Klassik für die Kleinsten

Zu Besuch bei der TourneeOper Mannheim. Wenn Kinder nicht mehr in die Oper gehen, dann kommt die Oper eben zu den Kindern.

Klassische Musik gehört zum kulturellen Selbstverständnis Europas. Ein Satz, den wir wohl alle unterstreichen würden. Aber wann waren wir zuletzt mit den quengelnden Kindern im Konzert, mit dem gelangweilten „Pubertier“ im Theater oder gar in der Oper? Klassische Musik ist wunderbar, sie erfüllt, sie tröstet, sie macht Mut, sie leistet wertvolle Beiträge zur Persönlichkeitsentwicklung, zur Integration und zur Inklusion. „Klassische Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist“ (Victor Hugo). Aber: der Zugang zu klassischer Musik muss erarbeitet werden. Denn die Komplexität erschließt sich ungeübten Hörern nicht beim ersten, zweiten oder auch dritten Zuhören. Es ist erst einmal lange Zeit einfach langweilig. Dabei ist es eine fundamentale ästhetische Erfahrung, die Kraft eines Sinfoniekonzerts zu erleben. Sich auf etwas einzulassen, dass man nicht gleich versteht, ist darüber hinaus für die Persönlichkeitsentwicklung grundlegend. Stichwort: Frustrationstoleranz. Wer in der Kindheit nie Noten studiert hat, im Chor gesungen oder ein Instrument gelernt hat – und wer nicht regelmäßig klassische Musik gehört hat – der wird wohl nur in Ausnahmefällen als Jugendliche/r oder Erwachsene/r seine Begeisterung für Wagner oder Puccini entdecken. Zahllose Studien und Untersuchungen belegen jedoch die Bedeutung für die Entwicklung der Kinder, speziell in den ersten Lebensjahren. Und obwohl wir all das wissen, verliert die kulturelle Bildung in der Schule, die Tradition der Ausbildung eines ganzheitlichen, also auch musisch gebildeten Menschen, immer mehr an Bedeutung.

Natürlich hat die Krise klassischer Konzertformen, ja, die Akzeptanz klassischer Musik allgemein, mit den Veränderungen im Seh- und Hörverhalten unserer Kinder zu tun. Der schnelle Zugang zu allem, das Konsumieren ästhetisch prall und bunt aufbereiteter kürzester Sequenzen macht den geduldigen Genuss von Schönbergs Zwölftontechnik nicht wahrscheinlicher. Experten sprechen inzwischen von „musikalischem Analphabetismus“, wenn sie über die Hörgewohnheiten deutscher Kinder und Jugendlicher sprechen. Immer mehr Theaterhäuser und große Opernhäuser erkennen, dass sie aktiv werden müssen, für das Publikum von morgen. Wenn sie nicht in 30 Jahren vor leeren Sälen spielen wollen. Sie bieten Workshops, Kinderorchester, Ferienkurse für die „Opernmäuse“ oder „Theaterkinder“ an. Regelmäßig wird zu Familienkonzerten und Mitmachangeboten geladen. „La Bohéme“ steht beispielsweise in der Oper Frankfurt für Kitakinder auf dem Programm. Mit dem Projekt „Oper.Über. Leben“ will die Bayrische Staatsoper München Kinder mit Migrationshintergrund erreichen.

