immer sehr schwer zu sagen. Ich mag eigentlich fast alle Genres, außer Thriller und Pferdebücher. Ich lese querbeet, wechsel aber dabei gerne mal ab, also z.B. nach einem traurigen Buch ein lustiges Kinderbuch, dann einen Romantasy-Roman und dann vielleicht einen Krimi. Auch Sachbücher lese ich und ja, auch mit dem Thema Feminismus habe ich mich schon beschäftigt.

Typische Mädchenbücher – typische Jungenbücher. Gibt es das überhaupt?

Nein, es gibt keine „typischen Mädchenbücher“ und auch keine „typischen Jungenbücher“. Bücher sind für alle da. Meiner Meinung nach gibt es keinen Bezug zwischen Körperteilen und Interessen.

Und in den Sommerferien: machst Du eine Lesepause? Oder ist das die beste Lesezeit für Dich?

Kommt darauf an, was ich selbst und wir als Familie noch so vorhaben. Aber generell sind die Sommerferien für mich eine super Lesezeit.

Und noch in einem Satz: Lesen bedeutet für mich …

… andere Welten zu entdecken!

bw // Fotos privat, Maurizio Gambarini.

Mirais Blog:
lass-mal-lesen.blog

Mirai auf Instagram:
@lesehexemimi
@young_bookstagram

 

 

 

 

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