„Stillen ist Herzenssache“

Die Gedanken und Gefühle, die eine Frau nach der Geburt überschwemmen, lassen sich nur schwer in Worte fassen. So individuell diese ersten gemeinsamen Minuten auch sind – relativ rasch kommen alle jungen Mütter an den gleichen Punkt: Ihr Baby hat das erste Mal Hunger. Was nun? Brust oder Fläschchen? Durch das Stillen erhält ein Baby nicht nur alle Nährstoffe, die es für seine Gesundheit und seine Entwicklung benötigt, sondern gleichzeitig ebenso essenzielle Grundelemente wie körperliche Nähe, Sicherheit und Geborgenheit. Aber nicht jede Frau möchte stillen. Und bei wieder anderen funktioniert es nicht. Zwischen Muttermilch und Pre-Nahrung existiert heutzutage ein Vielfaches an Möglichkeiten. Fest steht: Es gibt nicht den einen Weg, ein Baby liebevoll und gesund zu ernähren. Jede Mutter ist anders, kein Baby ist gleich. Aber wie findet eine Frau den für sie richtigen Weg? Mit welchen Problemen und Herausforderungen haben junge Mütter zu kämpfen? Wie kommt frau gut durch die Stillzeit?

Seit 19 Jahren arbeitet Christina Stalf als Hebamme. Nach ihrer Ausbildung an der Universitäts-Frauenklinik in Bonn und Tätigkeit im Kreißsaal der St. Hedwig-Klinik in Mannheim machte sich Christina 2007 selbstständig. Sie gründete eine Hebammenpraxis in Ketsch, die sie seit 2008 gemeinsam mit ihrer Schwester Susanne leitet. Christina hat einen sechzehnjährigen Sohn.

Christina, als Hebamme lernst du werdende Mütter bereits in der Schwangerschaft kennen, oft lange bevor das Thema Stillen tatsächlich „relevant“ wird. Wie erlebst du diesen Aspekt des Mutter-Daseins und wie stillfreudig sind die Mamis von heute?

Mittlerweile lerne ich einen Großteil der Frauen, die ich als Hebamme betreue, schon sehr früh kennen, oft bereits in ihrer 6., 7. Schwangerschaftswoche. Bei diesen Kennenlerngesprächen stelle ich grundsätzlich die Frage, ob die werdende Mutter es sich vorstellen kann zu stillen. Die meisten wollen es probieren, ganz unvoreingenommen. Und in dieser Einstellung unterstütze ich sie. Den noch unschlüssigen Frauen rate ich, erst einmal in Ruhe abzuwarten. Oft kristallisiert sich der Wunsch, zu stillen, mit der Zeit heraus. Wenn der Bauch wächst, wenn sich die Bindung zum Baby intensiviert. Und, ganz wichtig, man muss diese Entscheidung auch nicht vorab treffen. Bisher habe ich nur wenige Schwangere kennengelernt, die das Stillen von vornherein komplett ablehnen. Diese frage ich, völlig neutral, nach ihren Gründen. Abhängig von diesen Gründen zeige ich verschiedene Optionen auf – Abpumpen; Stillen, aber am Wochenende Papa das Fläschchen geben lassen o.ä. –, aber niemals versuche ich, die Frau umzustimmen. Nie. Das nehme ich mir nicht raus. Es ist ihr Körper, ihr Baby. Am allerwichtigsten ist, dass eine junge Mutter glücklich und zufrieden ist. Und wenn bei ihr dieser Weg nicht übers Stillen, sondern über das Fläschchen geht, dann ist das eben so.

„Niemals versuche ich, die Frau umzustimmen. Nie.“

Wie bereitest du Schwangere auf das Stillen vor?

Neben dem erwähnten Kennenlerngespräch stellt das Stillen natürlich auch ein großes Thema im Geburtsvorbereitungskurs dar. Zu Beginn frage ich gerne ab, welche Vorstellungen die Frauen haben, wie oft ein Baby ihrer Meinung nach Hunger hat, wie lange es saugt usw. Und während Erstgebärende Antworten geben wie Das Baby kommt alle drei bis vier Stunden, nuckelt fünfzehn Minuten an jeder Seite und schläft dann wieder ein, erkennt man am stillen, wissenden Lächeln die Frauen unter ihnen, die bereits Kinder haben. Ja, das ist der Idealfall, sage ich dann, aber wie sieht die Realität aus? Man muss ehrlich zu den Frauen sein. Säuglinge trinken nun mal sehr ausdauernd, sehr häufig, sehr lange und sehr gerne. Wir reden über wunde Brustwarzen, Ansaugschmerz, Frustration und Tränen. Ich versuche, ihnen sämtliche Fragen zu beantworten. Außerdem empfehle ich ihnen auch immer, sich untereinander auszutauschen und offen zueinander zu sein. Und vorab nicht zu viel Fachliteratur zu lesen. Stillen ist eine Herzenssache, keine Kopfsache.

Wie lege ich richtig an? Wann gehen die Schmerzen weg? Warum trinkt mein Baby nicht? – Gerade am Anfang funktioniert das Stillen nicht immer. Wie kann man jungen Müttern den Start erleichtern?

