Hallo, Hebamme!

Schwangere Frauen haben Anspruch auf die Betreuung durch eine Hebamme – eigentlich. Doch obwohl immer mehr Babys geboren werden, gibt es immer weniger Geburtshelfer, weniger Geburtskliniken, die Kreißsäle schließen. Auch bei der Vor- und Nachsorge herrscht Hebammenmangel. Wie gut, dass es kreative Hebammen gibt, so wie Anja und Marie und ihr digitales Herzensprojekt hallohebamme: die moderne Art der Nachsorge.

Liebe Anja, liebe Marie, bitte erzählt doch für den Einstieg etwas über euch. Habt ihr Kinder? Und wo genau in der Region lebt ihr? Wie habt ihr euch kennengelernt?

Wir sind Anja (31) und Marie (25), zwei Hebammen aus Heidelberg und Gründerinnen von hallohebamme. Anja kommt ursprünglich aus der schönen Oberlausitz und ist Mama einer 4-jährigen Tochter. Marie ist im schönen Mainz am Rhein geboren und hat aktuell noch keine Kinder. Warum wir zwei ausgerechnet in Heidelberg gelandet sind? Natürlich der Liebe wegen! Aktuell arbeiten wir beide im Kreißsaal einer Klinik, in welchem wir uns auch vor einigen Jahren kennen gelernt haben. Wir besuchten zusammen einige Fortbildungen und erkannten recht schnell, dass wir viele Ideen gemeinsam teilen und zusammen ein super Duo abgeben. Neben der klinischen Arbeit sind wir außerdem als freiberufliche Hebammen unterwegs und bieten Vorsorgen, Nachsorgen und einige Kurse an.

Ihr seid festangestellte Hebammen und versorgt werdende und frischgebackene Eltern seit ziemlich genau einem Jahr mit Infos rund um Schwangerschaft, Geburt und Nachsorge auf eurem Blog hallohebamme. Wie kam es dazu?

Wir Hebammen sind ja alle tagtäglich mit dem aktuellen Hebammenmangel in Deutschland konfrontiert. Uns fällt es immer sehr schwer Frauen für die Betreuung im Wochenbett absagen zu müssen, wenn wir keine Kapazitäten mehr haben. Es ist nicht hinnehmbar und macht uns sehr betroffen, dass viele Familien alleine mit einem oder mehreren Neugeborenen zu Hause zurechtkommen müssen. Dies bricht uns das Herz und wir wollen mit unserem Angebot bei hallohebamme vor allem den jungen Familien helfen, die nicht das Glück haben eine Hebamme gefunden zu haben. Die Idee entstand während einer Fortbildung, die wir an einem Wochenende besuchten. Wir zwei saßen abends in unserem Hotelzimmer und tauschten uns über die aktuelle nicht erfreuliche Situation des Hebammenmangels aus. Wir haben uns Gedanken gemacht, wie wir Frauen (vor allem im Wochenbett) helfen oder etwas an die Hand gegeben könnten, wenn wir ihnen als freiberufliche Hebamme absagen müssen. Wir zwei pflegten zu dieser Zeit gerne und mit Freude unsere privaten Instagram-Accounts. Auch an diesem Abend, waren wir auf dieser Plattform und so kamen wir darauf einen Account rund um die Tätigkeit der Hebammenarbeit aufzubauen. Diese Idee erweiterten wir die nächsten Wochen. So kam es, dass wir uns für mehrere Plattformen entschieden (Instagram, Blog, YouTube …) um adäquate und wichtige Informationen den Familien anbieten zu können.

Ihr beschreibt hallohebamme als eine moderne Art der Nachsorge. Wie meint ihr das?

Wir wollen Familien in einer besonderen Phase des Lebens, wie es die Schwangerschaft, die Geburt und das Wochenbett ist, mit unserem Fachwissen zur Seite zu stehen und sie dabei unterstützen. Wir bezeichnen hallohebamme deshalb „als eine moderne Art der Nachsorge“, da wir auf digitale und für jedermann, zu jederzeit zugängliche Plattformen, wie den Blog, Instagram oder YouTube zurückgreifen. Wir übermitteln dabei Informationen und einige Tipps und Tricks in verständlicher Sprache, damit die Schwangeren und frischgebackenen Eltern (vor allem wenn sie keine Hebamme gefunden haben) wissen, welche Verläufe z.B. im Wochenbett, bei der Muttermilchbildung oder dem Wochenfluss normal sind. Natürlich kann unser Angebot keine Hebamme ersetzen, sondern sollte vielmehr als eine zusätzliche digitale Unterstützung verstanden werden. Unser Hebammenberuf ist so individuell, so dass nicht alle Facetten zu 100 Prozent abgebildet werden können. Unser Anspruch ist es aber, in der Flut von frei zugänglichen Informationen im Internet allgemeine, wichtige und richtige Informationen zu geben. Wir bieten außerdem den (werdenden) Eltern eine Community, in der sie sich austauschen und mit Tipps gegenseitig unterstützen können.

Mit welchen Problemen oder Fragen kommen die Schwangeren auf euch zu?

