„Yo, Leude, was geht?!“

Filme auf YouTube bringen uns zum Lachen – oder zum Weinen, zum Gruseln, zum Mitsingen, zum Gähnen, zum Lernen, zum Verstehen, zum Kopfschütteln, zum Zeitvertrödeln. Scheinbar gibt es nichts, was es auf YouTube nicht gibt. Auf Jugendliche übt die Video-Plattform geradezu magische Anziehungskraft aus. Ist das gefährlich? Müssen wir uns deswegen Sorgen machen? Den ganzen Quatsch womöglich mitanschauen? Wie geht man als Eltern um mit einem Hype, den man irgendwie einfach nicht versteht?

Seit einiger Zeit machen sich andauernd neue Bekannte meiner Kinder bei uns in der Familie breit. Sie sind alle sehr cool und sagen sehr oft: „Yo, Leude, was geht?!“ Viele von ihnen machen die meiste Zeit Kunststücke mit ihren Fahrrädern. Wir dürfen zuschauen. Manche zocken Stunde um Stunde Computerspiele. Wir dürfen zuschauen. Wieder andere streichen ihren Flur neu, veräppeln einen Freund, machen sich die Haare schön oder packen ein Paket aus. Wir dürfen zuschauen. Willkommen in der Welt von YouTube!

Vom lustigen kleinen Amateurvideo-Portal hat sich YouTube seit seiner Gründung im Jahr 2005 weiterentwickelt zur heute größten Videocommunity im Internet. Mehr als 400 Stunden Videomaterial werden weltweit hochgeladen – pro Minute. Ein gigantischer Wust, der definitiv nicht nur aus putzigen Katzenvideos und pädagogisch wertvollen Mathe-Turorials besteht, der sich aber großer Beliebtheit erfreut: Rund eine Milliarde Stunden verbringen Nutzer rund um den Erdball täglich damit, YouTube zu schauen. Kein Wunder, dass längst auch die Werbeindustrie auf den Zug aufgesprungen ist und eigens auf die Plattform zugeschnittene Werbeformate entwickelt hat.

YouTube ist ein Phänomen, das Eltern – sprich: alten Menschen um die vierzig, vielfach sozialisiert mit drei öffentlich-rechtlichen Programmen und vertraut mit Begriffen wie Sendeschluss oder Testbild – schon mal den Schlaf rauben kann. Schwups, schon ist man drin in der Schleife: Wie können wir unsere Kinder schützen? Wie  bewahren wir sie vor all dem zeitraubenden Unfug und den Gefahren, die sie da mit ihrem Smartphone mit sich herumschleppen?

Entspannen. Vertrauen haben. Das sind zwei Ratschläge, die Lars Gräßer gibt.  Der Kommunikationswissenschaftler ist Pressesprecher am Grimme-Institut in Marl und forscht aktuell zum Thema YouTube. Er findet: „Es ist faszinierend, wie kompetent Jugendliche mit YouTube umgehen und welche Strategien sie entwickeln, um beispielsweise der rauen Kommunikationskultur zu entgehen, die dort genauso wie in anderen sozialen Netzwerken herrscht.“ Tatsächlich haben die Kids ihre ganz eigene Herangehensweise, wuseln leichtfüßig durchs Angebot, ohne sich von der schieren Masse an Videos aus dem Konzept bringen zu lassen. Gezielt picken sie „ihre“ Inhalte heraus, ohne dem Trara drum herum viel Beachtung zu schenken. Werbung? Gehört dazu. Je zielgerichteter desto besser. „Kinder und Jugendliche ärgern sich kaum über Werbung generell, sondern eher über die falsche Werbung, sprich über die Algorithmen, die nicht das Passende für sie auswählen“, beobachtet Lars Gräßer. Verurteilenswert findet er das nicht. „Wir leben nun mal in Markenwelten“, sagt er und rät Erwachsenen, auch ihr eigenes Konsumverhalten zu betrachten. „Wir Großen funktionieren nicht so viel anders und sollten mit den Kindern nicht strenger sein als mit uns selbst.“

Seit 2007 gibt es auf YouTube die Möglichkeit zur „Monetarisierung“, also dazu, mit Videos Geld zu verdienen, indem vor, während oder nach einem Clip Werbung eingeblendet wird. Ebenfalls weit verbreitet sind Produktempfehlungen und Produktplatzierungen. Dafür schließen Youtuber Verträge mit Drittanbietern, deren Waren sie dann in ihre Videos einbauen. Einige besonders beliebte YouTuber bieten auch eigenes Merchandise zum Verkauf an. Vor allem YouTube-Fans der ersten Stunde klagen über diese Kommerzialisierung der Plattform, die kleinen und vielleicht kreativeren Kanälen das Leben schwer macht. Andererseits ist mit der Kommerzialisierung auch die Professionalität der Videos und deren Unterhaltungswert gestiegen.