„Wir werden von den Kindern gefeiert wie Popstars“

„Der Zugang zu klassischer Musik muss unterhaltsam und interaktiv sein!“ „Und trotzdem“, erklärt die ausgebildete Opernsängerin Tanja Hamleh, „erreichen diese Angebote meistens nur ganz bestimmte Kinder. Nämlich die, deren Eltern ins Konzert und in die Oper gehen.“ Tanja Hamleh will aber alle Kinder und ihre Familien erreichen und klassische Musik für alle erlebbar und verständlich machen. Tanja Hamleh ist Gründerin der TourneeOper Mannheim. Seit rund zehn Jahren bietet die TourneeOper Mannheim Klassische Musik für Kita- und  Grundschulkinder sowie Workshops für Schulen an. Was als kleines, ehrgeiziges Projekt begann, ist heute ein Unternehmen mit mehreren Festangestellten und rund 20 selbständigen Künstlern, die wochenweise gebucht werden und auf Tour gehen. 350 Vorstellungen werden inzwischen pro Jahr absolviert. Die Tourneeoper Mannheim, kurz TOM, trägt zwar das Mannheim im Namen, tritt aber bundesweit auf und begeistert Kinder von Hamburg bis München. Begeistern kann man hier durchaus wörtlich nehmen. „Wenn wir ankommen und unsere Bühne aufbauen, sind die meisten Kinder noch sehr zurückhaltend. Mit Oper können sie erst einmal nichts anfangen. Wenn wir wieder fahren, dann werden wir gefeiert wie Popstars“, erzählt Tanja Hamleh, die selbst in vielen Inszenierungen mitwirkt und sämtliche Opern kindgerecht inszeniert hat. „Es hat keinen Sinn gleich mit drei Stunden Wagner anzufangen“, erklärt Hamleh. Der Zugang muss spielerisch unterhaltsam und interaktiv sein. Interaktiv bedeutet, dass eine Reihe von „Mitspielkindern“ mit auf die Bühne dürfen und kleine Statistenrollen übernehmen, auch das Reinrufen und Mitmachen der anderen Kinder ist erlaubt und wird spielerisch in das Geschehen mit eingebunden. Vor ihrem Auftritt bekommen die jeweiligen Schulen und Kitas außerdem Vorbereitungsmaterial geschickt. So können die Pädagogen bereits im Unterricht auf die Geschichte eingehen und die Lieder mit den Kindern üben. Wenn es dann so weit ist, dürfen alle bei den „Mitsingliedern“ lauthals mitsingen. Auf dem Programm stehen Kinderopernstücke wie „Papageno und die Zauberflöte“, „Edgar, das gruselige Schlossgespenst“, oder „Aida und der magische Zaubertrank“. Eine Aufführung für Kinder ab fünf Jahren geht immer eine Stunde. Anschließend dürfen die Kinder noch ihre Fragen rund um das Thema Oper und Musik stellen. Spaß und Freude an der Musik stehen hier ganz klar im Vordergrund. Trotzdem bleiben die (erwachsenen) Darsteller authentisch. „Es geht nicht darum, die Kinder zu bespaßen“, so Hamleh, „sondern sie unterhaltsam an das Thema Oper und den Reichtum klassischer Musik heranzuführen.“

Reinrufen ist ausdrücklich erlaubt!

Besonders intensiv seien die einwöchigen Workshops in den Schulen. Hier stellen die Grundschüler unter Anleitung der professionellen Opernsänger und Theaterleute alles auf die Beine, was man für eine erfolgreiche Operninszenierung braucht: Kostüme, Bühnenbild, Maske – und natürlich den Gesang. Die Kinder bauen die Requisiten, kümmern sich um die Kostüme, proben eine Oper und führen sie vor Publikum auf. Ganz nebenbei wird so das Bewusstsein der Kinder für den eigenen Körper gestärkt, für Atmung, Stimme und Artikulation. Die Kinder lernen, was gegen Lampenfieber und Nervosität hilft und wie wichtig es ist, sich im Zusammenspiel mit den Klassenkameraden aufeinander verlassen zu können, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen.

bw // Fotos: Tourneeoper Mannheim

Anfragen  unter:
TourneeOper Mannheim e. V.
Buchener Straße 94
68259 Mannheim
0621 7141416
tourneeoper-mannheim.de

3. Juni 2019

1 Kommentar

Die Aufführungen der Tourneeoper Mannheim sind wirklich für alle immer ein einzigartiges Erlebnis. Sehr gute musikalische Qualität von ausgebildeten Sängern sowie pädagogisches Geschick im Umgang mit den Kindern zeichnen die Tourneeoper aus. So wird klassische Musik lebendig und lebensnah für die Kinder. Eine echte Bereicherung für jeden Kindergarten und jede Schule.

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