Zuerst muss man sagen, dass wir keine direkte Ferndiagnose/-beratung auf unseren Kanälen anbieten, obwohl wir immer wieder Fragen zu den verschiedensten Themen gestellt bekommen. Oft reicht es aber, auf unseren Blog zu verweisen, in dem viele Informationen und Tipps zu finden sind. Immer mehr digitale Angebote wie unser Blog oder „Kinderheldin“ werden gegründet. Dort können schwangere Frauen digital eine Schwangerschaftsberatung erhalten, per Chat, Internetvideo oder am Telefon. Dieses Angebot ist kostenpflichtig.

Werdet ihr euer Angebot ebenfalls in diese Richtung hin ausbauen?

Aktuell bieten wir nur kostenfreie Angebote an. So haben wir auch unseren Rückbildungskurs aktuell kostenlos auf unserem Blog online gestellt. Dies ist natürlich der jetzigen Situation von Corona geschuldet. Wir wollen allen Mamas die Möglichkeit geben, den Beckenboden nach Schwangerschaft und Geburt wiederaufzubauen und präventiv somit verschiedensten Problematiken vorzubeugen.

Wir bleiben weiter kreativ und engagiert. So sehen wir viele Möglichkeiten auch weiterzudenken und unser Herzensprojekt weiter wachsen zu lassen. In welche Richtung dies passieren wird, steht noch nicht ganz fest. Wir sind gespannt, was die nächste Zeit auf uns zukommen wird und wie wir unser Angebot weiter ausbauen können.

Die Arbeit von Hebammen in Deutschland hat sich in den letzten Jahren dramatisch verschlechtert. Immer weniger Krankenhäuser haben Geburtsstationen und immer mehr Schwangere werden trotz Wehen abgewiesen. Lässt sich diese Entwicklung noch aufhalten? Und wenn ja, wie?

Dass die jetzige Situation nicht gut ist, steht außer Frage. Wir sind dennoch voller Hoffnung, dass sich in den nächsten Jahren wieder mehr Frauen und Männer für den Beruf der Hebamme interessieren und auch entscheiden werden. Da wir auf unseren Kanälen einen täglichen Einblick in unsere Arbeit geben können, sowohl dank der Unterstützung unseres Arbeitgebers in der Klinik als auch in der Freiberuflichkeit,
können wir ein realistisches Bild vom Hebammenberuf transportieren. Wir bekommen täglich sehr viele Nachrichten von unseren Followern, dass sie bisher von der Vielfalt unseres Berufes gar nichts wussten und absolut begeistert sind. Des Weiteren sind wir sehr gespannt, ob die Akademisierung unseren Beruf weiter vorantreiben wird. Marie hat selbst das duale Studium Hebammenwesen absolviert und wir sehen große Chancen auch über diesen Weg den Beruf für viele attraktiver zu gestalten.

Ist euer Blog ein Schritt in eine Weiterentwicklung eures Berufs? Wird sich die Arbeit der Hebammen immer stärker ins Digitale verändern?

Das wird auf jeden Fall so sein, denn die Digitalisierung wird auch hier nicht aufzuhalten sein. Die jüngeren Generationen greifen immer mehr auf ihre Smartphones und Tablets zurück. Wir merken selbst, dass uns unser Blog auch in unserer analogen Arbeit als Hebamme unterstützt. So können auch verschiedene Themen, die wir vor Ort mit den Eltern besprechen, nochmals in aller Ruhe nachgelesen werden. Viele nehmen das Angebot gerne an, da man sich bei den Hausbesuchen in der Stillzeit nicht immer alles direkt merken kann. Dennoch ist es wichtig und richtig zu sagen, dass unser Beruf niemals nur digital umzusetzen ist. Es ist genauso wichtig, den Frauen und Familien nicht nur virtuell, sondern als echte Person vor Ort eine Hilfe sein zu können. Wir sind davon überzeugt, dass die Mischung aus echter, wahrhaftiger Betreuung vor Ort und einem authentischen, verlässlichen digitalen Ratgeber eine perfekte Ergänzung darstellt, die einen großen Mehrwert und Unterstützung für die jungen Familien bietet.

bw // Fotos: Simone Lobgesang

hallohebamme im Netz:

www.instagram.com/hallohebamme
hallohebamme.de

Hebammen heute
Seit Jahrtausenden begleiten Hebammen mit ihrem Wissen und Können Schwangere, junge Mütter und Familien. Sie sind die Fachfrauen rund um die Zeit der Schwangerschaft, der Geburt und des Wochenbetts. In Deutschland herrscht für die Geburt eine „Hinzuziehungspflicht“, kein Arzt darf eine Geburt allein ohne Hebamme verantworten. Das gilt auch bei einem Kaiserschnitt. Der Hebammenmangel wirkt sich von Jahr zu Jahr drastischer aus. So muss eine Hebamme heute oft drei Geburten oder mehr parallel betreuen. Und immer mehr Krankenhäuser schließen ihre Kreissäle und Geburtsstationen.

Ähnliche Beiträge

Kommentar schreiben