Trotzdem ist das Thema „Geld verdienen auf YouTube“ immer leicht skandalumwittert. Das hat damit zu tun, dass es ein gut gehütetes Geheimnis ist, wie viel Geld fließt und wofür.  Mythenbildung leicht gemacht. Die Angaben zu den Einnahmen der Stars beruhen fast ausschließlich auf Schätzungen. Klar ist, dass nur die wenigsten YouTuber von ihren Produktionen gut leben können. Das scheint in Einzelfällen aber recht gut zu klappen: So soll der Schwede PewDiePei mit seinen Videos im Jahr 2016 rund 15 Millionen Dollar eingenommen haben.  Und es sieht ja auch alles so leicht aus. Statt  abgehobener Ikonen wie einst Madonna oder Michael Jackson erscheinen die Youtuber wie die netten Stars von nebenan, die alles haben, was das Herz begehrt: Dner darf stets im neuesten Mercedes herumdüsen. Dagibee lässt es sich in Dubai gut gehen. Julian Bam und seine Freunde haben die enge WG gegen eine schicke Villa getauscht. Kein Wunder, dass immer mehr Jugendliche als Berufsziel YouTube Star angeben. „Wer mit YouTube seinen Lebensunterhalt verdienen will,  sollte sich auf den dornenreichen Weg eines Kreativen einstellen“, gibt Lars Gräßer zu bedenken. „Der Markt ist eng. Die deutschsprachige Szene ist momentan in der Hand von maximal 150 Produzenten, die von ihren Videos leben können. Und die Plattform zieht die Daumenschrauben an: Die Möglichkeiten zum Finanzieren werden immer schwieriger. “

Statt mit verächtlichen Kommentaren oder Verboten auf den Traum vom coolen Youtuber-Leben  reagieren, rät Lars Gräßer Eltern eher zum Aufklären und Entzaubern. „Den Kindern sollte klar sein, welche Mechanismen in den sozialen Netzwerken greifen, welche Funktion also beispielsweise die Multichannel-Netzwerke haben, die hinter den erfolgreichen Youtubern stehen und sie vermarkten“, so der Medien-Experte.

Angebote wie die App „YouTube Kids“, die seit September 2017 in Deutschland verfügbar ist und per Software ausschließlich altersgerechte Videos bieten soll, sieht Gräßer kritisch. Denn  Werbung gibt es auch hier. Außerdem ist YouTube Kids unter dem Stichwort Elsagate in die Kritik geraten:  Auf den Kinderkanälen kursierten Ende letzten Jahres tausende Videos mit obszönen und gewaltverherrlichenden Inhalten, die im Gewand lustiger Disneyfilmchen daherkamen, darunter ein Spiderman, der Eiskönigin Elsa in die Badewanne pinkelte. „Das zeigt, wie leicht die Algorithmen auszutricksen sind“, so Gräßer. Ähnliches gilt für Optionen wie den „eingeschränkten Modus“, eine Art YouTube Kindersicherung. Wer sich auf die Suche macht nach einer Anleitung, wie man diese Funktion aktiviert, stößt auf mindestens genauso viele Tipps, wie man sie umgehen kann.

Hier sieht Gräßer, der selbst Vater einer kleinen Tochter ist, die Eltern in der Pflicht: „Es führt kein Weg daran vorbei: Eltern müssen den Medienkonsum ihrer Kinder genau beobachten, sie sensibilisieren und auf die Werbewelt vorbereiten. Aus dieser Verantwortung können wir uns nicht stehlen, wir können die Erziehung nicht YouTube überlassen.“ Und was wenn die Kids dann größer werden und alleine im Netz unterwegs sein wollen? Zwar gibt es dann noch Angebote wie das Jugendschutzprogramm JusProg, aber, so Gräßer: „Technik wird immer ein schlechter Erzieher bleiben. Am Ende geht es doch darum, Kinder auf dem Weg zu unterstützen, selbstbewusste, kritische und kreative Mediennutzer zu werden, die eigenständige Entscheidungen treffen können.“

npo // Foto: Istock

You Tube-Formate für Dummies:

  • Challenge: Herausforderungen im Netz, die durch gepostete Videos angenommen und bestanden werden
  • Haul-Video: (haul, engl.: Ausbeute/Fang) Video, in dem You Tuber oder Bloggerinnen neu gekaufte Kosmetika, Kleidung oder Accessoires präsentieren
  • Let’s Play / Gaming-Video: Mehr oder weniger versierte Spieler spielen aktuelle Videospiele vor laufender Kamera und zeigen deren Stärken und Schwächen auf.
  • Life Hack: Tipps und Tricks für den Alltag
  • Prank: Streich vor laufender Kamera
  • Tutorial / Howto: (Kurz-)Anleitung zum Lösen eines Problems oder um Neues zu lernen
  • Unboxing-Video: Video, in dem neue Produkte vor laufender Kamera ausgepackt werden

 

Mehr erfahren über YouTube:

  • Was ist You Tube? Expedition in eine fremde Welt (für Erwachsene)

youtube.com

  • Broschüre: Werbung und Kommerz im (mobilen) Internet

klicksafe.de

  • Klick Safe: EU-Initiative für mehr Sicherheit im Netz

Viele Basisinformationen zu Apps, Facebook, You Tube etc., Empfehlungen für gute Internetseiten und Apps, Informationen zu technischem Schutz. Inhalte auch auf Englisch, Türkisch, Russisch und Arabisch.

klicksafe.de

  • Internet ABC

Spielerisches und sicheres Angebot für den Einstieg ins Internet. Die Plattform richtet sich an Kinder von etwa fünf bis zwölf Jahren sowie an Eltern und Pädagogen – unter anderem mit einem Internet-ABC für Eltern.

internet-abc.de

4. Juni 2018

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