Herausforderung Homeschooling

Es ist kompliziert mit der Konzentration im Homeoffice, wenn nebenan zwei Kinder Schulaufgaben per Mail bekommen, sich darum streiten, wer zuerst was druckt, der Drucker nicht macht, was er soll, die Kinder die E-Mails nur zur Hälfte lesen, und dann erst mal irgendetwas nicht verstehen. Und dann ist das Druckerpapier auch wieder alle, karierte Hefte sind aus. Nein, ich habe keinen Klebstift. Nein, es gibt jetzt noch nichts zu essen. Ja, ich helfe dir gleich. Nur einen Moment, ich habe erst Zoom-Konferenz. Warte, nein JETZT NICHT!

Es ist doch ohnehin schon anstrengend im Homeoffice, weil die Internetverbindung so oft hakt und dann alles endlos lange dauert. Klicken, warten, hoffen. Und der Alltag von Eltern ist schließlich schon ohne Corona-Krise eine permanente Herausforderung. Der ständige Spagat zwischen Arbeit, Kindern, Schule und Haushalt erfordert grundsätzlich ein Höchstmaß an Organisation. Wenn diese Eltern jetzt neben ihren beruflichen Tätigkeiten über Wochen ihre Kinder unterrichten, dann stoßen selbst die geduldigsten und strukturiertesten an ihre Belastungsgrenzen. Und dabei spielt es keine Rolle, wie engagiert und motiviert sich zahlreiche Schulleitungen und Lehrer in dieser Situation eingebracht haben und es weiterhin tun. Das haben viele zweifellos. Die Klassenlehrerin, die einmal wöchentlich bei ihren Schützlingen daheim anruft und sich erkundigt, wie sie zurechtkommen. Der Klassenlehrer, der jeden Donnerstag eine kurze Mail von seinen Schülern möchte, in der sie schreiben sollen, wie es ihnen geht, und die er selbstverständlich beantwortet. Der Physiklehrer, der sich originelle Experimente einfallen lässt, die die Kinder auch daheim basteln können. Der Grundschullehrer, der gleich mehrere Lernplattformen bedient und virtuellen Unterricht macht – es gibt so viele positive Beispiele.

Wahr ist aber auch, dass eine Vielzahl von Lehrern einmal pro Woche einen Aufgabenzettel per Mail verschickt und eine Woche später lediglich die folgende Rückmeldung erwartet: „Herr Lehrer, ich habe meine Aufgaben gemacht.“ Sonstiger Austausch? Fehlanzeige.

Am Beginn dieser Krise war das verständlich, die Situation schließlich für alle ganz neu. Aber nach sechs Wochen ist das zu wenig. Was spricht denn dagegen, sich eine Erdkunde-Hausaufgabe mal per Foto schicken zu lassen oder das Interview, das der 14-Jährige schreiben sollte, per E-Mail. Erst nach fünf Wochen Homeschooling mit zwei Gymnasialkindern hat der erste Lehrer ein Skype-Meeting mit der Klasse anberaumt, sich dann aber leider im Tag vertan und gewundert, dass kein Kind online war. Passiert. Die Situation ist schließlich für alle neu und auch Lehrer können nur mit den technischen Plattformen arbeiten, die ihnen die Schule anbietet. In unserem konkreten Fall ist das ein Mailprogramm, das aussieht wie aus dem vorigen Jahrhundert, und eine Lernplattform, die sich regelmäßig aufhängt. Auch hier: Klicken, warten, hoffen. Abgesehen davon hat ein Lehrer an einer weiterführenden Schule schließlich nicht nur eine einzige Klasse, sondern viele, und wenn er dann noch eigene Kinder daheim hat und sein Internet gerade schwächelt, ist auch für ihn das Chaos perfekt.

Andererseits wird auch von allen anderen Arbeitnehmern erwartet, dass sie genauso produktiv arbeiten wie zu Nichtkrisenzeiten. Oder sich gar darüber hinaus anstrengen, weil sie mit besonderer Kreativität auf die Krise reagieren müssen. Und wenn dann das WLAN im Homeoffice mal wieder über Stunden lahmt oder das System gerade mal wieder nicht funktioniert – dann ist halt nichts mit Feierabend, dann muss das eben später gemacht werden und zur Not auch mal abends um zehn oder morgens um sechs.

