Es geht auch anders

Es ist ein strahlend heller Herbsttag. Die Sonne lässt die Blätter der Bäume leuchten, es sind 20 Grad, als wir uns im Zentrum des Städtchens Schriesheim im Café „mittendrin“ treffen. Das luftige und geräumige Café gehört zur Kirche und wird von Ehrenamtlichen betrieben. Eifrig werden Caffé Latte geschäumt und Waffeln gebacken. Heute ist nämlich Waffeltag. Die hellen Holztische sind mit Senioren/innengruppen besetzt, hier wird fröhlich gefrühstückt, bevor es in die Weinberge geht – zum Walken.

Wir haben uns heute mit Sophie Mikosch und Natalie Meier verabredet. Bei der Recherche zum Thema „kindergartenfrei“ gelangt man schnell auf die entsprechende Facebookseite und auf Sophie Mikosch, die im Frühling ein Buch zum Thema Aufwachsen ohne Kindergarten veröffentlicht. Die studierte Kulturwissenschaftlerin hat zwei 3- und 5-jährige Töchter. Ebenfalls mit am Tisch auf der Terrasse sitzt Natalie Meier. Sie hat ihren 3-jährigen Sohn Leon (Name geändert) dabei, der eifrig Segelboote malt und ungeduldig auf seine Waffeln wartet. Stolz zeigt er immer wieder seine Bilder. Die Töchter von Sophie Mikosch werden heute von der Oma zu Hause betreut.

Dass man Bedenken haben kann, Babys  oder Kleinkinder in die Krippe zu geben, können wir nachvollziehen. Aber Kinder im Alter von 3 bis 6 Jahren nur zu Hause zu betreuen. Warum? Und ist das überhaupt zu vereinbaren, mit Alltag, Haushalt und natürlich einer geregelten Arbeit? Das Magazin „Focus“ titelte unlängst zum Thema kindergartenfrei: „Helikopter-Hippies“ und wir merken bald: der Begriff wird dem Anspruch, den selbst betreuende Eltern an sich haben, nicht gerecht. Denn hinter dem Wunsch, das Kind bis zur Schule zu Hause zu betreuen, steht eine Lebenseinstellung, eine bindungsbewusste Lebensform, die man oft auch gegen Widerstände verteidigen und erklären muss. Das erleben wir übrigens auch heute. Denn während wir uns angeregt unterhalten, nähert sich eine ältere Frau von einem der Nachbartische. Ohne einen Gruß, ohne eine Entschuldigung platzt sie in die Unterhaltung und beginnt laut zu reden. Laut und aggressiv spricht sie Natalie an, ohne jede Rücksicht auf das 3-jährige Kind auf dem Schoß.

„Jetzt muss ich aber auch mal etwas dazusagen. Ich finde es falsch. Ihr Kind wäre besser in einem Kindergarten aufgehoben, als bei Ihnen. Da ginge es ihm besser.“

Wir sind nicht nur erschrocken, sondern schockiert. Sichtlich zufrieden und ohne den Wunsch nach einem Dialog oder einer Erwiderung schließt die Frau anschließend ihr schickes Fahrrad auf, packt die ebenso schicke Daunenjacke in den Fahrradkorb und verlässt die Bühne des Kirchenvorplatzes. Weder die so angegangene Natalie Meier noch unsere andere Gesprächspartnerin haben reagiert. Nur etwas fester nimmt die eine ihren kleinen Sohn in den Arm, wie um ihn zu schützen. „Leider ist das die Normalität“, steigt sie wieder in unser Gespräch ein. „Ich werde ständig beschimpft. Ich kann vormittags nicht mit meinem Sohn einkaufen gehen, ohne dass die Leute Kommentare in meine Richtung zischen. Asozial wäre das und pervers. Manchmal sprechen sie auch meinen Sohn direkt an. Obwohl er ja noch so klein ist. Dann kommen Kommentare wie: „Deine Mutter ist ganz, ganz böse, dass sie dich nicht in den Kindergarten lässt“.

Wir sind immer noch etwas abgelenkt von der Unterbrechung und bewundern die Gelassenheit der beiden. „Das muss man trainieren“, erklärt Natalie Meier. „Ich habe inzwischen ein dickes Fell. Ich habe aufgehört mit den Leuten zu diskutieren, oder mich zu rechtfertigen, es bringt nichts. Vor allem ältere und alte Menschen reagieren oft sehr aggressiv und ohne jedes Verständnis oder auch nur echtes Interesse.“

Leon zu Hause zu betreuen, war anfangs nur eine Notlösung. „Wir haben keinen Kindergartenplatz bekommen“, erzählt Nathalie Meier. „Nur in zwei städtischen Großinstitutionen hätte man uns nehmen müssen, da die Stadt nicht riskieren will, dass jemand seinen Rechtsanspruch teuer einklagt. Ich habe mir die eine angesehen und mir wurde ganz anders. Gruppen mit 35 Kindern, zwei Betreuer eine davon Vollzeit. Dann ein offenes Konzept – also wuselten dort Kinder zwischen zwei und sechs Jahren durch das Haus, ohne jede erkennbare Bindung. Es kam nicht in Frage, dass wir unseren Sohn dort betreuen lassen.“

