Für immer im Netz oder der arme Emil

Der kleine Emil aus Hamburg sorgte in den vergangenen Wochen für Schlagzeilen. Genauer gesagt, waren es natürlich seine Eltern, die für Schlagzeilen sorgten und sich nicht schämten, ein siebenjähriges Kind an die Öffentlichkeit zu zerren. Klar, das war so sicherlich nicht geplant, aber in Zeiten von Social Media plus Sommerloch plus superempathische Eltern kann es leider rasch passieren, dass ein Siebenjähriger plötzlich im Rampenlicht steht, weil er spontan die Idee hatte, eine Demo zu organisieren.

Eine Demo gegen die eigenen Eltern, die zu oft lieber auf ihr Handy schauen, als mit dem Kind zu spielen. Und weil das die Eltern, ein Ärzteehepaar, so herzig und originell fanden, unterstützten sie das Kind in seiner Idee gerne. Offline, indem von ihnen die Demo angemeldet wurde und Plakate gemalt und natürlich auch online, weil ja sonst kein Mensch von der Demo erfahren hätte. So haben aber alle davon erfahren und es haben auch alle darüber berichtet. Und ich denk so: Der arme Emil. Emil wird nämlich jetzt für immer im Internet sein. Und möglicherweise wird das der Emil mit 13 gar nicht mehr so cool finden, wie mit sieben. Aber darüber haben Emils Eltern offensichtlich nicht nachgedacht.

Das Magazin „Der Spiegel“ zitiert den kleinen Emil jedenfalls so: „Auf dem Spielplatz wollte ich mit meinen Freunden spielen“, erinnert er sich. „Die haben mich aber nicht mitspielen lassen. Da wollte ich mit Papa spielen, der hat aber nur auf sein Handy geguckt.“

Das ist natürlich Mist. Weil es immer Mist ist, wenn Kinder andere Kinder nicht mitspielen lassen, aber sowas kommt vor. Das ist sehr frustrierend fürs Kind, aber jedes Kind hat das schon erlebt und jedes Kind muss lernen, damit umzugehen. Im günstigesten Fall sucht es sich dann andere Kinder zum Spielen oder es spielt halt allein. Kinder können sowas. Im etwas weniger günstigen Fall geht das Kind nach Hause und beschäftigt sich dann dort mit etwas anderem.
Dann ist es natürlich auch sehr ungüstig, wenn da noch ein lästiger Vater auf dem Spielplatz herumsitzt und nicht weg will, weil er auf dem Handy herumtippt. Am allerallerungünstigsten  ist es aber, wenn der Vater seinem Kind beigebracht hat, dass er – wenn kein Kind spielen will –  sozusagen als Backup auf der Ersatzbank zur Verfüngung steht.
Ich bin durchaus der Meinung, dass man als Eltern mit seinem Kind spielen sollte. Und ihm vorlesen und mit ihm reden. Und auch sicherlich nicht den ganzen Tag aufs Handy starren. Aber nach der Lektüre zahlreicher Medien über die ganze Geschichte sind die Eltern des kleinen Emil ganz sicherlich keine Eltern, die den ganzen Tag aufs Handy gucken und ihr Kind vernachlässigen. Wäre dem so, dann hätten sie dem kleinen Emil für die Demo-Idee nämlich den Vogel gezeigt und das Kind vor die Glotze oder vors Ipad gesetzt, damit der Kerl nicht herumnervt, sondern Ruhe gibt.
Stattdessen haben die Eltern lieber die ganz große guckt-mal-wie-toll-wir-uns-um-unser-Kind-kümmern-Maschinerie angeworfen. Der Patenonkel denkt sich sogar noch den flotten Spruch“Spielt mit MIR! Nicht mit Euren Handys!“aus.
Hach!
Eine Grafikdesignerin findet sich natürlich auch, die gestaltet das Plakat.
Allerliebst!
Die entzückten Eltern laden öffentlich via Facebook zur Demo ein.
So schön!
Und der kleine Emil, der hat eins gelernt: Wenn mir auf dem Spielplatz mal kurz langweilig ist, dann machen meine Eltern direkt eine ganz große Nummer daraus, auch wenn sie selber dabei die Deppen sind.
Aber ich freu mich schon. Ich freu mich schon darauf, wenn der kleine Emil in ein paar Jahren nicht mehr klein ist, sein eigenes Handy hat und die nächste Demo startet.
Titel: „Mein Handy gehört MIR! Tag und Nacht. Und: Freies WLAN auf Spielplätzen für alle Kinder!“

Bin gespannt, ob Emils Eltern dann wieder so eine große Welle machen.

18. September 2018

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