“Wut ist Ausdruck für Gefühle, die niemand versteht“

Liebe Frau Pickel, nochmals herzlichen Glückwunsch zum Peter-Härtling-Preis 2021 für Ihr Jugendbuch „Krummer Hund“. Es ist nicht Ihr erster Literatur-Preis, aber Ihr erstes Jugendbuch, haben wir gelesen. Wie ist die Idee zu diesem Buch entstanden?

Vielen Dank für die Glückwünsche! Um ehrlich zu sein, kann ich gar nicht mehr ganz genau sagen, wie die Idee entstanden ist. Ich hatte damals auch gar nicht bewusst entschieden, ein Jugendbuch zu schreiben. Aber mich haben die Themen beschäftigt, um die es in dem Buch geht, und dann ist in meinem Kopf die Figur Daniel entstanden, dieser Junge, der in seiner Welt langsam verloren geht und in seiner Wut immer mehr die Kontrolle verliert. Als ich angefangen habe, ihn die Geschichte erzählen zu lassen, wurde immer klarer, dass es ein Jugendbuch wird.

Wie lange haben Sie an Ihrem Buch gearbeitet?

Vom ersten Satz bis zum letzten Punkt der ersten Fassung waren es fast zweieinhalb Jahre, glaube ich. Da ich mein Geld nicht mit dem Schreiben verdiene, hatte ich teilweise wenig Zeit dafür, außerdem habe ich zum ersten Mal einen ganzen Roman konzipiert. Ich habe viel ausprobiert und immer wieder überarbeitet. Das hat ein bisschen gedauert.

Beim Lesen muss man oft lachen, manchmal die Tränen zurückhalten, oft wundert man sich beim Lesen und denkt: Kann das wirklich nur einem Kind in so kurzer Zeit passieren? Stecken hier auch eigene Erfahrungen im Buch?

Eigene Erlebnisse stecken nicht in der Geschichte. Aber ich kann mich ganz gut in die Emotionen, die Daniel erlebt, hineinversetzen. Ich glaube, alle Jugendlichen kennen in gewisser Weise das Gefühl, das, was in ihnen brodelt, nicht richtig zu verstehen und keinen passenden Ausdruck dafür zu finden – oder das Gefühl, dass die Erwachsenen um einen herum so mit sich selbst beschäftigt sind, dass man selbst übersehen wird mit seinen Nöten. Das passiert ja auch, wenn die Ereignisse nicht so belastend sind wie in Daniels Geschichte. Erwachsenen fällt es einfach oft schwer, erwachsen zu sein.

Eingereicht wurde das Manuskript mit dem Titel „Der Unfall oder Princess Evil“. Warum haben Sie das im Nachhinein verändert?

Eigentlich hatte ich das Manuskript unter dem Titel „Der Unfall“ eingereicht – der Zusatz kam spontan vom Verlag, als verkündet wurde, dass ich den Peter-Härtling-Preis bekomme. Der Titel sollte etwas mehr aufmachen als „Der Unfall“, war aber auch ein Arbeitstitel. Im Lektorat haben wir dann noch mal gemeinsam an dem endgültigen Titel gearbeitet. „Krummer Hund“ war eine Idee von mir, die im Verlag sofort gut ankam.

Das Buch handelt von Daniel, 15 Jahre alt, der bei seiner alleinerziehenden Mutter lebt. Gleich zu Beginn des Buchs stirbt Daniels geliebter Hund. Und das ist nicht der einzige schlimme Unfall. Wenig später stirbt ein Klassenkamerad. Das ist ziemlich viel für einen 15-Jährigen, oder?

Ja, Daniel hat in der Tat eine Menge zu bewältigen. Er vermisst seinen Vater, das Leben mit seiner Mutter ist sehr schwierig. Er muss immer wieder die Scherben aufsammeln, die sie mit ihren Männergeschichten produziert. Es gibt kaum Platz für seine Bedürfnisse. Der Tod seines Hundes ist eine Katastrophe für ihn, weil der Hund die letzte echte Verbindung zu seinem Vater war. Auch dadurch kochen die Gefühle in ihm immer mehr hoch. Der Junge, der überfahren wird, ist kein direkter Klassenkamerad, er kennt ihn eigentlich nicht wirklich. Aber das Ereignis führt eben dazu, dass er diesen Verdacht hat – dass er sich fragt, ob der Doc, auf den er gerade ein bisschen Hoffnung gesetzt hatte, doch kein so guter Typ ist. Und dass er durch den Tod des Jungen „Princess Evil“ plötzlich mit anderen Augen sieht, macht die Situation nicht leichter, denn damit verrät er seinen Freund Edgar, mit der er sie ja eigentlich in einer Art gemeinsamer Mission hasst.

