Kleine Schule, gute Schule


Zu Besuch im Wald-Michelbacher Ortsteil Unter-Schönmattenwag, in der Grundschule Schimmeldewog. Hier wird von Lehrenden, Kindern und Pädagogen täglich umgesetzt, was andere Schulen nur theoretisch im Programm haben: Jedes Kind wird individuell gefördert. Die Kinder lernen selbstständig zu arbeiten, sich Ziele zu setzen, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen. Zu Recht bekommt die „Kleine Schule“ in den letzten Jahren verstärkt Anerkennung, freut sich über Schulpreise und Auszeichnungen und ist ganz offiziell eine der besten Schulen Deutschlands. Übrigens: Die „Kleine Schule“ im Odenwald ist keine teure Privatschule. Sondern eine ganz normale Grundschule.

Etwas verspätet erreichen wir an diesem eisigen Januarmorgen den kleinen Ort im Odenwald. Das macht heute aber überhaupt nichts, denn Lehrer Matthias Dautel hat den Schulschlüssel in der Schule vergessen und nun warten rund 70 Kinder, davon 14 Erstklässler, auf den Ersatzschlüssel. Trotz Kälte haben alle gute Laune und wenig später geht es rein ins Warme.

Die neunjährigen Schülerinnen Marie und Elina geben uns zum Auftakt eine Schulführung. Klassische Klassenzimmer gibt es hier nicht, dafür Lernwerkstätten. Wir starten im Sachkunderaum und bekommen das Equipement und alle Accessoires gezeigt und erklärt. Der helle Raum ist eine Mischung aus Klassenzimmer, Labor und Experimentierclub. Alles ist an seinem Platz und übersichtlich angeordnet. So wissen die Kinder immer genau, wo sie nach bestimmten Materialien suchen müssen – und wo sie anschließend wieder verstaut werden. Von Druckerwerkstatt über Papierschöpfstation, Kalligraphie-Ecke, Platz für die Laptops und Mikroskope ist alles da. Jedes der vier Klassenzimmer ist ein Themenzimmer, Klasse 1 und 2 werden jahrgangsübergreifend als „Flexklasse“ unterrichtet, Hausaufgaben gibt es übrigens erst ab Klasse 4. „Ich glaube nicht an Hausaufgaben“, erklärt der Lehrer Matthias Dautel, „sie machen zuhause nur schlechte Stimmung. In der vierten Klasse müssen wir aber damit beginnen, damit sich die Kinder für die weiterführende Schule an Hausaufgaben gewöhnen.“

Bevor wir die drei anderen Klassenzimmer besichtigen, geht es heute früh erst einmal zum Montagssingen. Immer drei Kinder bereiten den Start in die Woche vor und dürfen die Lieder aussuchen. Bei „What shall we do with the drunken sailer“ wird heftig geschunkelt und mitgegrölt. Wir werden noch schnell durch die übrigen Räume geführt, bevor die „Freiarbeit“ startet. Bis zur Frühstückszeit dürfen die Kinder selbst entscheiden, woran sie arbeiten. Ob sie Steine unter dem Mikroskop untersuchen, eine Geschichte auf dem Laptop oder ins Heft schreiben, ob etwas gebaut oder gesägt wird, oder eine Buchpräsentation vorbereitet wird. Jedes Kind muss am Ende des Tages sein „Lerntagebuch“ ausgefüllt vorzeigen. Hier dokumentieren die Kinder, an was sie gearbeitet haben, woran noch gearbeitet werden muss. So können auch die Lehrer überprüfen, ob die Lernziele jeder Klassenstufe abgedeckt sind. Durch diese Art des Lernens wird Lernverantwortung und Selbsteinschätzung der Kinder gestärkt. Gearbeitet wird viel mit den Materialien von Maria Montessori. Kinder lernen Sprache und Zahlen anschaulich. Begriffe bleiben nicht abstrakt, sondern werden mit visuellen und haptischen Elementen verknüpft.

Der  rhythmisierte Unterrichtsvormittag mit freier Arbeitszeit, individueller Übungszeit und regelmäßiger Projektarbeit, in dem die Kinder sich individuell entwickeln können (die Hirnforschung bestätigt immer wieder, dass Lernen ein individueller Prozess ist) wird nach Bedarf von Tages-, Wochen- oder längerfristige Förderplänen ergänzt. Mit jedem Kind wird ab der ersten Klasse ein pädagogisches Lernbegleitheft geführt, das die individuelle Entwicklung der Lernprozesse in den verschiedenen Lernbereichen festhält. Der Vormittag ist in der Kleinen Schule stark strukturiert – trotz aller Freiheiten. Um 9.30 Uhr ist Frühstückszeit, eigentlich kommt täglich ein Elternteil und bereitet das Frühstück vor, heute hat das nicht geklappt. Deshalb übernehmen die Kinder das spontan selbst. In der folgenden „Übstunde“ setzen sich die Kinder ihr „Ziel der Woche“. Das kann sein, eine Geschichte zu schreiben, Vokale zu lernen, Prozentrechnen zu verstehen.

Aurelia und Lisa sollen Deutsch üben. Zehn Doppelkonsonanten sollen sie finden und anschließend eine Geschichte mit diesen Wörtern erfinden. Andere Kinder finden das doof. „Dann sucht doch zehn Wörter mit ie“, schlägt ihr Lehrer Matthias Dautel vor.  „ie“ finden sie viel besser, aber erst mal werden die neuen Hefte ausführlich mit Glitzerstiften verziert, während über die Doppelkonsonanten diskutiert wird.

Der dritte Block des Tages, die Projektarbeit in den Klassen, beginnt um 11 Uhr. So lange es nicht zu laut wird, dürfen sich die Kinder beim Arbeiten natürlich auch unterhalten. Die ruhige Atmosphäre ist auch etwas, das an der Grundschule auffällt. Obwohl ab und zu durch die Gänge geflitzt wird, ist der Schultag hier kein Vergleich mit der Drängelei und Schubserei auf Schulhöfen anderer Schulen. Im Frühling und im Herbst wird der Unterricht teilweise nach draußen verlagert; entweder werden die drei Bienenvölker versorgt und der Honig geerntet, oder, von der schuleigenen Waldhütte aus, der ganze Wald zur „Lernwerkstatt“ gemacht. bw // Fotos: mschi
Übrigens: Für den Ausbau des Ganztagsangebots sucht die Schule für das kommende Schuljahr noch Lehrkräfte. Mehr unter: kleine-schule.de

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