Finanzielle Bildung beginnt am Anfang

Aktuelle empirische Studien zum Thema „Financial Literacy“ der jungen Generation zeigen zwei auf den ersten Blick gegenläufige Tendenzen: Durch die Corona-Krise ist das Finanzwissen junger Menschen deutlich zurückgegangen. Aber gleichzeitig zeigt sich eine gestiegene Nachfrage nach digitalen Finanzprodukten sowie Geldanlagen in Aktien und anderen Wertpapieren. Beide Trends führen deutlich vor Augen, wie dringlich eine solide Finanzbildung insbesondere bei jungen Menschen ist. Die müsste vor allem in den Schulen geleistet werden. Wir haben uns mit Dr. Birgit Happel, Vorständin Präventionsnetzwerk Finanzkompetenz e.V. unterhalten.

Liebe Frau Happel, sind wir Deutschen finanzielle Analphabeten?

Finanzkompetenz ist für eine gelingende Lebensführung essenziell. Die Geldsozialisation in der Familie legt wichtige Grundsteine für den Erwerb der finanziellen Bildung. Aber sie verläuft meist en passant und ist stark von der sozialen Herkunft abhängig. Daher dürfen wir die Politik nicht aus ihrer Verantwortung entlassen, denn die Förderung finanzieller Bildung gewährleistet Chancengerechtigkeit.

Warum gibt es noch immer kein eigenes Schulfach zum Thema Finanzen?

Über den Fächerkanon entscheiden die Bundesländer selbst. Zunächst stellt sich die Frage, welchen Bildungsauftrag Schule heute haben soll und welche Bildungsanliegen durchgesetzt werden? Soll die Schule konkrete Alltagskompetenzen vermitteln und welche Lebenskompetenzen werden als wichtig erachtet? Wenngleich finanzielle Bildung in einer ökonomisierten Welt unerlässlich ist, haben auch Gesundheitskompetenzen, allgemeine Verbraucherkompetenzen und natürlich digitale Kompetenzen einen hohen Stellenwert.

Aber natürlich gibt es im Bereich der finanziellen, ökonomischen, aber insbesondere der sozioökonomischen Bildung Lücken im Curriculum.

Brauchen wir die Ausbildung zum „Geldlehrer“?

Geldkunde an sich ist zu eng gefasst. Unser ökonomisches Handeln findet immer auch eingebettet in gesellschaftliche und politische Rahmenbedingungen statt, das darf nicht unter den Tisch fallen. Die voraussetzungsvollen Inhalte Finanzieller Grundbildung hat das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung in einem wissenschaftlich evaluierten Kompetenzmodell festgehalten. Darauf aufbauend wurde ein Curriculum Finanzielle Grundbildung erstellt. Diese Materialien sind frei zugänglich und können problemlos für die Schulbildung adaptiert werden. Finanzielle Grundbildung sollte meiner Meinung nach auch im Studium Generale vermittelt werden.

Wenn Sie darauf anspielen, dass ehrenamtliche Lehrkräfte in Schulen unterwegs sind, sollten Alarmanlagen leuchten, insbesondere wenn diese gleichzeitig Finanzberater sind. Hier sind Interessenkonflikte vorprogrammiert.

Schlechte Bildung – teurer Handyvertrag. Geht die Gleichung auf?

Als Faustregel vielleicht, aber hier spielen auch psychosoziale Faktoren des Umgangs mit Geld mit hinein.

Was genau ist finanzielle (Grundaus-)Bildung? Was sollten Jugendliche in jedem Fall können, wenn sie die Schule verlassen und selbständig werden?

Junge Menschen sollten auf alle Fälle einen gewissen Überblick über Budgetplanung, Existenzvorsorge, Führen eines Haushalts, aber auch einen groben Überblick über Finanzdienstleistungen haben. Das Kompetenzmodell Finanzielle Grundbildung nennt sechs Kompetenzdomänen: Einnahmen, Geld und Zahlungsverkehr, Ausgaben und Kaufen, Haushalten, Geld leihen und Schulden sowie Vorsorge und Versicherungen. In allen Domänen braucht es nicht nur Faktenwissen, sondern muss dieses auch im konkreten Fall angewendet werden können., das ist sehr voraussetzungsvoll.

