Kindheitsträume zum Frühstück

Das männliche Pubertier spricht ja generell nicht allzu viel und früh morgens ist es üblicherweise ganz besonders schweigsam. Bevor nicht eine gewaltige Menge Kohlehydrate den nächtlichen Wachstumsschub ausgeglichen haben, geht da sowieso gar nichts. Die Erfahrung zeigt, erst wenn mithilfe von mindestens 200 Gramm stark gezuckerter Cornflakes die minimale Betriebstemperatur erreicht ist, kann es auf einfache Fragen mit Nicken oder Kopfschütteln reagieren. Umso alarmierter bin ich also, wenn das Pubertier diese erste von vielen wichtigen Nahrungsaufnahmen des Tages unterbricht und urplötzlich lautstark verkündet: „Ich MUSS euch was erzählen.“

OMG. Was ist geschehen? Die vom Kind geschickt platzierte, bedeutungsschwangere Pause samt sehr ernstem Blick reichen aus, um gedanklich ein gutes Dutzend Szenarien durchzuspielen, die diesen unverhofften Mitteilungsdrang rechtfertigen könnten. Angefangen von einem harmlosen „Der Lehrer will dich sprechen“ oder „Ich breche die Schule ab und werde YouTuber“ über „Ich habe wahlweise den Hausschlüssel, mein Handy, mein Fahrrad, meine Schwester oder irgendetwas anderes Wesentliches verloren“ oder „Ich trete einer Sekte bei“ bis hin zu „Ich stehe deutschlandweit auf Platz eins irgendeines Online-Spiels“ – alles ist drin.
Dann atmet es tief durch, das Pubertier, und sagt in einem weisen Tonfall, von dem sich selbst Meister Yoda noch eine Scheibe abschneiden könnte: „Ich habe mir einen Kindheitstraum erfüllt.“ Nach einer weiteren perfekt platzierten Pause fährt es fort: „Ich bin eine Station hinten auf der Müllabfuhr mitgefahren.“ Fragen zu den Umständen dieses Abenteuers werden leider nur einsilbig beantwortet, weil es nun dringend weiter Nahrung in sich reinschaufeln muss. Aber das macht nichts. In solchen Momenten liebe ich es trotzdem ganz besonders.

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