Könnt ihr euren Kindern bitte wenigstens nachts die Handys wegnehmen?

Elternabend, Klasse 6. Es ist nur ein Nebensatz. Die Eltern mögen „hier und da“ doch mal einen Blick aufs Handy ihrer Kinder werfen, bittet die Elternvertretung. Weil einige Kinder schrieben dort Whatsapp bis tief in die Nacht. Konkret sei tief in die Nacht übrigens bis morgens um fünf. Die Kinder sind elf und zwölf Jahre alt.
Als Mutter zweier Kinder im Gymnasialalter bin ich einiges gewohnt in Sachen Elternabend. Ich erinnere mich bestens an eine knapp einstündige Diskussion in der Kita, ob es zu verantworten sei, dass die Kleinen Rührei und Fischstäbchen in einer einzigen Mahlzeit bekämen, oder das nicht ernährungstechnisch quasi schon ein Fall fürs Jugendamt wäre. Ich erinnere mich an einen Kindergartenelternabend, bei dem darüber gestritten wurde, ob die Kinder ausreichend „Kuschelecke zum Entspannen“ hätten oder nicht.
Ich lernte: Man kann bemerkenswert lange über so eine Kuschelecke sprechen.
Ich erinnere mich an Grundschulelternabende, an denen halbe Ewigkeiten darüber diskutiert wurde, welche Süßigkeiten, Anziehsachen und Spielzeuge mit zur Klassenfahrt dürfen, damit die Kinder auch ja keinen bleibenden Schaden davontragen.
Oder über gesunde Pausenbrote.
Oder über „weiße Lieferwagen“, die angeblich Kinder vor Schulen einsammeln und klauen.

Derart elternabendgeschult würde ich nun erwarten, dass die Nachricht, dass Elfjährige ihre Nächte am Handy verbringen, zumindest eine klitzekleine Aussprache unter den Eltern auslösen würde.
Fehlanzeige.
Die Diskussion geht nahtlos in eine Grillhüttenbuchung zum Sommerfest über. Ich hab ja nichts gegen Grillhütten, aber das lässt mich ratlos zurück. Eine gute halbe Stunde vorher hat der Lehrer informiert, dass einige Kinder so müde zum Unterricht erscheinen würden, dass sie morgens erst mal ihren Kopf auf die Tischplatte legen, die Konzentration insgesamt ein Problem sei, das Unterrichten mitunter schwierig.
Man könnte nun als Eltern einen Zusammenhang herstellen zwischen nächtlicher Handynutzung, Müdigkeit und mangelnder Konzentration. Man könnte sich nun austauschen als Eltern, das Gespräch mit dem Kind suchen, Regeln zur Handynutzung finden und verabreden.
Ich weiß, dass viele Eltern das tun. Ich weiß aber auch, dass viele Eltern das nicht tun. Täten sie es, würden zwischen 20 und 23 Uhr keine 64 Whatsapp-Nachrichten auf dem Kinderhandy auflaufen und manchmal weit über 100 bis zum nächsten Morgen.

Ich rege mich nun oft und gerne und wiederholt über unser Schulsystem auf.
Ich finde Hausaufgaben rückständig und Strafarbeiten räudig.
Ich hab auch viel Anlass zum Aufregen, weil ich leider Kinder habe, die immer ganz vorne mit dabei sind, wenn’s um Strafarbeiten geht, Stören im Unterricht oder verbale Spitzfindigkeiten. Das ist anstrengend. Angepasst wäre mir lieber, aber ein Lehrer sagte mir jüngst: „Sie sind ja auch nicht auf den Mund gefallen, kein Wunder also, dass es Ihre Kinder auch nicht sind.“ Er hat recht und Verständnis, obwohl es auch für ihn anstrengend ist.
Wir Eltern erwarten dieses Verständnis von den Lehrern auch und erwarten von Lehrern noch viel mehr. Wir erwarten maximales Engagement und pädagogische Höchstleistungen. Wir erwarten, dass sie unsere Kinder möglichst individuell fördern, stets gerecht sind, moderne Unterrichtsmethoden anwenden.
All das bitte immer freundlich, ausgeruht und motiviert.
All das bitte auch in Zeiten, in denen die Pubertät so gnadenlos zugeschlagen hat, dass wir unsere eigenen Kinder manchmal kaum wiedererkennen.
Wir erwarten das alles mit Fug und Recht.

Aber wie kann es im Gegenzug sein, dass ihr – die ihr vor ein paar Jahren noch Gemüse geschnitzt, Dinkelkekse gekauft,  Zucker verteufelt und Fernsehen geächtet habt – gleichgültig seid, wenn eure Kinder nächtelang Youtube schauen, zocken und sinnfreie Chatnachrichten verschicken, während ihr selbst längst schlaft?
Ich bin kein Lehrer, aber wäre ich einer, dann wäre ich verdammt wütend darüber, wenn ich mir den Hintern aufreiße, um einer Bande Präpubertierender Tag für Tag möglichst abwechslungsreich und engagiert Schulstoff ins Hirn zu stopfen und die Eltern nicht mal bereit sind,  den einfachsten Grundsätzen in Sachen Erziehung nachzukommen.
Nämlich dass das Kind nachts schläft, damit es ausgeruht in die Schule kommt. Und da muss man zur Not halt auch mal abends das Handy wegnehmen, wenn das Kind nicht freiwillig ausschaltet. Und eventuell ist das Kind dann auch sauer. Das müsst ihr aushalten. Ihr seid Eltern.

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2 Kommentare

Kuschelecke, Kita-Essen, Klassenfahrten sind Themen, bei denen die Eltern mit dem Finger auf die Erzieherinnen, Lehrer, etc. zeigen können. Bei der nächtlichen Handynutzung müssten sie auf sich selbst zeigen und das wollen sie einfach nicht.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Eltern selbst so smartphoneabhängig sind, dass sie den überhöhten Komsum ihrer Kinder gar nicht mehr als solchen wahrnehmen.

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