Gleichzeitig ist es auch wichtig, jungen Menschen größere Zusammenhänge aufzuzeigen, etwa mit Blick auf Ungleichheit oder Gleichstellung. Dass in Familien unbezahlte Sorgearbeit geleistet wird, die nicht im Bruttoinlandsprodukt auftaucht, zählt für mich auch zum Finanziellen Grundwissen.

Bemüht sich die Finanzbranche, Dinge möglichst so komplex darzustellen, dass Menschen die Verantwortung für ihr Geld an einen Berater übertragen und Angst vor Verlusten „an der Börse“ haben?

Das würde ich jetzt nicht unterstellen, aber klar ist auch, dass der Fachjargon eine Hürde aufbaut und Gespräche auf Augenhöhe verhindert. Da verschenken die Institute Möglichkeiten, die sie zum Vertrauensaufbau nutzen könnten. Ich denke, die Menschen sind durch digitale Angebote, Vergleichsportale und Presse heute sensibilisierter und sollten die Fehlanreize im Finanzmarkt besser einschätzen können. Aber gerade von jungen Menschen kann das nicht erwartet werden, insofern sind sie besonders zu schützen, womit wir wieder beim Auftrag an die Politik wären.

Zum Thema Aktienanlage, wir haben in Deutschland noch immer keine gute Aktienkultur, auch eine spezielle Gründungskultur steckt noch in den Kinderschuhen. Viele assoziieren Aktien rein mit Spekulation und erkennen nicht, dass sie in Anteile des Produktivvermögens investieren. In dieser historisch langanhaltenden Niedrigzinsphase hat es die Regierung versäumt, hier neue Bildungsinitiativen anzustoßen.

Nach dem „Kaufmannsladen“ kommt Monopoly. Welche Tipps haben Sie noch, um Kindern den abstrakten Begriff „Geld“ mit Leben zu füllen?

Da hat jeder Haushalt viele Möglichkeiten. Am wichtigsten ist es, offen über Geld zu sprechen, vor allem über die Frage, was das Leben kostet. Da kommt dann schon noch mal ihr oben angesprochener Punkt zum Vorschein. Denn wenn Eltern selbst ein ungeklärtes Verhältnis zu Geld haben, wird ihnen das möglicherweise nicht so leicht fallen. Andere Eltern wiederum denken, sie tun ihren Kindern einen Gefallen, wenn sie das Thema Geld in der Familie außen vorlassen. Die Kinder sollen aber selbstverständlich wissen, woher das Geld kommt und wie Ausgaben aufgeteilt werden. Wir müssen wohnen, wir gehen einkaufen, wir sorgen vor, wir bilden Rücklagen. Es geht dabei je nach Lebensaltern nicht um konkrete Beträge, sondern darum, ein Grundverständnis für die Budgetplanung zu vermitteln. Und gerade beim Thema Nachhaltigkeit bietet das Familienleben gute Möglichkeiten, sich gemeinsam anzuschauen, was der laufende Wasserhahn mit dem Familienbudget zu tun hat, warum es gesund ist und den Geldbeutel schont, Kräuter selbst anzupflanzen und warum das T-Shirt für 3,99 Euro eigentlich viel teurer sein müsste.

Taschengeld oder Budgetgeld? Was raten Sie Eltern mit Jugendlichen?

Budgetgeld ist auf alle Fälle eine sinnvolle Ergänzung des Taschengelds und wurde auch in einer Studie des Deutschen Jugendinstituts als sinnvoller Baustein der Gelderziehung herausgestellt. Die Phase, ab wann das Budgetgeld gezahlt werden soll, also ab 14 Jahren, fällt in die Adoleszenz und die Vergrößerung der finanziellen Selbstbestimmung kann die Jugendlichen in ihrem Autonomiestreben unterstütz.

Bitte erklären Sie Kindern und Jugendlichen mit einem Satz: Was ist eine „Inflationsrate“?

Inflation ist ein Prozess der Geldentwertung, der sich durch Preiserhöhungen zeigt und euer Geld weniger wert macht.

Interview: bw // Foto: Adobe Stock //

 

 

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