Und so bin ich eben doch irritiert, wenn von einer Lehrerin gar keine Wochenaufgabe kommt und sie sich eine Woche später damit entschuldigt, ihr Internet hätte nicht funktioniert. Ernsthaft? Schon mal was von Hotspot gehört? Und ich finde auch, dass die Kinder erwarten dürfen, dass die Arbeitsmaterialien, die per Anhang mitgesendet werden, wenigstens so scharf abfotografiert sind, dass sie die Schrift entziffern können.

Gleichzeitig wird von den Schülern schließlich ganz selbstverständlich erwartet, dass sie zuhause die technischen Möglichkeiten haben, um E-Mails zuverlässig abzurufen und zu beantworten und dass sie in der Lage sind, Arbeitsblätter auszudrucken. Nicht jede Familie hat doch aber wie selbstverständlich einen Drucker daheim und ein bis zwei Endgeräte parat, damit jedes Kind versorgt ist und die Eltern nebenher arbeiten können. Und einige Kinder haben nicht nur kurz mal eine Woche kein Internet, sondern nie. Wie der Junge, der nur alle paar Tage mal zum Schwager seines Vaters gehen, auf dessen Handy seine Schulaufgaben aufrufen und sie schnell abschreiben kann. Per Hand.

Es ist eigentlich auch ein Hohn, dass von Kindern, die gerade eben der Grundschule entwachsen sind, plötzlich erwartet wird, dass sie mit all diesen technischen Dingen souverän umgehen können. Nur weil ein Kind „Fortnite“ auf dem Handy daddeln kann und im WhatsApp-Klassenchat ist, weiß es doch noch lange nicht, wie man Dateien und Fotos in Lernplattformen hochlädt und Mails anständig beantwortet. Und viele Kinder mussten das ja auch nicht wissen, weil es für die Schule noch nie eine Rolle gespielt hat. Im Gegenteil. Es war ja gar nicht erwünscht!

Und so darf von allen Lehrern erwartet werden, dass sie ihren eigenen technischen Wissensstand jetzt ebenso Stück für Stück an die Ansprüche anpassen, die in diesen Zeiten an die Schüler gestellt werden, beziehungsweise an die Eltern, die den Kindern den Umgang erst mal beibringen, nachdem sie ihn sich selber beigebracht haben.

„Eltern sind grundsätzlich keine geeigneten Lehrer“

Und es muss möglich sein, dass Lehrer zumindest stichprobenartig bei einigen Kindern die Wochenaufgaben auch mal kontrollieren. Wenigstens bei denen, die schon ohne Krise Sorgenkinder sind, weil sie eben keine Unterstützung aus dem Elternhaus bekommen – aus welchen Gründen auch immer. Eltern sind außerdem grundsätzlich keine geeigneten Lehrer und erst recht nicht für ihre eigenen Kinder, und Eltern können nicht einfach mal eben Schulunterricht ersetzen und schon gar nicht neben der Arbeit.

„Deshalb ärgert mich der Begriff Homeschooling auch so sehr“, berichtet eine dreifache Mutter per FaceTime, während zwei ihrer Kinder im Hintergrund herumspringen. „Homeschooling bedeutet, dass ich entscheide, welche Inhalte ich meinen Kindern wie vermittle, und dafür den ganzen Tag Zeit habe.“ In diesen Zeiten bedeutet Homeschooling aber letztlich, dass Lehrer Aufgaben vergeben und Eltern dafür sorgen müssen, dass sie erledigt werden. Wie auch immer. Und dabei spielt es auch keine Rolle, dass zahlreiche Eltern in sozialen Netzwerken berichten, wie „toll“ das daheim bei ihnen alles läuft, weil Mama sich drei Stunden Zeit einplant und die lieben Kleinen dann ganz fleißig ihre Grundschulhausaufgaben machen. Tatsächlich ist – so wie es in diesen Zeiten eine gehörige Menge an selbsternannten Virologen gibt – auch urplötzlich eine Elternschaft auferstanden, die ganz ohne Lehramtsstudium offenbar alles kann und deshalb auf Twitter in langen Threads ungefragt über persönlich ausgedachte, pädagogische Konzepte fürs Einzelkind referiert und anderen Familien zur Nachahmung empfiehlt. Dabei scheinen jene Eltern in ihrer pädagogischen Begeisterung vollkommen zu vergessen, dass die breite Elternmasse derartige Kompetenzen nicht hat, der überwiegende Rest leider arbeiten muss, bei vielen beides gleichzeitig der Fall ist und man Kinder ab einem gewissen Alter auch nicht mehr mit Gummibärchen zum Mathemachen motivieren kann.