Ehrlich gesagt empfehle ich Frauen, ambulant zu entbinden und nach der Geburt sobald wie möglich nach Hause zurückzukehren. Natürlich nur, wenn bei Mutter und Kind weder gesundheitliche noch andere Dinge dagegensprechen und eine Hebamme für die Nachsorge bereitsteht. Die junge Mutter und ihr Baby können in ihrer vertrauten Umgebung viel besser zur Ruhe kommen, die Glückshormone sind noch ganz präsent, alles ist entspannter. Genau das sind die Voraussetzungen für den perfekten Start. Und meine Erfahrung zeigt, dass diese Frauen deutlich weniger Probleme haben, was das Stillen angeht. Denn im Krankenhaus ist weder die Zeit noch die Ruhe dafür. Im Kopf der Frauen wirbeln in den ersten Tagen so viele Fragen und Emotionen herum, und jeder Schichtwechsel bringt eine andere Meinung und andere Ratschläge mit sich. Diese Tipps sind, jeder für sich, bestimmt wichtig und richtig, aber sie verwirren eben auch. Und gerade für Erstgebärende sind diese vielen Ansätze und Meinungen oft ganz, ganz schrecklich und verstörend. Das führt zu Stress – und Stress wirkt sich ungünstig auf die Milchbildung aus. Sehr viele Frauen nehmen bereits während ihres Krankenhausaufenthaltes Kontakt zu mir auf, weil sie verwirrt und unsicher sind. Je früher die Mutter mit ihrem Baby nach Hause kommt, desto besser. Hier kann ich sie von Anfang an an die Hand nehmen und ganz in Ruhe individuell auf sie, ihre Bedürfnisse und Wünsche eingehen.

stillenWie sieht deine Stillbegleitung in den ersten Tagen aus?

In den ersten zehn Tagen besuche ich Mutter und Baby täglich, wenn nötig auch zweimal. Wenn das Clustern beginnt – also das Baby häufig Hunger hat (engl. to cluster = sich anhäufen) und unter Umständen ständig gefüttert werden will –, kann ich somit sofort Hilfestellung geben. Und die gestaltet sich völlig individuell. Von Anlegetechniken und Stillpositionen über Händchen halten bis hin zu einfach nur zuhören oder mentaler Aufbauarbeit. Wenn das Stillen nicht gleich klappt, probieren wir gemeinsam alle möglichen Wege aus, um ans gewünschte Ziel zu kommen. Das gelingt durch die Nähe, die ich zu den Frauen und ihren Babys aufbaue. Die Frauen wissen, dass ich für sie da bin und sie mich jederzeit anrufen können. Ich unterstütze sie bei ihrem Wunsch zu stillen, motiviere sie, aber achte gleichzeitig auch auf ihre Körpersprache. Stillen muss sowohl Mutter als auch Baby Spaß machen, dann ist es das Tollste auf der Welt. Manchmal muss die Frau ein bisschen dranbleiben, hartnäckig sein. Aber es sollte niemals erzwungen werden. Es gibt nichts Schlimmeres, als dass eine Mama leidend stillt. Wenn ich das bemerke, frage ich sie offen, ob sie gerne abstillen möchte. Oft sind diese Frauen sehr dankbar, weil man es für sie „ausspricht“. Ich nehme sie dann in den Arm, und ja, dann kommen auch manchmal ein paar Tränchen. Es ist so wichtig, dass sie verstehen, dass es sie zu keiner schlechten Mutter macht, wenn sie abstillen und dem Baby die Flasche geben. Dass sie kein schlechtes Gewissen haben müssen. Eine glückliche Mama ist viel, viel wichtiger. Jede Einzelne soll hinterher zurückschauen und sagen können: Ja, ich habe mit viel Liebe die Flasche gegeben, oder: Ich habe es geliebt, zu stillen.“

Wie sehr lassen sich Schwangere und junge Mütter beim Thema Stillen vom äußeren Umfeld beeinflussen?

Viele Frauen haben die leider nicht ganz unberechtigte Sorge, dass ihr Wunsch, das Baby nicht zu stillen, dazu führt, keine Hebamme zu finden. Denn es gibt tatsächlich Hebammen, die nur stillende Mütter betreuen. Ich kenne auch Fälle, in denen sich Frauen im Krankenhaus in der Hebammensprechstunde einiges anhören mussten, wenn sie angaben, nicht stillen zu wollen. Solche Erlebnisse sind schlimm für Schwangere. Allerdings sind es hauptsächlich Familienangehörige oder Freunde, die sich herausnehmen, die Entscheidung der jungen Mutter hinsichtlich Babyernährung zu kommentieren und sich einzumischen. Äußerungen wie „Willst du nicht das Beste für dein Kind?“ und andere unterschwellige Vorwürfe können unheimlich verletzend und niederschmetternd sein. Und ja, Mütter, die nicht stillen, werden sogar schräg angeguckt und müssen sich erklären. Da gilt es für mich als Hebamme, riesige Aufbauarbeit zu leisten, die Frau in ihrem Weg zu unterstützen und ihr den Rücken zu stärken.

Gibt es bestimmte Sätze oder Weisheiten, die du dir im Laufe der Jahre angeeignet hast? Welchen Rat gibst du jungen Müttern mit auf den Weg?

In den Tagen vor dem Milcheinschuss lautet mein Mantra: Jeder Tropfen zählt.“ Sie lacht. „Außerdem ermutige ich jede frischgebackene Mutter, zu weinen, wenn ihr danach zumute ist. Lasst es raus! Wenn es oben staut, staut es auch unten. Oder andersrum: Wenn es oben läuft, läuft auch die Milch.

Hannah Jarosch // Fotos: privat // Adobe Stock

 

 

 

 

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