Die Figuren in „Krummer Hund“ scheinen sich alle zu entwickeln. Nur Daniels Mutter ist am Ende genauso „schwach“ wie zu Beginn. Oder irren wir uns hier?

Ich finde, dass Daniels Mutter sich durchaus auch entwickelt. Immerhin beginnt sie am Schluss, Daniel überhaupt einmal zuzuhören. In der Szene, in der Daniel von seinem Trip mit Alina zurückkehrt, gibt es zumindest Anzeichen dafür, dass selbst sie ab und zu ein paar Dinge reflektiert, die sie so tut. Sie hat es außerdem diesmal geschafft, sich einen Mann auszusuchen, der bleibt – und der auch ihren Sohn wirklich wahrnimmt. Also gar nicht so schlecht für die egozentrische Person, die sie ja nun mal ist.

Daniel hat immer wieder unkontrollierte Wutausbrüche, die niemand versteht. Wie kommt es dazu?

Daniels Wut ist eben genau das: Ausdruck für Gefühle, die niemand versteht, vor allem er selbst nicht. Keines seiner Gefühle ist „gerade“, es gibt viel Ambivalenz. Sein Vater hat ihn verlassen, aber er macht ihn zum Helden – eine gute Strategie, das Verlassensein nicht anzuerkennen, die aber ihren Preis hat. Seine Mutter lässt ihn auch allein, was er ihr übel nimmt – aber er will sie auch beschützen, und natürlich liebt und braucht er sie auch. Vor allem aber spürt er, dass er nicht der sein darf, der er ist. Er soll funktionieren, seiner Mutter mit seinen „Anfällen“ keinen Kummer bereiten. Der Doc ist irgendwie nicht verkehrt und vielleicht aber doch. Daniel weiß überhaupt nicht mehr, wem er was glauben soll. Er fühlt sich wie ein „Freak“. Ihm fehlt eine erwachsene Person, die ihm hilft, sein Gefühlschaos zu ordnen. Und dieses Chaos bahnt sich eben in der Wut seinen Weg. Wut ist ein chaotisches Gefühl, Wut sucht Grenzen und hat klare Kanten. Sie ist Daniels einziges Werkzeug, dem Durcheinander, das in ihm los ist, Ausdruck zu verleihen.

Krummer Hund ist aber auch eine Liebesgeschichte. Daniel ist in ein Mädchen verliebt und Daniels Mutter verliebt sich in den Tierarzt, der „Ozzy“, also Daniels Hund eingeschläfert hat. Aber einfach läuft es für beide nicht. Wie kam es denn zu der Idee mit diesen Verwicklungen?

Dass die Beziehung seiner Mutter kompliziert ist, ist sozusagen der natürliche Gang der Dinge – ihre Beziehungen sind immer kompliziert. Dass der Neue nun ausgerechnet der „Hundemörder“ ist, war für mich ein guter Start in diese Geschichte, in der sich nach und nach alles zuspitzen sollte. Und in der Daniel immer mehr in Not gerät – und sich immer mehr isoliert. Nicht mal mit Edgar kann er noch reden, weil das Mädchen, um das es geht, ihr gemeinsames Hassobjekt ist. Diese wahnsinnig verstrickte Situation kann für Daniel nur in eine Katastrophe führen – oder ihm eine Chance bieten, seine Not anders zu artikulieren als mit Zuschlagen. Und das tut er ja dann auch. Er tritt aus seiner Isolation heraus und versucht, sein Chaos selbst zu ordnen.

Und zum Abschluss noch eine Frage zur Zielgruppe: Empfohlen wird das Buch für Jugendliche ab 14. Meine lesesüchtige Tochter wird bald 13 und ich habe sie in „Krummer Hund“ reinlesen lassen. Ich habe aber schnell gemerkt, dass es deutlich zu „harter Stoff“ für sie ist … Welches Alter hatten Sie beim Schreiben im Hinterkopf?

Anfangs hatte ich überhaupt kein bestimmtes Alter im Kopf. Ich hatte ja nicht einmal bewusst geplant, ein Jugendbuch zu schreiben. Als es dann nach und nach eins wurde, habe ich beim Schreiben schon immer mal daran gedacht, wie es wohl Jugendliche in Daniels Alter lesen würden und ob sie an die Themen, um die es geht, irgendwie andocken können. Bisher habe ich vor allem viel positives Feedback von Erwachsenen bekommen. Ich bin sehr gespannt, wie Jugendliche das Buch empfinden.

Interview: Bettina Wolf // Fotos: Carla Deiters // Cover: BELTZ & Gelberg

Buchverlosung!

Gemeinsam mit BELTZ & Gelberg verlosen wir drei Exemplare des druckfrischen und preisgekrönten Jugendbuchs „Krummer Hund“.

Die Verlosung ist abgelaufen. Gewonnen haben Sonja Lamber, Familie Kohlstock und Stefan Markus Jahn.

 

 

 

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