Und man kann übrigens auch den Schülern keinen Vorwurf machen, wenn sie es nicht schaffen, alles zu verstehen, obwohl der Lehrer sogar noch den Link zu einem YouTube-Video mitgeschickt hat. Und wenn sie es nicht schaffen, alles strukturiert abzuarbeiten. Es sind Kinder! Und man kann ihnen erst recht keinen Vorwurf machen, wenn sie nach zehn Wochen wirklich überhaupt keine Lust mehr haben „weil es ja eh keinen interessiert“, ob sie ihre Aufgaben erledigen oder nicht. Was natürlich nicht stimmt. Aber erklär‘ das mal einem Pubertierenden, der seit Wochen keine Freunde getroffen hat, den ganzen Tag zuhause abhängt und permanent seine Eltern um sich herumhat. Und der noch nicht eine einzige Aufgabe, die er in den vielen Wochen erledigen musste, an einen einzigen Lehrer zurückschicken sollte.

„Schluss mit unleserlichen Kopien und verwackelten Arbeitsblättern“

Es ist anstrengend für alle. Und sicherlich tut ein Großteil der Beteiligten, was er kann. Schulleitungen, Lehrer, Eltern, Kinder. Die meisten geben sich eine gewaltige Mühe, diese Krise bestmöglich zu bewältigen. Und niemand ist perfekt. Umso wichtiger ist es, jetzt ganz genau hinzuschauen, wo es am meisten hakt, und sich jetzt Lösungen dafür zu überlegen. Sicher ist, der Lehrplan kann im September nicht einfach „normal“ weitergehen. Es wird Zeit dauern, alle Kinder wieder einigermaßen auf einen Kurs zu bringen, damit niemand in dieser Krise verloren geht. Es muss jetzt damit begonnen werden, Prioritäten im Lehrplan festzulegen, die einzelnen Lehrer dürfen mit solchen Entscheidungen nicht allein gelassen werden. Es muss selbstverständlich werden, dass alle Schüler Tablets zum digitalen Arbeiten zur Verfügung haben. Es muss selbstverständlich werden, dass alle Lehrer damit genauso lernen zu arbeiten, wie die Kinder. Und das ganz unabhängig davon, ob die Lehrer das wollen oder nicht. Und wer es alleine nicht kann, der braucht Unterstützung. Es müssen schnell gute, einheitliche und einfach zu bedienende Lernplattformen geschaffen werden, in denen Gruppen oder Klassen zusammenarbeiten können. Letzteres nicht nur manchmal, sondern ständig.

Es muss Schluss sein mit unleserlichen Kopien und verwackelten Arbeitsblättern. Und es muss jede Schule dabei unterstützt und gleichzeitig dazu verpflichtet werden, diese Ziele zeitnah umzusetzen. Es eilt. Es eilt schon lange, aber wenn eines an dieser Krise positiv ist, dann sicherlich das, dass inzwischen der Letzte begriffen haben sollte, dass unser Bildungssystem im Sinne der Chancengleichheit umgehend umgekrempelt werden muss und dass das ohne eine flächendeckende Digitalisierung an Schulen nicht geht.

shy // Fotos: Pixabay, Adobe Stock

 

3. Juni 2020
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