„Wir hatten eigentlich einen Platz in unserem Wunschkindergarten“, erzählt Sophie Mikosch, „einem Waldkindergarten. Wir haben aber bereits während der Eingewöhnung gemerkt, dass das System Kindergarten nicht zu uns passt. Zum einen lag das an unseren familiären Strukturen und Vorlieben. Vorher waren die Morgende immer gemütlich und entspannt gewesen, plötzlich wurde es hektisch. Wir mussten den Wecker stellen, die Kinder wecken, eine richtige Morgenroutine entwickeln. Aber es hat auch mit dem Kindergarten nicht harmonisiert. Der Umgangston mit den Kindern war nicht so, wie wir es uns wünschen. Die vielen Regeln, der latente Druck und die frühkindliche Förderung, die von den anderen Eltern explizit gewünscht wurde. Ihnen war es sogar noch zu wenig Förderung. Sechs Wochen haben wir es ausprobiert und dann abgebrochen. Seitdem betreuen wir beide Kinder zu Hause und es könnte nicht besser laufen.“

Aber Angst, dass die Kinder im Hinblick auf die Schule zu wenig gefördert wurden, habe sie nicht? „Meine Tochter interessiert sich zum Beispiel schon lange für Buchstaben und Zahlen und lernt gerade ihre ersten Wörter, sie wird in der Schule keine Probleme haben.“ Dass viele Eltern ablehnend reagieren, ist für Sophie Mikosch auch ein Zeichen des schlechten Gewissens. „Viele fühlen sich angegriffen, dabei muss jede Familie den für sie richtigen Weg finden. Viele Eltern denken, sie hätten nicht die Wahl. Manche wissen auch gar nicht, dass es keine Kindergartenpflicht gibt. Auch das Argument ‚wir müssen ja arbeiten‘ gilt es zu hinterfragen. Wer seine Kinder wirklich selbst betreuen will, findet vielleicht unkonventionelle Wege, dies zu ermöglichen. Auch wenn es bedeutet, seinen Lebensstandard einzuschränken. Dazu muss man natürlich bereit sein.“

Um dem Alltag Struktur zu geben und den Kindern soziale Kontakte zu ermöglichen, hat Sophie Mikosch eine Waldspielgruppe gegründet. Einmal die Woche treffen sich hier Familien mit ihren Kindern im Wald und  erforschen die Natur. Bauen einen Barfußpfad oder ein Tipi, letzte Woche wurde eine Girlande aus Herbstmaterialen geflochten. Aber die restliche Zeit hält sie sich bewusst frei. „Morgens wird ausgeschlafen und
nach dem Frühstück ist Zeit für die Hausarbeit. „Die Kinder helfen natürlich mit, oder spielen.“ Nach Mittagessen und Mittagsschlaf ist dann Zeit für Verabredungen oder Hobbys.“ Natalie Meier stimmt zu. „Schwimmbad, Kinderturnen, Kinderspielgruppe sind feste Termine – aber jeweils morgens wird entschieden, wozu alle Lust haben.“

Ein wichtiges Argument der Kindergartenbefürworter ist der soziale Aspekt. Nicht nur die Freundschaften, die im Kindergarten geschlossen werden, auch das Erlernen sozialer Rücksichtnahme und Regeln. „Welche Regeln sollen das sein?“, fragt Natalie Meier. „Sich gegen andere Kinder durchzusetzen? So früh Konkurrenzdruck zu spüren? Essen zu müssen, auch wenn es einem nicht schmeckt?“ Das alles, davon ist sie überzeugt, käme noch früh genug und die „Ellenbogenmentalität“, die sie bei Kita-Kindern beobachte, würde sie eher erschrecken.

Aber müssen da nicht alle Kinder durch? Müssen sie sich nicht so früh als möglich an Trennungen gewöhnen? Beide schütteln vehement die Köpfe. „Die Gesellschaft, die Wirtschaft, die Politik, alle machen großen Druck. Aber warum muss man Kinder so früh schon in Raster und Normen pressen, warum müssen alle Kinder zur selben Zeit etwas können? Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht“, erklärt Nathalie Meier. Und beide sind überzeugt: „Für Eltern gibt es keinen Ersatz.“

Tatsächlich haben Studien der aktuellen Bindungsforscher ergeben, dass es auf die Qualität der Einrichtung ankommt, auf den Personalschlüssel und auf die Wertbildungen des Personals, ob sich Kinder wohlfühlen und ob es ihnen dort gut geht. Denn, Kinder sind eine lange Zeit, eigentlich bis zur Pubertät, darauf angewiesen, sich an Personen binden zu können. Ist „ihre“ Bindungserzieherin oft krank oder wechselt das Personal oft, so binden sich Kinder zur Not auch an die anderen Kinder. In immer größeren Gruppen mit immer jüngeren Kindern kann aber – nach dem Stand der frühkindlichen Forschung – keine echte Bindungssicherheit entstehen.

Natalie Meier hat das Projekt Kita aber noch nicht endgültig aufgegeben. Leon steht für andere Einrichtungen auf der Warteliste, vielleicht bekommt er im September 2019 einen Platz. „Dann überlegen wir nochmal“.

bw // Foto: Fotolia, Istock, Mikosch

Zum Weiterlesen:
kindergartenfrei.org
2kindchaos.comfacebook.com
kindergartenfrei
kleinermensch.net
mamaccino.at
muetterimpulse.de

28. November 2018

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